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Keliy Anderson-Staley: [hyphen] AMERICANS 27. November 2011

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung.
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Porträts mit langen Belichtungszeiten haben ihren eigenen Stil. Die abgebildete Person zeigt auf solchen Bildern eine eher gleichmütige Pose, das Gesicht einen ernsten Ausdruck, die Augen blicken starr. Solche Fotos verweisen nicht unbedingt auf den Charakter oder das Temperament des abgebildeten. Die Anmutung ist überwiegend das Ergebnis des Stillhaltens.

Dieser Effekt ist auf den Kopfbildern aus dem 19. Jahrhundert durchweg sichtbar; Belichtungszeiten im Minutenbereich waren damals die Regel. Als Stilmittel eingesetzt, sind lange Belichtungszeiten in der Porträtfotografie für mich auch heute noch reizvoll.

Photographie eines Porträts, das ich als Ambrotypie auf schwarzem Glas angefertigt habe. Repro eines Silbergelatine-Abzugs. (Beide Photos © 2011 Martin Frech)
Photographie eines Porträts, das ich als Ambrotypie auf schwarzem Glas angefertigt habe. Repro eines Silbergelatine-Abzugs. (Beide Photos © 2011 Martin Frech)

Lange Belichtungszeiten sind natürlich kein exklusives Merkmal der Arbeit mit silberhaltigen Emulsionen. Dennoch wird für entsprechende Projekte gerne mit klassischer Technik gearbeitet, mitunter sogar mit historischen Verfahren.

So hat die 1977 geborene amerikanische Photographin Keliy Anderson-Staley für ihr Projekt „[hyphen] AMERICANS“ in den vergangenen Jahren hunderte von Tintype-Porträts angefertigt. Etwa 180 wurden kürzlich in der Light Work Gallery (Syracuse/NY) ausgestellt; im Katalog sind 43 abgedruckt.(1),(2) Auf ihrer Website ist ebenfalls eine Auswahl zu sehen.(3)

Die Künstlerin arbeitet mit Kameras und Objektiven aus dem 19. Jahrhundert — nicht primär aus nostalgischen Gründen. Im Interview mit Brendan Carroll betont sie die Vorteile der historischen Technik für ihr Projekt.(4) Anderson-Staley arbeitet bei offener Blende und mit Belichtungszeiten um zehn Sekunden, ungefähr eine Gedanken-Länge. Dies und die geringe Schärfentiefe (sie fokusiert wie üblich auf die Augen) lässt die Porträts für sie lebendiger erscheinen als wenn sie mit aktueller Technik arbeitete. Darüberhinaus bedingen die technischen Gegebenheiten bei jeder Platte verschiedene Defekte in der Emulsion, Schlieren und andere Unregelmäßigkeiten — für die Künstlerin eine Entsprechung zur menschlichen Unvollkommenheit.

Der Titel „[hyphen] AMERICANS“ betont, dass es sich bei den Abgebildeten um Amerikaner handelt. Der [Bindestrich] verweist jedoch darauf, dass die Wurzeln im Stammbaum vieler Amerikaner nicht in Amerika sind. Dieser Umstand kommt häufig zum Ausdruck, wenn die Personen etwa als chinesisch-amerikanisch, afrikanisch-amerikanisch oder irisch-amerikanisch beschrieben werden. Ein Teil der amerikanischen Identitäten ist durchaus von diesen Herkunfts-/Vorfahrens-Wurzeln geprägt. Gemeinsam verbindet alle jedoch der andere Teil, eben die amerikanische Identität, die Anderson-Staley im Titel ihrer Serie hervorhebt. Die Künstlerin legt Wert darauf, dass der Betrachter den Herkunfts-Aspekt, auf den man etwa aus den Gesichtszügen schließen könnte, aktiv verdrängt. Die Bilder sollen also nicht im Kontext einer interessengeleiteten Identitätspolitik gesehen werden.

(1) Keliy Anderson-Staley: [hyphen] AMERICANS. In: Contact Sheet 163 (2011), S. 1–49.
(2) http://www.lightwork.org/exhibitions/anderson-staley.html (2011-11-22)
(3) http://www.andersonstaley.com/gallery.html?folio=portfolios&gallery=Tintype%20Portraits (2011-11-27)
(4) Brendan Carroll: Keliy Anderson-Staley. Online verfügbar: http://brendanscottcarroll.wordpress.com/2011/07/12/keliy-anderson-staley/ (2011-11-27)

Jörg M. Colberg: Conversations with Photographers 18. November 2011

Posted by Martin Frech in Foto-Buch, gute Idee.
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Jörg M. Colberg, gelernter und promovierter Astrophysiker, ist der Macher von „Conscientious“, einem vielbeachteten Weblog zu zeitgenössischer künstlerischer Photographie.(1)

„Conscientious“ existiert seit über neun Jahren. Seit etwa fünf Jahren publiziert Coolberg regelmäßig Interviews mit Photographen, etwa 90 sind inzwischen online.

Die meisten Interviews entstehen schriftlich, indem der Autor die Fragen per E-Mail an den Photographen schickt und, basierend auf den schriftlichen Antworten, entsprechend nachhakt. Dieser Form des Interviewens fehlt die Spontaneität von Gesprächen, sie geht dafür eher in die Tiefe, da der Gesprächspartner länger über seine Antworten nachdenken kann. Um diesen Aspekt zu betonen, nennt Jörg M. Colberg seine Interviews Conversations. Seltsam, da es sich ja gerade nicht um Gespräche handelt.

In diesem Jahr hat Colberg begonnen, ausgewählte Interviews auf Papier zu veröffentlichen. Als Mehrwert gegenüber der online-Version des jeweiligen Interviews gibt es im Buch ergänzende Texte oder neu geführte Gespräche, die nicht online zugänglich sind.

