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Tags: Berlin, Bundeswasserstraße, Kanal, Martin Frech, Teltowkanal, Uferzonen
Am vergangenen Sonntag haben wir im Rahmen des 10. Kölner Kultursonntags meine Ausstellung Transition II — Uferzonen mit einer Matinée in der schaelpic photokunstbar in Köln eröffnet.

Impression von der Matinee (Foto: Theo Hilgers/AfM)
Da traditionell ich der schaelpic-Eröffnungsredner bin, gab es zu meiner eigenen Ausstellung leider keine Einführung. Als kurze Info möge daher mein folgender Pressetext dienen.
Orte jenseits des offiziellen Stadtraums sind wichtig für die kleinen Fluchten aus dem geregelten Alltag. Es sind begrenzte Freiräume, die man in jeder Stadt und auch auf den Dörfern findet. Kinder, Jugendliche und Erwachsenen nutzen sie gleichermaßen, jedoch zu unterschiedlichen Tageszeiten: zum Hundeausführen, um alleine zu sein, um die ersten Zigaretten zu rauchen, Feuerchen zu machen usw.
Martin Frech hat solche Orte am Teltowkanal in Berlin über zwei Jahre regelmäßig aufgesucht und für seine Fotoserie präzise dokumentiert. Diese etwas versteckten Uferzonen sind angeeignete Räume — offiziell ist der Zutritt verboten, praktisch wird er jedoch toleriert.

aus der Serie: Uferzonen (Marin Frech, 2011/2012)
Trampelpfade am Ufer des Kanals bilden das Motivrepertoire dieser Arbeit. Formal gleichen sich die Bilder: aus Augenhöhe leicht weitwinklig aufgenommen, zeigen sie mittig Abschnitte eines Pfades, dazu den angeschnittenen Kanal und die bewachsene Uferböschung. Häufig ist der Pfad unterbrochen, entweder durch überwuchernde Vegetation oder durch konkrete Sperren. Gelegentlich aufscheinende Architekturfragmente verorten die Szenerie in einem urbanen Kontext. Personen sind nicht zu sehen, allgegenwärtig sind jedoch Spuren regelmäßigen Gebrauchs; Details deuten auf unterschiedliche Nutzergruppen hin.
Martin Frechs Bilder zeigen Ansichten einer Kulturlandschaft: Während die auf den ersten Blick unspektakulären Uferzonen Rückzugsorte einer urbanen Parallelwelt sind, dient der vor hundert Jahren angelegte Kanal weiterhin als Bundeswasserstraße.
Martin Frech lebt und arbeitet als freier Fotograf in Tübingen. Die Motive für seine Arbeiten findet er überwiegend in Berlin. (–> Portfolio Martin Frech)

Impression von der Matinee (Foto: Theo Hilgers/AfM)
Transition I Martin Frech: Uferzonen |
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20 |
Ausstellungsdauer:
13. Mai 2013 bis 26. Juli 2013
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung) |
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Tags: Frank Doering, Himalaya, Landschaftsfotografie, Mustang, Nepal, schaelpic photokunstbar, Wanderung
Am vergangenen Freitag haben wir mit einer Vernissage die Ausstellung Transition I. Der Weg am schwarzen Fluss mit Bildern von Frank Doering eröffnet. Noch bis zum 15. Mai 2013 sind die Fotografien in der schaelpic photokunstbar in Köln zu sehen. 

Impression von der Vernissage; Foto: Andrea Otto/AfM
Zur Einführung habe ich eine kurze Ansprache gehalten, die ich hier dokumentiere.
Hinweise zu Frank Doerings Arbeit
Der Weg am schwarzen Fluss
© 2013 Martin Frech, randgebiete.de (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache
Wir bespielen diesen Projektraum im achten Jahr — zwölf Ausstellungen haben wir bislang gezeigt.
Dieses Jahr ist für uns das “Jahr des Weges”; unser diesjähriges Programm hat als Überschrift “Transition I bis III”; wir zeigen Landschaftsfotografie.
