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Michael Westmoreland, Jook Leung u.a.: 360 Grad 26. September 2006

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, schaelpic photokunstbar.
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360 Grad
Anmerkungen zur Ausstellung in Köln
© Martin Frech, randgebiete.de, 2006 (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

Guten Abend!

Die Ausstellung, die wir heute abend eröffnen, ist etwas besonderes.
Sie zeigt Panoramabilder, also Arbeiten aus einem Randgebiet der Photographie.

Nun ist die Panoramaphotographie kein eigenes Genre, sondern eine Aufnahmetechnik, unabhängig vom Motiv.
Dennoch … die breiten Bilder haben eine besondere Anmutung, schon auf Grund ihres ungewohnten Formats.

Technisch kann man vier prinzipiell verschiedene Methoden unterscheiden, Panoramen aufzunehmen.
Nicht jede davon eignet sich gleichermaßen für jedes Motiv. Umgekehrt kann man die vom Bildautor jeweils verwendete Technik den Photographien meist ansehen. Sie werden das an den hier gezeigten Arbeiten erkennen können.

Die vier Typen von Panoramakameras sind Weitwinkelkameras, Schwinglinsenkameras, Rotationskameras und irgendwelche Kameras in Kombination mit Computerprogrammen, die Einzelbilder zu langen Bildern zusammensetzen.

Prinzipiell können Sie jedes Bild in ein Panoramabild verwandeln, indem Sie es an der langen Seite entsprechend zuschneiden.
Nach diesem Prinzip funktionieren die kompakten „Panorama“-Kameras oder der P-Modus bei den APS-Kameras.

Nach dem selben Prinzip funktionieren auch die sog. echten Panoramakameras, die beispielsweise ein 17 cm langes Stück Rollfilm belichten. Das ist auch nichts anderes als einen 5×7 Inches großen Planfilm zu beschneiden. Der einzige Unterschied ist tatsächlich der sinnvolle Vergößerungsfaktor, und möglicherweise die Qualität der Objektive.

Das Kennzeichen dieses Kameratyps ist, dass während der Belichtung weder die Kamera noch das Objektiv bewegt werden. Der Aufnahmewinkel ist auf etwa 100° begrenzt.

Der zweite Panoramakameratyp ist die Schwinglinsenkamera.
Wie der Name es beschreibt, bewegt sich hier das Objektiv während der Aufnahme — und zwar kreisförmig. Hinter dem Objektiv befindet sich ein Schlitz, durch den der Film belichtet wird. Dabei liegt der Film in der Kamera nicht plan, sondern gebogen.
Das führt zu Verzerrungen: gerade Linien im Motiv werden gebogen abgebildet.
Der Aufnahmewinkel beträgt bei Schwinglinsenkameras bis zu 150°.

Schwinglinsenkameras gibt es, seit photographiert wird. Das erste entsprechende Patent wurde schon 1843 vergeben.

Viele der hier gezeigten Arbeiten aus dem Fundus der Agentur Panoramic Images sind nach dem Prinzip „beschnittene Weitwinkelaufnahme“ oder mit Schwinglinsenkameras entstanden. Als Panoramen definiert die Agentur Bilder ab einem Seitenverhältnis von 2:1.

Die Agentur Panoramic Images mit Sitz in Evanston/Illinois wurde 1987 gegründet und vertritt etwa 150 Photographen weltweit. 75% der Agenturkunden kommen aus der Werbebranche, die Motivauswahl ist auf diese Zielgruppe zugeschnitten.

Rotationskameras sind der dritte Panoramakamera-Typ.
Bei diesen Kameras bewegen sich während der Aufnahme sowohl das Kameragehäuse als auch der Film in der Kamera.
Belichtet wird, wie bei den Rotationskameras, durch einen schmalen Spalt.
Dieses Konstruktionsprinzip ermöglicht prinzipiell beliebige Bildwinkel, auch größer als 360° — begrenzt nur durch die Filmlänge.

