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ad fontes! 24. Januar 2007

Posted by Martin Frech in Freibrief, Gedanken.
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AdLib hat nun mit Definition of Insanity(1) den ersten Text auf FreeMails veröffentlicht. Adressaten dieses offenen Briefes sind Ben und Albert — unschwer als Benjamin Franklin (1706-1790, Erfinder des Schaukelstuhls) und Albert Einstein (1879-1955, relativ bekannter Naturwissenschaftler) zu entschlüsseln.

Beiden wird das selbe Zitat zugeschrieben, mit dem sich AdLibs Brief auseinandersetzt. Es lautet in etwa: Verrückt ist, wer das selbe immer wieder tut, jedoch unterschiedliche Ergebnisse erwartet.

Ich weiß nicht, ob AdLib eine konkrete politische Torheit vor Augen hatte, als er den Brief schrieb oder sich einfach nur an Frank Matters Film(2) erinnerte.

Quellenkundliche Studien täten jedoch not, kämen den Benutzern des Zitats — meist in politischen Zusammenhängen — aber wohl eher ungelegen(3). Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß sich weder Franklin noch Einstein entsprechend geäußert haben. AdLib ist nicht der erste, der dies annimmt — auch wenn er das in einer konstruktivistischen Denktradition begründet. Mit seiner Definition, die letztlich Nicht-Konstruktivisten pauschal für verrückt erklärt, geht er mir aber ein wenig zu weit. (Sollte ich hier vielleicht Rosa L. zitieren?)

(1) http://freemails.blogspot.com/2007/01/definition-of-insanity.html
(2) The Definition Of Insanity; ein Film von Frank Matter und Robert Margolis
86 min., DV/35mm, Schweiz/USA, 2004 (http://www.definitionofinsanity.com/)
Frank Matter erzählt in seinem Werk von einem in die Jahre gekommenen Schauspieler auf der erfolglosen Jagd nach einer ersten großen Rolle. Als dieser endlich einem berühmten Filmemacher begegnet, sind die Folgen jedoch deutlich anders als geplant.
(3) siehe beispielsweise Robs Photoshop-Arbeit auf flickr: http://www.flickr.com/photos/balcer17/353615965/

viel Dünger 18. Januar 2007

Posted by Martin Frech in Freibrief, Gedanken, gute Idee.
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Für Joseph Weizenbaum ist es ein Müllhaufen(1), für Hans Magnus Enzensberger ist es „ein Mount Everest aus Mist“(2) und Henryk M. Broder weiß, daß es doof macht: „das WWW ist auch maßgeblich für die Infantilisierung und Idiotisierung der Öffentlichkeit verantwortlich“(3). Vielleicht hat er ja — immerhin Mitglied bei den Guten(4) — zu viel auf seinen eigenen Web-Seiten(5) gelesen.

Ich halte es in dieser Frage mit Enzensberger — Mist hat ja schließlich einen hohen Düngewert(6) — und bin im übrigen froh, daß ich nicht mehr darüber klagen muß, die Pressefreiheit sei die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.(7) Denn auf dem 8850 m hohen Misthaufen habe auch ich ein bezahlbares Plätzchen gefunden.

Ebenso ein von mir sehr geschätzter Publizist und ehemaliger Filmautor, auf dessen neu aufgesetzten blog „freemails“ ich hier hinweisen möchte. Unter dem Pseudonym AdLib will er dort zukünftig Briefe für den Frieden die Freiheit veröffentlichen, eine für ihn gefährdete oder gar aussterbende Art Idee: „I consider freedom an endangered species, ironically because nearly everything that is done politically and individually today is done in the very name of freedom. Many of our self styled ‚freedom fighters‘ at the same time attack liberal ideas as the most dangerous modern evil. In such a time of semantic confusion, freedom is in danger of getting crushed between good intentions and the quest for political power to realize them.“(8)

Aber warum AdLib? Ad Libitum kann mit nach Belieben übersetzt werden. Hmmm, … Da fällt mir ein, hat sich nicht ausgerechnet Jürgen Habermas an der Internet-Beliebigkeit gestört? Doch lassen wir das …

Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
(Reinhard Mey, 1996)

(1) Joseph Weizenbaum mit Gunna Wendt: „Wo sind sie, die Inseln der Vernunft im Cyberstrom? Auswege aus der programmierten Gesellschaft“. Freiburg: Herder, 2006
(2) Hans Magnus Enzensberger im Interview mit Peer Teuwsen. In: Der Tagesspiegel (Berlin) vom 7. August 2005
(3) Henryk M. Broder: Das Internet macht doof. In: Der Tagesspiegel (Berlin) vom 9. Januar 2007
(4) http://www.achgut.com/
(5) http://www.henryk-broder.de/
(6) http://de.wikipedia.org/wiki/Mist
(7) Leserbrief von Paul Sethe. In: Der Spiegel vom 5. Mai 1965
(8) http://freemails.blogspot.com/2007/01/dear-reader.html

Kunst — oder Medienrummel/Publicity/Schwindel 17. Januar 2007

Posted by Martin Frech in Events, Gedanken.
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Im Herbst letzten Jahres hat die Firma Hewlett Packard (HP) in Berlin eine „Hype Gallery“ veranstaltet, organisiert von Publicis-Werbeagenturen. Hype-Galerien sind durch klassische Werbung flankierte PR-Maßnahmen für HP. Entsprechende Veranstaltungen fanden schon in London, Paris, Moskau, Singapur, Mailand und Amsterdam statt.

Cafe Moskau | hype gallery
Photo: Martin Frech

Bespielt werden die zu Beginn leeren Hype-Galerien mit Werken von „Jedermann“: eingereichte Bilddaten werden vor Ort großformatig ausgedruckt und sofort an den nächsten freien Platz gehängt — sofern sie den Bedingungen entsprechen: der Werktitel muß die Buchstaben „h“ und „p“ in dieser Reihenfolge enthalten und das Bild darf nicht „die normalen Maßstäbe des Anstands verletzen“, also beispielsweise keine „politisch kontroverse Inhalte zeigen“)(1). Ist die Galerie gefüllt, weichen die ältesten Bilder den neuen (fifo); zusätzlich werden die Bilder im Internet veröffenlicht. Die Werke müssen nicht photographisch hergestellt sein, alle bilderzeugenden Techniken sind erlaubt.

Cafe Moskau | hype gallery
Photo: Martin Frech

Eine schöne Idee. Ich musste spontan an Dieter Hacker und Andreas Seltzer denken, die von 1971 bis 1985 in Berlin (West) die „7. Produzentengalerie“ zur Auseinandersetzung über die Funktion von Kunst betrieben und ab 1976 die Zeitschrift „Volksfoto“ herausgaben. Hacke/Seltzer träumten damals von einer „echten Weltausstellung der Fotografie“(2), die all die Bilder zeigt, „die in Schubladen, Kästen und Alben aufbewahrt sind“. Ihr Problem war damals „die Spaltung in Professionelle und Amateure auf dem Gebiet der Fotografie“. Massenwirksam veröffentlicht würden nur die Bilder der Profis, alles andere — das massenhaft gesehene und individuell entdeckte — bliebe geheim und damit „der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Kritik verborgen“. Die sechs „Volksfoto“-Ausgaben haben dem sicher ein Stück weit abgeholfen.

Die Hype-Galerien als weltweite Events erscheinen mir nun als die zeitgemäße Fortsetzung von „Volksfoto“ — kommerzialisiert und apolitisch („hype“ kann auch als „Schwindel“ übersetzt werden). Das „Hype-Keyvisual“ ist dementsprechend ein Einkaufswagen.

Hype Gallery im Café Moskau
Karl-Mary-Allee 34, Berlin
28. Oktober bis 18. November 2006

(1) http://www.hypegallery.de/
dort: about hype | faq | Können Arbeiten abgelehnt werden?
(2) Volksfoto. Zeitung für Fotografie. Nr. 1 bis 6. Hrsg. von Dieter Hacker und Andreas Seltzer. Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 1981.