“Transition” steht für “Übergang” oder “Überleitung”, das englische “transition” bedeutet auch “Durchquerung”.
Für uns ist die Ambivalenz des Begriffs “Transition” interessant: zum einen kann man darunter den konkreten Weg von einem Ort zum anderen verstehen, zum anderen aber auch eine Zustandsänderung.
In den drei Ausstellungen werden wir drei fotografische Positionen präsentieren, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema “Weg” befassen.
Wir starten heute mit “Transition I” und zeigen Frank Doerings Fotos einer alten Handelsroute aus dem Himalaya.
Im Mai sehen Sie hier meine Bilder eines Uferwegs aus Berlin
und voraussichtlich im Oktober zeigen wir Tobias D. Kerns Annäherung an Martin Heideggers Feldweg.
Bilder und Texte zu unserem Projektraum und zu allen unseren Ausstellungen finden Sie auf unserer Website schaelpic.de.
Der Titel zu Frank Doerings Ausstellung, die wir heute eröffnen, lautet “Der Weg am Schwarzen Fluss”. Frank zeigt uns Landschaftsfotografien, die 2011 während einer Trekkingtour durch das ehemalige Königreich Mustang in Nepal entstanden sind.
Nepal liegt in Südasien, salopp gesagt eingeklemmt zwischen der VR China im Norden (konkret: dem Autonomen Gebiet Tibet) und Indien im Süden.
Das Land ist nicht halb so groß wie Deutschland und hat ungefähr 27 Mio. Einwohner. Nepal wird seit fünf Jahren formal demokratisch regiert, die Hauptstadt ist Kathmandu.
Im Norden und Osten Nepals liegt ein großer Teil des Himalaya-Gebirges, unter anderem der Mount Everest und sieben weitere der zehn höchsten Berge der Erde. Da wundert es mich nicht, dass Nepal das durchschnittlich höchstgelegene Land der Welt ist: Über 40 % des Landes liegen höher als 3000 m.
Der titelgebende Schwarze Fluss ist der Kali Gandaki, einer der großen Flüsse Nepals. (Schwarz erscheint der Fluss allerdings nur aufgrund von dunklen Ablagerungen, das Wasser ist wie üblich).
Das Quellgebiet des Kali Gandaki liegt in Nepal, im “Oberen Mustang”; das Wasser fließt über den Ganges in den Indischen Ozean.
Mustang ist ein Distrikt Nepals und liegt im Norden des Landes an Grenze zur VR China.
Die nördlichen Zweidrittel dieses Mustang sind das “Obere Mustang”. Dort war Frank unterwegs.
Franks Interesse am Buddhismus war ihm — neben seiner Faszination für diese Landschaft — ein wichtiger Antrieb für die Reise.
(Der Arbeitstitel für die Fotoserie lautete “Eine Annäherung an den Ursprung des tibetischen Buddhismus”.)
Der Buddhismus kommt aus Indien, Tibet liegt im heutigen China.
Nepal war bis 2006 das einzige Land der Welt, in dem der Hinduismus Staatsreligion war; 80 % der Nepalesen sind Hindus, nur 9 % gelten als Buddhisten.
Da habe ich mich in meiner Unkenntnis gefragt, warum man gerade nach Nepal geht, um dem Buddhismus nachzuspühren.
Nun, das liegt eben daran, dass Staatsgrenzen nur selten Kulturräume begrenzen; vor allem, wenn sich Kolonialmächte bei den Grenzziehungen eingemischt haben.
Das Gebiet war früher das unabhängige buddhistische Königreich (man liest auch: Fürstentum) Mustang.
Dieses Königreich wurde nach knapp 400 Jahren Unabhängigkeit im 18. Jh. vom angrenzenden Nepal annektiert. Nepal hieß damals noch Gorkha.
Mustang war auch zu Zeiten der Selbständigkeit sprachlich und kulturell immer an seinen großen Nachbarn Tibet gebunden.