Der erste Band der geplanten Reihe bringt Konversationen mit Brian Ulrich, Hellen van Meene und Christopher Anderson.(2)

Das Interview mit dem amerikanischen Photographen Ulrich ist von 2006, als Ergänzung gibt es ein weiteres Gespräch, das Colberg im März 2011 via Skype geführt hat. Beide Texte habe ich mit Interesse gelesen, da ich Brian Ulrichs Arbeiten seit langem sehr schätze (für meine Serie Eine Allegorie des Urbanen war ich ja in ähnlichen Einrichtungen unterwegs wie er für Copia).

Für mich überraschend, verbat sich die niederländische Künstlerin Hellen van Meene im Interview vom März 2011 Fragen zur Porträt-Photographie mit Photomodellen; das seien nicht mehr ihre Motive, ein Ding von früher. Stattdessen erzählt sie, wie sie über das Photographieren von Hasen zu den Hunde-Porträts kam — nicht so meins, aber interessant.

Das Gespräch mit Christopher Anderson von 2009 kannte ich schon. Dessen „Film-„Buch Capitolio mit den Venezuela-Photos aus den Jahren 2004–2008 liegt schon lange auf meinem Schreibtisch und ich habe den Plan noch nicht aufgegeben, hier darüber zu schreiben. Im etwas kurz geratenen Interview-Nachtrag von 2011 redet Anderson über seine ebook- und Multimedia-Pläne.

Jörg M. Colbergs Idee, seine Interviews nun auch als Broschüren zu veröffentlichen, ist gut. Die Auswahl der Gesprächspartner im vorliegenden ersten Band spannt einen weiten Bogen künstlerischer Positionen. Die schmalen Bändchen im Postkarten-Format sind zurückhaltend gestaltet und zeigen keine Bilder — Text pur in einem portablen Format; die alte Reclam-Idee. Der Preis von $12,50 (inkl. Versand) ist noch in Ordnung.

(1) http://jmcolberg.com/weblog/
(2) Jörg M. Colberg: Conversations with Photographers. [Vol. 1] Brian Ulrich, Hellen van Meene, Christopher Anderson. Northampton, Mass.: Silver Rocket Press, 2011. 54 Seiten. Ohne ISBN. Bezug via http://jmcolberg.com/weblog/conversations/ (2011-11-18)

2011-11-11 11:11:11 Die inszenierte Sekunde 11. November 2011

Posted by Martin Frech in Events.
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Wie wichtig ist eine Sekunde? Wird ein bestimmter Zeitpunkt aufgewertet durch den numerischen Kontext? Ist es interessant, was wir an einem nur durch Datum und Uhrzeit hervorgehobenen Moment tun? Und wenn ja, ändert sich daran etwas, wenn wir uns den selben Zeitpunkt in einem anderen Kalender denken (s.u.)?

Heute erleben wir den 11.11.11, allerdings nur im Gregorianischen Kalender. Und an diesem 11.11.(20)11 vergeht der Zeitpunkt 11:11 Uhr (und 11 Sekunden und 11 Zehntel usw.).

Das Schwäbische Tagblatt hat für Tübingen das Projekt 11 ausgerufen (http://www.tagblatt.de/Home/projekt-11.html), um diesen „Punkt von großer Seltenheit und Schönheit“ (Ulrich Janßen) ins Bild zu setzen. Die Leser sind aufgerufen, nahezu zeitgleich und möglichst pünktlich ein Foto anzufertigen. Das Ergebnis wird ein Archiv mit Aufnahmen eines Moments im Kreis Tübingen sein.

Die Idee ist reizvoll, ähnliche Projekte hat es ja schon vielfach gegeben, beispielsweise A Wrinkle in Time/The World Wide Panorama, den Worldwide Pinhole Photography Day oder A Moment in Time der New York Times.

Are you sure nothing happened?
Are you sure nothing happened? (2. Mai 2010, ca. 15 Uhr UTC)
mein Beitrag zu „A Moment in Time“

Bezogen auf das eigene Tun zu diesem Zeitpunkt sind die Ergebnisse solcher Aktionen überwiegend pseudo-dokumentarisch, da die Bilder in den meisten Fällen für diesen Moment inszeniert werden. Als Teilnehmer nimmt man sich ja vor, genau an diesem Moment auszulösen und überlegt sich, welches Detail seines Alltags man für die Öffentlichkeit dokumentiert.

Und wieder nichts passiert (2011-11-11 11:11 Uhr)
Und wieder nichts passiert? (11. November 2011, 11:11 Uhr MEZ)
mein Beitrag zum „Projekt 11“

Ergänzend würde ich gerne möglichst viele Bilder dieses „gebenedeiten Moments“ (Ulrich Janßen) von Überwachungskameras im Kreis Tübingen sammeln und den vom Projekt 11 gesammelten Fotos gegenüberstellen.

Ein Datum — verschiedene Kalender
Gregorianischer Kalender 11. November 2011
Julianischer Kalender 29. Oktober 2011
Römischer (julian.) Kalender ANTE DIEM IIII KAL. NOV. MMDCCLXIIII A. V. C.
Jüdischer Kalender 14. Cheschwan 5772
Islamischer Kalender 14. Dhu11. ‚l-Hidschdscha 1432
Koptischer Kalender 1. Hator 1728
Julianisches Datum (12h UT) 2455877
Maya-Kalender 0 Pictun 12 Baktun 19 Katun 18 Tun 15 Uinal 14 Kin (1 Ix; 2 Ceh)
Altägypt. Kalender 25. Phamenoth (3. Monat des Winters)