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Heideggers Feldweg 23. Oktober 2013

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Fotoausstellung, schaelpic photokunstbar.
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Am vergangenen Freitag haben wir mit einer Vernissage die Ausstellung Transition III. Wissende Heiterkeit. Eine photographische Annäherung an Heideggers Feldweg. mit Bildern von Tobias D. Kern eröffnet. Noch bis zum 22. Dezember 2013 sind die Fotografien in der schaelpic photokunstbar in Köln zu sehen.

Damit ist die Serie Transitionen I — III komplett:
Transition I: Frank Doering: Der Weg am Schwarzen Fluss
meine Einführung: Frank Doering: Der Weg am schwarzen Fluss
Transition II: Martin Frech: Uferzonen
Pressemitteilung: Martin Frech: Uferzonen (Ausstellung)

Impression von der Vernissage: Tobias D. Kern liest Heidegger
Impression von der Vernissage: Tobias D. Kern liest aus Heideggers Feldweg. (Foto: Annette Völckner)

Zur Einführung in Transition III, die dritte Ausstellung dieser Serie, habe ich eine kurze Ansprache gehalten, die ich nachfolgend dokumentiere.

Hinweise zu Tobias D. Kerns Arbeit Wissende Heiterkeit. Eine photographische Annäherung an Heideggers Feldweg.
© 2013 Martin Frech, Notizen zur Photographie (NzPh) (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

Tobias D. Kern zeigt uns Landschaftsfotografien.
Wir sehen Bilder einer flachen Agrarlandschaft: gezeigt werden Felder und Wiesen, auf einigen Fotos ist ein Waldrand zu sehen.
Die Bilder sind augenscheinlich in verschiedenen Jahreszeiten aufgenommen und zu unterschiedlichen Tageszeiten.
Weder Personen sind zu sehen, noch bekannte Landmarken — wer nicht sehr ortskundig ist, kann die Bilder schwerlich verorten.

Die Landschaft erscheint vertraut, für mich hat sie etwas Alltägliches. So sieht es eben aus bei uns auf dem Land. Es ist keine vordergründig spektakuläre Kulisse, wie sie uns Frank Doering aus Nepal gezeigt hat (Transition I). Oder eben doch — je nach Standpunkt. Vielleicht würde ein Nepalese aus Jomsom, der täglich die staubige Himalaya-Landschaft vor Augen hat, gerade unsere Äcker bestaunen.

Auffällig ist, dass auf allen Fotos ein Stück geteerter Weg zu sehen ist. Der Untertitel der Fotoserie weist uns darauf hin: Tobias D. Kern hat entlang Martin Heideggers Feldweg fotografiert.
Diese Fotoarbeit bezieht sich direkt auf den Heidegger-Text „Der Feldweg“ und funktioniert ohne diesen nicht im Sinne des Fotografen. Kerns Idee war jedoch nicht, den Text zu illustrieren, sondern Bilder zu finden, die das für ihn Wesentliche des Textes auf der Bildebene transportieren.

(Heideggers Feldweg-Text gibt es in zwei preiswerten Heftchen aus dem Klostermann-Verlag. Wenn Sie über meinen Amazon-Link kaufen, unterstützen Sie meinen blog, ohne dass es Sie etwas kostet — siehe unten!)

Tobias D. Kern: Feldweg XIII. Aus: Wissende Heiterkeit.
Tobias D. Kern: Feldweg XIII

Im Werk von Martin Heidegger (1889–1976) spielt die Idee des Weges — sowohl konkret als auch metaphorisch — eine wichtige Rolle. Sein Motto hieß „Wege, nicht Werke“. Für ihn vollziehen Denken und Philosophieren eine Bewegung und legen dabei einen Weg zurück; er sprach auch vom Weg seines Denkens.

Ich will hier weder auf Heideggers Philosophie noch auf sein Verhältnis zum Nationalsozialismus eingehen — wer sich dafür interessiert, wird schnell fündig; entsprechende Quellen sind leicht zugänglich.

Martin Heidegger wurde 1889 in Meßkirch geboren, einer Kleinstadt zwischen Donau und Bodensee südwestlich von Sigmaringen in Baden-Württemberg. Er ist dort aufgewachsen und auf die Gemeindeschule gegangen. Später hat er in Freiburg studiert. Ab 1928 war er bis zur Emeritierung 1951 Professor in Freiburg. Er gilt als einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist umfangreich: die Gesamtausgabe soll dereinst in 102 Bänden vorliegen.