Dieses Erbe wirkt nach. So wird das Gebiet “Lo” (= Süden) genannt, obwohl es im Norden Nepals liegt. Die Sprache der Lopa (das sind die Einwohner Mustangs) ist ein tibetischer Dialekt — noch immer ist die Kultur dort stark vom historischen Tibet geprägt. Auch der von den Lopa praktizierte Buddhismus entspricht im wesentlichen dem der Tibeter.
Das heutige Mustag wird denn auch dem südtibetischen Kulturraum zugeordnet, der an seinen südöstlichen Rändern über das festlandchinesische Staatsgebiet hinausreicht. Bhutan oder die indische Region Ladakh gehören beispielsweise auch dazu.
Doch zurück zu Franks Reise.
Mustang ist ein Schutzgebiet und kaum besiedelt, jedoch ein beliebtes Reiseziel für Trekkingtouristen und Bergsteiger aus aller Welt.
Das Gebiet war lange Zeit gesperrt, weil sich buddhistische Kämpfer im Tibet-Konflikt mit China dorthin zurückgezogen hatten.
Erst seit etwa 20 Jahren ist Mustang für Touristen zugänglich: Seit 1992 wird etwa 2000 Besuchern pro Jahr eine Einreisegenehmigung erteilt, die sich die Behörden teuer bezahlen lassen. (Nepal war 2010 übrigens auf Rang 146 von 178 des Korruptions-Index von Transparency Int.)
Frank hat an einer Trekkingtour in einer Gruppe von 14 Personen (plus Sherpas) teilgenommen; die Reise dauerte drei Wochen im November 2011. Das ist für diese Gegend die beste Reisezeit, es herrschen dann — zumindest tagsüber — angenehme Temperaturen und die Bergsicht ist klar.
Die Wanderung war ein Rundweg. Er begann in Jomsom auf etwa 2700 m Höhe, später wurden dann auf Pässen Höhen bis über 4000 m erreicht. Über Kagbeni ging es bis nach Lo Manthang — immer entlang am Westufer des des Kali Gandaki.
Lo Manthang wurde im 14. Jahrhundert gegründet. Es ist die ehemalige Hauptstadt des früheren Königreichs Mustang; alte buddhistische Klosteranlagen sind dort zu sehen. Heute leben dort etwa 1000 Menschen.
Lo Manthang war der Wendepunkt der Tour. Von dort ging es an der Ostseite des Flusses wieder zurück.
Das Tal des Kali Gandaki gilt als die tiefste Schlucht der Erde. Der Fluss fließt auf einer Höhe von 1.300 m–2.600 m — also etwa 6000 m tiefer als die höchsten Berge der Umgebung: Der Dhaulagiri und die Annapurna sind beides Achttausender.
In diesem Tal verlief über Jahrhunderte eine wichtige Handelsroute zwischen Tibet und Indien; vor allem Salz und Reis wurden hier transportiert.
Damit sind wir wieder bei unserem Jahresthema.
Franks Fotos stehen für eine konkrete Bedeutung des Begriffs “Weg”: Eine Verbindung zweier Orte, die genutzt wird, von einem Ort zum anderen zu gelangen.
Genauso wurde dieser Weg lange Zeit genutzt.
Für die Touristen hat dieser Weg jedoch nicht mehr diese Bedeutung. Der alte Weg existiert zwar weiterhin, die neuen Nutzer gehen auch noch die gleiche Strecke, jedoch nicht mehr den ganzen Weg — und aus vollkommen anderen Gründen.
Diesen Aspekt von “Weg” werde ich mit meinen Fotos eines Uferwegs genauer untersuchen, die Sie dann im Mai hier sehen können.
In Tobias’ Arbeit wird der Begriff des Weges weiter abstrahiert. In seinem Projekt dient der prinzipiell austauschbare konkrete Weg nur noch als Metapher.
Frank hat auf seiner Wanderung mit einer handlichen Mittelformatkamera schwarzweiß auf Film fotografiert — Sie sehen hier selengetonte Barytabzüge.
Die Prints existieren in begrenzter Auflage — Frank würde sich über Käufer freuen.
