Notizen zur Fotografie

aufgeschrieben von Martin Frech

Thomas Bachler: Tatorte | Anmerkungen

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Am vergangenen Sonntag haben wir mit einer Matinee in Köln die Ausstellung mit der Serie Tatorte von Thomas Bachler eröffnet (siehe auch die Einladung und Impressionen vom Hängen der Ausstellung).

Ausstellungsort:
Atelier für Mediengestaltung
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Ausstellungsdauer:
17. März 2008 bis 30. Mai 2008
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr)
oder nach Vereinbarung:
Tel. (0221) 6110935

Zur Einführung habe ich eine kurze Ansprache vorbereitet, die ich hier dokumentiere.

Bachler-Ausstellung, Eröffnung
Photo © Atelier für Mediengestaltung, Köln

Anmerkungen zu Thomas Bachlers Serie Tatorte
© 2008 Martin Frech, Berlin

Thomas Bachler ist ein Künstler, dessen Werk ich sehr schätze. Daher freue ich mich ganz besonders, dass ich ihn für diese Ausstellung gewinnen konnte.(1)

Schon das erste Bild, das ich von ihm sah, hat mich nachhaltig beeindruckt. Es heißt Kopfschuss und war abgedruckt auf der Titelseite der Zeitschrift Pinhole Journal vom Dezember 1994.(2)

Kopfschuss ist ein Selbstportrait des Photographen.
Es zeigt ihn mit durchschossenem Kopf. Das Einschussloch ersetzt das rechte Auge.

 Kopfschuss
Thomas Bachler: Kopfschuss (1993)
© Thomas Bachler (Abdruck mit freundlicher Erlaubnis des Photographen)

Ein starkes Bild. Ein Photograph zerstört sein Auge.
So kann man das sehen.

In Kenntnis seines Werkes kann ich jedoch sagen: Dieser vordergründige Ansatz greift zu kurz. Thomas Bachler geht es nicht um Zerstörung, eher um Erkenntnis.
Der Schuss öffnet ihm das Auge.

Der formale Bezug zu den hier gezeigten Bildern aus Herrn Bachlers Serie Tatorte ist deutlich.

Die Tatorte entstanden 1997, also vier Jahre nach Kopfschuss sowie 2006 — mit derselben Technik. Sie zu unterscheiden ist einfach.
Alle Querformate wurden in Kassel aufgenommen und zeigen unterschiedliche Motive. Die Hochformate entstanden und zeigen Parkbänke aus Dresden.

Wir sehen unspektakuläre urbane Orte — jeweils mit Einschussloch.

Der Serientitel wurde ursprünglich mit Bindestrich geschrieben: Tat-orte.
Zwei Lesarten bieten sich an.

Zum einen könnten die Orte tatsächlich Tatorte sein im strafrechtlichen Sinne, also Orte, an denen eine Straftat begangen worden ist.

Zum anderen sind die Plätze auf jeden Fall Orte, an denen etwas getan wurde, nämlich eine dunkle Kammer mit einem Pistolenschuss in eine Lochkamera zu verwandeln.
Denn, wie es im Katalog unnachahmlich heißt, erst die Tat macht einen Ort zum Tatort.

Ich werde Sie im weiteren nicht mit Bildanalysen langweilen, sondern darüber reden, wie diese Bilder praktisch entstanden sind.

Diese Photos sind keine Montagen!

Thomas Bachler nutzte die Technik der Lochkamera — und er hat tatsächlich geschossen.

Die Lochkamera ist ein einfaches Gerät. Es besteht aus vier Teilen: 1) einem Stück Film oder Photopapier, 2) einer lichtdichten Kammer zum Schutz dieses lichtempfindlichen Materials, 3) einer Lochblende und 4) einem Verschluss. Die Lochkamera funktioniert ohne Objektiv.

Das Prinzip ist, die Außenwelt durch ein kleines Loch in einen Raum zu projizieren. Der Raum kann beliebig groß sein.
Johannes Kepler hat für diese Vorrichtung im 17. Jahrhundert den Begriff Camera Obscura (dunkler Raum) eingeführt. Naturforscher haben seit dem Altertum mit der Camera Obscura gearbeitet.

Die Projektionsfläche kann lichtempfindliches Material sein; dort kann aber auch die Staffelei eines Malers stehen.
Ab dem 16. Jahrhundert hat wohl kaum ein Maler auf dieses Hilfsmittel verzichtet. Möglicherweise sind sogar schon die Höhlenbilder von Lascaux durch Abmalen eines Loch-Bildes entstanden.(3)

Der Begriff pin hole stammt aus dem 19. Jahrhundert, als mit der Erfindung der Photographie die Camera Obscura auch als Photo-Kamera genutzt wurde.