Auch dieser Kameratyp hat in der Geschichte der Photographie eine lange Tradition.
Während Schwinglinsenkameras schon mit gebogenen Daguerreotypie-Platten funktionierten — das Aufnahmematerial musste ja nicht bewegt werden –, ist für das Prinzip der Rotationskameras flexibler Rollfilm eine Voraussetzung.
Den gab es ab etwa 1870 und bald darauf auch diese Art von Panoramakameras.

Den englischen Künstler Michael Westmoreland interessieren in seiner Arbeit die Horizonte und Skylines.
Rückblickend betrachtet Motive, für die sich die Panoramaphotographie als Technik geradezu aufdrängt.
Michael Westmoreland nutzte ab etwa 1970 historische Cirkut-Rotationskameras, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von der Firma Kodak gebaut wurden.
In den USA sind die großformatigen Cirkut-Kameras von Panoramaphotographen vergleichsweise häufig genutzte Werkzeuge — diese arbeiten jedoch überwiegend mit Schwarzweiß-Material.
In Europa dagegen sind Cirkut-Kameras eher unbekannt, noch — unserer Ausstellung wird das sicher ändern.

Michael Westmoreland wollte farbige Aufnahmen machen und wurde so zum Pionier, als er in England daran arbeitete, mit Cirkut-Kameras auf Farbfilm zu photographieren.
Das hat — jedenfalls in Europa — niemand zuvor gemacht.
Details zu seiner Technik können sie nachlesen im hier ausliegenden Faltblatt.

Sich diese Technik anzueignen, war für Michael Westmoreland ein steiniger, jedoch erfolgreicher Weg.
Michael Westmoreland ist ein anerkannter Meister der Panoramaphotographie und ich freue mich ganz besonders darüber, dass er heute unser Gast ist und wir seine Arbeiten erstmals in Deutschland zeigen dürfen.

Die letzte und jüngste Technik, Panoramen herzustellen, besteht darin, einzelne Aufnahmen mithilfe geeigneter Computerprogramme zu einem langen Bild zusammenzufügen; das sog. Stitchen.
Populär wurde diese Methode, als die Firma Apple 1992 das erste entsprechende Stitching-Programm auf den Markt brachte.
Gleichzeitig wurde die Photographie mit QuickTime-VR um ein neues Präsentationsmedium ergänzt: interaktive Panoramen.

Wirklich aufregend wurde das, als einige Jahre später sphärische Panoramen möglich wurden, also Bilder, die den kompletten Raum abbilden.

Jook Leung, der viele Jahre als Photograph in einem New Yorker Studio gearbeitet hat, beschäftigt sich seit etwa zehn Jahren sehr erfolgreich mit gestitchten und interaktiven Panoramen.
Seine Erfahrungen mit klassischem Photo-Composing — aus der Zeit vor Photoshop — kommen ihm dabei sicher zugute.
Er ist — ohne Zweifel — ein Meister dieses Genres, zahlreiche Auszeichnungen bestätigen das.

Jook Leungs selbst gestellte Herausforderung sind DIE 240° Bildwinkel, die die meisten Photographen ausblenden.
(Auch Michael Westmoreland hat selten ein Motiv gefunden, das ihm eine komplette Drehung Wert war.)

Innovative Bildideen, photojournalistische Arbeiten jenseits traditioneller Sichtweisen, Geschichten in 360°, live-Szenen in einem unbewegten Bild.
Jook Leung ist ein Impulsgeber und setzt mit seinen Bildern Meilensteine in dieser noch jungen Kunstform des 21. Jahrhunderts.

Wir sehen hier eine wunderbare Ausstellung, die einen großen Bogen spannt, indem sie exemplarisch die Bandbreite der Panoramaphotographie verdeutlicht.

Vielen Dank an Michael Westmoreland und Jook Leung für ihr Engagement und ihre Unterstützung unserer Ausstellung.

Vielen Dank auch an das Team vom Atelier für Mediengestaltung: Frank, Frank und vor allem Tobias haben eine Menge Energie in dieses Projekt investiert.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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