Mit Tobias hat Frank einen Unterstützer gefunden, der ihm die Negative nach allen Regeln seines Handwerks perfekt aufs Papier gebracht hat: schwarzweiße Landschaftsfotografie in der großen Tradition dieses Genres — genießen Sie diese wirklich schöne Ausstellung!

Foto: Frank Doering, Köln
Transition I Frank Doering: Der Weg am schwarzen Fluss |
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20 |
Ausstellungsdauer:
18. März 2013 bis 15. Mai 2013
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung) |
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Tags: Deutschland, Fotobuch, Gerry Johansson
Gerry Johansson: Deutschland
Anmerkungen zu Buch und Ausstellung
© 2013 Martin Frech, randgebiete.de (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache
Der schwedische Fotograf Gerry Johansson (geb. 1945) hat 1993 sowie von 2005 bis 2012 Deutschland bereist und hier fotografiert. 2012 wurden die Erträge dieses Projekts als Buch mit dem Titel Deutschland veröffentlicht.(1) Eine Auswahl der Bilder ist noch bis zum 30. März in einer Ausstellung in Berlin zu sehen.(2) Infos zum Fotografen finden sich auf dessen Website.(3)
Das Werk Deutschland ist der sechste und wohl letzte Titel einer Serie in der Johansson bisher die Bücher Amerika (1998), Sverige (2005), Kvidinge (2007), Ulan Bator (2009) und Pontiac (2011) veröffentlicht hat.
Gerry Johansson publiziert nicht als Menschen-Fotograf. Personen sind auf seinen Bildern nicht zu sehen — ihn interessiert die von den Menschen gestaltete Kulturlandschaft. Er steht damit in der Tradition der “New-Topographics”-Bewegung, die spätestens seit William Jenkins’ namensgebender Ausstellung von 1975 eine Wende in der Landschaftsfotografie eingeleitet hat: weg von idealisierten Landschaftsdarstellungen, hin zur dokumentarischen Arbeiten.
Johanssons Fotografien erzählen keine Geschichte und bilden keine Typologie. Ich würde die Arbeit auch nicht als Serie bezeichnen — es ist vielmehr eine Sammlung, die beinahe wie ein Katalog aufgemacht ist.
Von jedem Ort gibt es ein Bild, als Bildbeschreibung ist unter jedem Bild nur der Name des Ortes angegeben; die Seiten sind nicht paginiert. Die Bilder sind alphabetisch sortiert nach den Anfangsbuchstaben der Orte. Eine kleinen Schwäche ist jedoch, dass Bilder von Orten mit dem selben Anfangsbuchstaben nicht nach dem zweiten bzw. dritten Buchstaben sortiert sind. In diesen Fällen ist mir auch kein weiteres Sortierkriterium aufgefallen; es erscheint mir andererseits aber auch unwahrscheinlich, dass gerade hier der Zufall ins Spiel kommt.
Außer den üblichen Editionsvermerken ist dem Buch kein Text beigegeben.
Für das Projekt hat Johansson Deutschland in neun Sektoren eingeteilt und diese dann systematisch bereist. Nach welchem Prinzip er die Orte auswählte, ist mir nicht bekannt.
Offensichtlich interessierten ihn aber eher die kleinen Städte, anonyme traditionelle Architektur und der ländliche Raum. Von den großen sechs sind Berlin, Hamburg und Frankfurt/M. vertreten — München, Köln und Stuttgart blieben jedoch außen vor. Vielleicht hat er dort auch gesucht, aber keine für ihn passenden Motive gefunden. Ich denke, dass die Größe oder der Status der Stadt für seine Wahl sowieso unerheblich ist; die Bilder aus Berlin (Torhaus am Bundeskanzleramt) und Wolfsburg (VW-Werk) sind in dieser Hinsicht Ausnahmen.