Heidegger war zeitlebens vom Landleben angetan und sehr heimatverbunden — Großstädte mochte er nicht. Freiburg, dem Südschwarzwald und Meßkirch blieb er lebenslang verbunden; die Provinz war seine schöpferische Landschaft. Neben der Stadtwohnung in Freiburg hatte die Familie seit 1922 in Todtnau eine Hütte, in die er sich häufig zurückzog; viele seiner Werke hat er dort geschrieben.
Heidegger starb 1976 in Freiburg, beigesetzt wurde er in Meßkirch.

„Der Feldweg“ ist ein Essay, den der Philosoph 1949 zu seinem 60. Geburtstag geschrieben und zunächst nur als Privatdruck für seine Freunde herausgegeben hat.
Privat wohl auch deswegen, weil Heidegger seit 1946 und bis zu seiner Emeritierung durch ein Lehrverbot vom universitären Betrieb ausgeschlossen war.

Martin Heidegger hatte ein enges Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder Fritz, der zeitlebens in Meßkirch blieb. Er besuchte diesen häufig und ist mit ihm oft auf dem Feldweg spaziert.

Tobias D. Kern: Feldweg XXI. Aus: Wissende Heiterkeit
Tobias D. Kern: Feldweg XXI

Im Feldweg-Text beschreibt der Autor die Topographie von Meßkirch und die Lebenswelt seiner Jugend, vermischt mit einigen Denkerfahrungen. Er erzählt von einem Spaziergang, der hinter dem Schloss von Meßkirch beginnt und bis zu einer Bank am Waldrand führt. Von dort geht es dann wieder zurück nach Hause, es ist kein Rundweg.

Tobias D. Kern wurde in wurde in Meßkirch geboren, aufgewachsen ist er in Göggingen, einem Dorf in der Nähe von Meßkirch. Er hat in Meßkirch das am Feldweg gelegene Martin-Heidegger-Gymnasium besucht. Kern kennt den Feldweg also schon seit seiner Jugend: ein Teil davon diente als Laufstrecke in seinem Sportunterricht.

Tobias D. Kern lebt und arbeitet schon lange in Köln, fühlt sich seiner ursprünglichen Heimat jedoch noch immer sehr verbunden. Es ist eben die Gegend, in der er geboren wurde, aufwuchs und in der sich zunächst Identität, Charakter und Weltauffassungen entwickelten; Heimat also weniger verstanden als Idylle, sondern eher als Ort des Individualismus.

Den Feldweg-Text kennt Kern ebenfalls seit langem und hat sich ab 2000 fotografisch an dem Thema versucht. Er kam damals jedoch nicht über das Heimat-abbildende hinaus und fand seine Bilder daher wenig überzeugend.

Nach der Katastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 erinnerte er sich jedoch wieder an den Text, in dem Heidegger prophetisch von den „Riesenkräften der Atomenergie“ schreibt, denen wir uns ausliefern. Neben dem nach wie vor virulenten heimatfotografischen Interesse waren es Heideggers technikkritische Passagen, die ihn angesprochen und ihm den Impuls zu seiner aktuellen Arbeit gegeben haben.

Tobias D. Kern: Feldweg V. Aus: Wissende Heiterkeit
Tobias D. Kern: Feldweg V

Tobias D. Kern hat in den vergangenen beiden Jahren Heideggers konkreten Feldweg fotografiert, also den Weg in Meßkirch, der im Feldweg-Text beschrieben ist.
Genauer gesagt: er hat einen Teil des heutigen Weges fotografiert, der Meßkirch mit dem Nachbarort Bichtlingen verbindet. Zu Heideggers Zeiten war das die „Hofgartenstraße“, im weiteren Verlauf dann das „Bichtlinger Sträßle“. Heute ist der Weg eine geteerte Straße, in den frühen 1970er-Jahren umbenannt in „Am Feldweg“. Die berühmte Bank, auf der der junge Heidegger angeblich die klassischen Werke der Philosophie gelesen hat, wurde zuletzt 2010 erneuert. Sie ist auf einigen von Kerns Bildern zu erahnen.