Die Lochkamera-Photographie ist jedoch immer ein Randgebiet der Photographie geblieben.

Thomas Bachler hat dieser langen Geschichte der Camera Obscura mit seinen geschossenen Photographien einen neuen Aspekt hinzugefügt.
Meines Wissens ist er der Erfinder dieses Verfahrens.

Er platzierte 18×24 cm großes Photopapier in einer geschlossenen Schachtel. Statt des Auslösers drückte er den Abzug seines Revolvers. Dabei stand er übrigens vor der Kamera.
Der Schuss erzeugte die Lochblende und startete damit die Aufnahme.

Die Belichtungszeit betrug zwischen einer halben und vier Minuten. Das war natürlich abhängig von den Lichtverhältnissen und der entstandenen Lochgröße. Der Photograph schätzte diese Zeitdauer.
Die Belichtung wurde durch Abkleben der Löcher unterbrochen.
Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Lochkamera hat Thomas Bachlers Aufbau nach der Aufnahme drei Löcher: das Projektil hat die Schachtel und das Photopapier durchschlagen.

Die Ausarbeitung der beiden Werkgruppen erfolgte auf unterschiedliche Weise.
Die kleinen Formate wurden durch direktes Umkopieren hergestellt.
Die großen Bilder sind Vergrößerungen der Papiernegative.

Thomas Bachler hat — ich habe das bereits angedeutet — schon in jungen Jahren seine Spuren in der Photo-Geschichte hinterlassen. Im Standardwerk zur Lochkamera-Photographie(4) ist er gleich dreimal prominent vertreten: mit unterschiedlichen Positionen und ebenso verschiedenen wie ungewöhnlichen Kamera-Konzepten.

Ihn deswegen als Lochkamera-Künstler zu apostrophieren, würde seinem Werk jedoch nicht gerecht werden.
Die Kamera ist für Thomas Bachler tatsächlich nur ein Werkzeug zur Umsetzung seiner Konzepte.
Die Lochkamera schätzt er sehr, da diese wie kaum eine andere photographische Technik selbst Teil des späteren Bildes ist.
Wenn Sie sich jedoch in sein Werk vertiefen, wird Ihnen auffallen, dass er so gut wie keine photographische Technik auslässt.(5)

Aber auch hier gilt: das Original ist durch nichts zu ersetzen.

Nutzen Sie also die seltene Gelegenheit und lassen Sie Thomas Bachlers Bilder hier auf sich wirken. Vielleicht ist das ja der Einstieg in eine intensivere Beschäftigung mit dem Künstler und seinem Werk.
Es lohnt sich!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Literatur

(1) zu unserer Ausstellung gibt es einen Katalog: Bachler, Thomas: Tatorte. Dresden 2007. ISBN 978-3-940246-02-8
(2) Pinhole Journal Vol. 10 #3, Dezember 1994: Black and White Contemporary Images 2. ISSN 0885-1476
(3) so die Paleo-Kamera-Theorie von Matt Gatton: http://www.paleo-camera.com/
(4) Renner, Eric: Pinhole Photography. Rediscovering a Historic Technique. 3. Aufl. Amsterdam u.a.: Elsevier, 2004. ISBN 0-240-80573-9
(5) Einen guten Überblick über sein Werk bekommen Sie auf den Web-Seiten des Künstlers: http://www.thomasbachler.de/

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6 Kommentare zu “Thomas Bachler: Tatorte | Anmerkungen

  1. Christina
    15. Juli 2008

    hallo,

    besteht die Möglichkeit noch an einen Katalog der Serie Tatorte von Thomas Bachler zu kommen?

    lieben Gruß
    Christina Anderwald

  2. Martin Frech
    12. August 2008

    Ja, die Möglichkeit besteht.
    Der Katalog kostet EUR 12,00 zzgl. EUR 2,00 Versandkosten.
    Schreiben Sie mir eine E-Mail, ein Fax o.ä. (siehe http://www.medienfrech.de/xon/xon/index.html), dann sende ich Ihnen die Bankverbindung für die Vorabüberweisung.

  3. Pingback: Thomas Bachler: Tatorte | Ausstellung hängen « Randgebiete

  4. Pingback: Thomas Bachler: Tatorte | Einladung « Randgebiete

  5. der nikolaus
    7. November 2009

    Super Artikel, jetzt muss ich nur noch jemanden finden der Ahnung davon hat und mir das ganze nochmal im Detail erklären kann.
    Weihnachtsmann Köln

  6. Christine
    10. Dezember 2012

    Thanks for finally writing about >Thomas Bachler: Tatorte | Anmerkungen
    Notizen zur Photographie <Loved it!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. März 2008 von in Eigenwerbung, Events, Geschichte und getaggt mit , , , , , , , , , .