Ich habe schon einiges gesehen in und von Deutschland. Ich kenne die großen Städte, aber auch viele kleine Ortschaften. Johanssons Bilder haben mich — auf den ersten Blick — nicht überrascht. So sieht es eben aus bei uns. Andererseits habe ich aber auch auf kaum einem seiner durchweg klischeefreien Bilder den jeweiligen Ort wiedererkannt; Grund genug für viele weitere Blicke!
Gerry Johansson ist studierter Grafikdesigner und hat lange in diesem Beruf gearbeitet. Als Fotograf ist er erst seit 1985 präsent. Ihn scheinen in seinen sorgfältig komponierten Bildern vor allem grafische Bezüge zu interessieren — vielleicht auf Grund dieser Vorbildung.
Häufig bringt er Linien in Vorder- und Hintergrund zur Deckung, etwa einen Zaun und den Horizont, wobei er im selben Bild eine Tanne am linken Rand vertikal exakt halbiert (Siemerode); oder die linke Kante eines angeschnittenen Hauses im Vordergrund mit der rechten Kante des Hauses im Hintergrund (Bad Camberg, Düsseldorf, Frankfurt/O., Gethlingen).
An anderen Orten findet der Fotograf Streifen auf einer Mauer, die sich durch seine Standortwahl scheinbar im dahinter stehenden Haus fortsetzen (Böken) oder Gehwegplatten, die exakt parallel zu einem mehreckigen Schaufenster verlaufen (Bad Brückenau).
In Altenlingen hat er eine Industrieanlage durch das davorliegende Gewässer exakt spiegelsymmetrisch aufgenommen und in Nindorf hat er einen Wohnwagen mit zwei Spitzgiebeln fotografiert.
Auf anderen Bildern ist die Illusion der Raumtiefe abhanden gekommen: Gerry Johansson lässt durch seinen frontalen Blick die Tiefenstaffelung einfach verschwinden (Burg, Freiburg, Nendingen, Nürnberg, Potsdam, Solingen).
An einigen Orten weicht Johansson von der (urbanen) Landschaftsfotografie ab und zeigt Architekturdetails (Höchstädt, Leipheim, Neuendorf) bzw. ein Wandrelief (Werdau) oder eine Fensterdekoration (Freden).
Aber auch vor deutlich humoristischen Bildfindungen schreckt der Autor nicht zurück. Etwa wenn er in Tübingen das Signet einer Werbeagentur mit Verkehrszeichen korreliert oder in Laage ein Wahlplakat aufnimmt und die Laterne, an deren Pfahl es hängt, der Kandidatin scheinbar den Hut aufsetzt.
usw. usf.: Entsprechende innerbildliche Bezüge lassen sich in jedem von Johanssons insgesamt 176 Bildern ausmachen. Ich finde es anregend, das Buch unter diesem Aspekt zu lesen. Auch nach dem x-ten Durchblättern wird mir Deutschland nicht langweilig — im Gegenteil: mir fallen immer wieder neue Details auf.
Es gibt jedoch einige Motive, bei denen Johanssons Methode an ihre Grenze stößt und irritierende Kompositionen durch eigenartig abgeschnittene Kirchtürme und Schornsteine entstehen (Kemnitz, Lychen, Potsdam, Weetzen).
Gerry Johansson hat seine ruhigen Bilder durchweg im quadratischen Mittelformat mit der sog. Normalbrennweite aufgenommen und traditionell in der Dunkelkammer ausgearbeitet. Die beinahe quadratisch ausgearbeiteten Bilder sind nur leicht beschnitten: Das Format der Editions-Prints (5 + 1 AP, EUR 2.100) misst angenehme 29,5 x 29 cm.
Auffallend an den Originalabzügen ist, dass Gerry Johansson auf Papiere mit unterschiedlich eingefärbtem Trägern geprintet hat. Ich hatte vermutet, dass dies mit der Marktlage zu tun hat (etwa Agfa MCC versus Adox MCC). Die Berliner Galeristin hat jedoch versichert, dass dies eine bewußte Bild-für-Bild-Entscheidung Johanssons ist, ebenso wie die unterschiedliche Graufärbung seiner selbst hergestellten Holz-Bilderrahmen. Das sind Details, die im Buch leider nicht zur Geltung kommen.
Gerry Johanssons Deutschland war mein bester Fotobuchkauf seit langem.
Amazon-Kauflink:
Gerry Johanssohn: Deutschland, 2012
Wenn Sie das Buch über diesen Link kaufen, unterstützen Sie — vollkommen anonym — meine Arbeit an diesen blog mit einem kleinen Betrag, den ich als Provision bekomme; am Kaufpreis ändert sich dadurch nichts für Sie!
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(1) Gerry Johansson: Deutschland. Göteborg (Schweden): M A C K, 2012. ISBN 978-1-907946-35-6.
(2) Gerry Johansson: Deutschland. 16.02. bis 30.03.2013, Swedish Photography, Karl-Marx-Allee 62, 10243 Berlin. http://www.swedishphotography.org/ (2013-02-17)
(3) http://www.gerryjohansson.com/index.html (2013-02-17)
Weitere Besprechungen zu Johannsons Deutschland-Buch:
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Tags: Ausstellung, China, Fotokunst, Kris Heide, Kristina Heide, M2O, schaelpic photokunstbar, Schlachthaus, Schlachthof, Shanghai, Shanghai 1933, Tübingen
Am vergangenen Freitag haben wir mit einer Vernissage die Ausstellung Lost in Reflection — Shanghai mit Bildern von Kris Heide eröffnet. Noch bis zum 18. Januar 2013 sind die Fotografien in der schaeplic photokunstbar in Köln zu sehen.
Die Ausstellung ist unser zweiter Beitrag zum Kölner Chinajahr 2012.
Zur Einführung habe ich eine kurze Ansprache gehalten, die ich hier dokumentiere.

Martin Frech, Tobias Kern, Kris Heide (v. li.; Foto: Theo Hilgers/AfM)
Anmerkungen zu Kristina Heides Serien Lost in Reflection, Streetstructures und Mopology
© 2012 Martin Frech, randgebiete.de (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache
Wir bespielen diesen Projektraum im siebten Jahr — heute eröffnen wir unsere 12. Ausstellung. Zum Ausklang des Kölner Chinajahres ist dies unsere dritte Ausstellung mit einem direkten China-Bezug; 2009 hatten wir Guisi Fanellas Arbeit “Living in China” und diesen Sommer Tobias Vollmers Fotos zu urbanen Räumen in China.
Bilder und Texte zu unserem Projektraum und zu allen unseren Ausstellungen finden Sie auf unserer Website schaelpic.de.
Heute präsentieren wir Kristina Heides Foto-Arbeiten “Lost in Reflection”, “Streetstructures” und “Mopology”.
Kristina Heide hat in Bonn Kunstgeschichte studiert und dort 1993 einschlägig zu “Stilleben in der Malerei der Neuen Sachlichkeit” promoviert.
Seit einigen Jahren malt, zeichnet und fotografiert sie künstlerisch. Daneben arbeitet sie kulturvermittelnd: Unter dem Motto “Kunst ist Leben” zeigt sie seit 2009 regelmäßig Ausstellungen in ihrem Kunstraum M2O in Tübingen.
Kristina Heide hat sich vor zwei Jahren sechs Monate lang in Shanghai aufgehalten.
Shanghai ist neben Peking und Guangzhou die derzeit dritte Megastadt Chinas, sie hat mehr als 10 Mio. Einwohner. Der Großraum Shanghai gilt sogar als werdende Hyperstadt, also als ein Gebilde mit über 20 Mio. Einwohnern, das noch deutlich größer und komplexer ist als die Megastadt.
Kristina Heide hat sich dieser Stadt ausgesetzt, sie hat sich auf die Stadt eingelassen. Bemerkenswert dabei ist, dass die Künstlerin weder chinesisch spricht noch die Schrift lesen kann.
Diese Setzung war wie ein künstlerisches Selbst-Experiment. Die Ergebnisse haben die durchaus auslandserfahrene Kristina Heide selbst überrascht.
Ihre Sprachlosigkeit und die sehr eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten hat sie deutlich als Verlust empfunden.
Umso überraschender war für sie die Beobachtung, wie sich dadurch ihre Sinne schärften.
Die Künstlerin nutzte außersprachliche Ressourcen, um die ihr in vielerlei Hinsicht fremde Kultur wahrzunehmen. Heides künstlerischer Produktivität war es von Nutzen: ihre stark gesteigerte visuelle Wahrnehmungsfähigkeit wurde zur Basis für ihre Arbeit vor Ort.
Neben den bei uns ausgestellten Fotografien entstanden Zeichnungen, die demnächst unter dem Titel “Shanghai Faces” in Reutlingen zu sehen sein werden.
Eine wichtige Entdeckung war für Kristina Heide ein historisches Gebäude im Bezirk Hongkou: der ehemalige Schlachthof von Shanghai.
Heute heißt das Gebäude “Shanghai 1933″. Es wurde zu einem künstlerischen Kristallisationspunkt.
Ich muss dieses Gebäude hier kurz beschreiben — um zu verdeutlichen, warum gerade dieses Bauwerk so gut zu Kristina Heides damaliger Gefühlslage passte.
Der Schlachthof wurde vor etwa hundert Jahren von britischen Architekten geplant und komplett mit britischem Beton errichtet. 1933 wurde er als einer der größten Schlachthöfe dieser Zeit in Betrieb genommen. Er wurde etwa 30 Jahre lang genutzt; später diente das Gebäude verschiedenen anderen Zwecken. Ab 2006 wurde es im Rahmen der Stadtentwicklung renoviert. Es soll sich zu einem Luxus-Kaufhaus entwickeln; einige wenige Läden, Cafés und Restaurants, aber auch der Club der Ferrari-Besitzer sind schon eingezogen.
Das Gebäude ist angelegt als Zentralbau, das heißt, die Hauptachsen des Grundrisses sind ungefähr gleich lang. Häufig sind die Grundrisse von Zentralbauten rund oder kreuzförmig, hier ist er quadratisch. Schon die Anlage des Schlachthofs als Zentralbau ist bemerkenswert, da man dieses Prinzip sonst hauptsächlich bei Sakralbauten findet (z.B. Felsendom/Jerusalem, Pantheon/Rom, Pfalzkapelle/Aachen, Frauenkirche/Dresden oder St. Gereon hier in Köln). Aber auch Gefängnisse und der Plenarsaal in Düsseldorf sind Beispiele für Zentralbauten.
“Shanghai 1933″ ist fünf Stockwerke hoch und wird von über 300 freistehenden Säulen getragen. (Über die Geschoßhöhen und die Ausmaße des Gebäudes konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen.)
Der eigentliche Schlachtbereich ist 24-eckig, gebaut als ein dreistöckiges zentrales Atrium. Darum gruppieren sich vier äußere Bereiche.
Spannend ist, wie der innere Schlachtbereich erschlossen ist: Als Zugänge gibt es eine Vielzahl von ineinandergreifenden Wendeltreppen, Rampen und Brücken — jeweils verschieden breit und in unterschiedlichen Winkeln geneigt.
Das ist keine architektonische Spinnerei, sondern folgt ganz logisch den Arbeitsabläufen im Schlachthaus. Es ging u.a. darum, die Ströme der Tiermassen zu regeln, die Tiere zu separieren und für die Arbeiter Fluchtwege im Falle einer Tierpanik zu haben.
Funktionslos geworden und weitgehend leer, erscheint das Gebäude heute dagegen labyrinthisch, wie ein Irrgarten mit Art-deco-Fassade.
Die Kunsthistorikerin Heide erinnerte das Gebäude an die Kerker-Visionen von Giambattista Piranesi aus dem 18. Jahrhundert oder auch an die jüngeren Werke von Maurits Cornelis Escher. Sie empfand es als steingewordene Wirklichkeit einer jener Architekturphantasien — eine Situation irgendwo zwischen Traum und Realität. Für sie wurde “Shanghai 1933″ zum Symbol für ihre Desorientierung, ihre Einsamkeit und ihre Sprachlosigkeit.
In dieser Situation entstand die Arbeit “Lost in Reflection”.
“Reflection” bezieht sich hier sowohl auf die Spiegelungen, aber auch auf das Nachdenken über die Situation. Der mehrdeutige Titel verweist nicht zufällig auf Sofia Coppolas Film “Lost in Translation”, der ein vergleichbares Thema verhandelt.
Heides Werk besteht aus zwei Teilen: Einem Tableau aus sechs großen Einzelfotos und aus einer Diaprojektion.
Auf den Fotos sind Menschen als Silhouetten und Reflexionen in großen Fenstern zu sehen.
Die Dias dagegen zeigen Architekturdetails aus dem Schlachthof-Gebäude. Im Fluß der Projektion visualisiert die Arbeit vordergründig das Verlorensein und die Orientierungslosigkeit in dem Gebäude. Symbolhaft steht die Arbeit damit für die Annäherung an das Fremde und die entsprechenden Schwierigkeiten.
Neben der Sprache ist das Thema der zwischenmenschlichen Distanz unter Fremden beim Erleben anderer Kulturen wichtig. Für Kristina Heide war der Umgang mit körperlicher Nähe in der Öffentlichkeit ungewohnt und teilweise verstörend. Dazu kam die Erfahrung, dass dort einfach viel mehr Menschen auf den Straßen unterwegs sind, als bei uns. Mit ihrer kleinen Serie “Streetstructures” nimmt Kristina Heide Bezug auf ihre entsprechenden Erfahrungen.
Ganz anders die Serie “Mopology”. Sie ist in ihrem dokumentarischen Stil ein Gegenpol zu den anderen, eher abstrakten Arbeiten. Der Titel deutet es an: Kristina Heide zeigt uns Stilleben mit chinesischen Wischmopps. Die Serie ist eine Zusammenstellung schnell fotografierter humorvoller Alltagsbeobachtungen, entstanden während Spaziergängen in verschiedenen chinesischen Städten.
Im öffentlichen Raum Chinas ist der Feudel offenbar allgegenwärtig. Ob im Hinterhof, an eleganten Straßen oder beim Tempel — der Mopp wird gezeigt. Es sind ja auch individuelle Stücke, oft in Heimarbeit hergestellt. Jedenfalls sehr verschieden von unserer industriellen Mikrofaser-Massenware.
Oder abschließend mit den Worten der Künstlerin: “Er kommt als ausgeprägtes Individuum mit eigener Geschichte daher oder es formieren sich sogar kleine Gruppen, wie im Gespräch. Er ist kein Gerät, sondern vielmehr eine Art Persönlichkeit mit Eigenleben, die seinen Besitzer spiegelt.”

Impression von der Vernissage (Foto: Theo Hilgers/AfM)

Impression von der Vernissage (Foto: Theo Hilgers/AfM)
| Kris Heide: Lost in Reflection — Shanghai |
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20 |
Ausstellungsdauer:
19. November 2012 bis 18. Januar 2013
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung) |
Posted by Martin Frech in Markt.
Tags: Baryt-Fotopapier, Baryt-Photopapier, Fotolabor, Fotopapier, Marktübersicht, Photolabor, Photopapier, schwarzweiss, vergrößern
Aktuell gibt es zehn verschiedene Baryt-Fotopapiere (kontrastvariabel, glänzend) auf dem deutschen Markt (plus Efke-Restbestände). Sieben davon werden — teils im Auftrag — von Harman in England produziert; der Rest kommt von Foma und Adox.
In einer Marktübersicht habe ich dieses Angebot zusammengestellt, mitsamt den Preisen ausgewählter deutscher Lieferanten und den Preisänderungen gegenüber dem Vorjahr für die 24×30-Größe.
–> Download meiner Marktübersicht Barytpapiere als pdf-Datei.
Zum Vergleich: Meine Marktübersicht Baryt-Fotopapiere 10/2011.