Aber was heißt das, einen Weg zu fotografieren?
Selbst wenn man Anfang und Ende exakt festlegt, ist so ein Weg ziemlich lang — der passt ja sogar schwerlich auf ein Luftbild. Es wird auch kaum jemand eine Bilderserie erwarten, die formatfüllend den kompletten Teerbelag des Weges zeigt, oder alle Pflastersteine etc.

Das heißt, ein Fotograf muss Entscheidungen treffen — und der Fotograf hat sich entschieden. Tobias D. Kern hat nah am Text gearbeitet — nicht nur, was den Gegenstand betrifft. Auch die Ideen des Einfachen, des Bewahrenden, des Traditionsbewussten, die der Text vermittelt, haben ihn geleitet.

1. Die Entscheidung für Schwarzweiß.
Farbe lenkt ab, Schwarzweiß fokussiert den Blick auf das Wesentliche und steht für das Einfache. So sieht es Kern und betont zudem den ihm wichtigen handwerklichen Aspekt der Bildproduktion.
Die Entscheidung ist ambivalent. Denn auf der anderen Seite passt Schwarzweiß perfekt zu Heidegger, dem begnadeten Selbstdarsteller. So kennen wir ihn — ob von den Fotos von Digne Meller Marcovicz in seiner Hütte und auf seinen Spaziergängen oder von den Amateuraufnahmen, die in der illustrierten Feldweg-Ausgabe den noch ungeteerten Feldweg zeigen.

2. Kern hat mit der Großformatkamera auf Film gearbeitet. Das war zeitaufwendig und umständlich. Doch zum einen benötigte er die Verstellmöglichkeiten dieser Kamera, um die durchgängige Schärfe vom Vordergrund bis zum Horizont zu erzielen. Ebenso wichtig war ihm jedoch die Entschleunigung, die das Arbeiten mit dieser Kamera mit sich bringt. „Man schlupft unter das Tuch, dichtet es ab und wartet erst mal lange bis man, vor allem in der Dämmerung, überhaupt ein Bild sieht. Die Arbeit ist sehr langsam und manchmal ändert sich z.B. in der Morgenfrühe das Licht beim Sonnenaufgang, bzw. bricht durch Nebelschwaden … „.

3. Alle Fotos sind leicht weitwinklig im Hochformat aufgenommen, die Kamera ist stets waagerecht ausgerichtet und zwar so, dass der Horizont jeweils exakt mittig liegt.
Diese Setzungen sorgen für ruhige Bilder und geben der Serie einen formalen Zusammenhalt. Inspiriert ist dieser Aspekt der Bildgestaltung wieder direkt von Heidegger, der in Bezug auf die Eiche, unter der die Bank steht, schrieb: „Wachsen heißt: Der Weite des Himmels sich öffnen und zugleich in das Dunkel der Erde wurzeln.“
Dem Gleichgewicht von tragender Erde und weitem Himmel entspricht die mittige Horizontteilung.

4. Es sind keine Personen zu erkennen, nur gelegentlich als Silhouetten in der Ferne.

5. Tobias D. Kern hat in jeder Jahreszeit fotografiert und zu verschiedenen Tageszeiten. Auch hier nah am Text, in dem es heißt: „In der jahreszeitlich wechselnden Luft des Feldweges gedeiht die wissende Heiterkeit, deren Miene oft schwermütig scheint.“

Das Projekt erscheint wie eine Konkretisierung von Vilém Flussers Diktum, Fotografieren sei eine Geste, die philosophische Einstellungen in einen neuen Kontext übersetzt.

Vor einem Jahr haben wir hier Tobias D. Kerns Arbeit Stigmata gezeigt — vordergründig eine Sammlung von Baumzeichen, hintergründig eine Auseinandersetzung mit deutschen Wald-Phantasien.
Für seine Feldweg-Arbeit hat sich Kern wieder in die Natur begeben, um ein weites Feld zu beackern. Er hat mit diesen Bildern eine kohärente Fotoserie vorgelegt, die sich schlüssig in sein Gesamtwerk einfügt.

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Das ist die klassische Nur-Text-Ausgabe:
Martin Heidegger: Der Feldweg

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Martin Heidegger: Der Feldweg — Bebilderte Sonderausgabe

Bitte beachten Sie auch: So unterstützen Sie diesen blog

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Transition III
Tobias D. Kern: Wissende Heiterkeit. Eine photographische Annäherung an Heideggers Feldweg
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20
Ausstellungsdauer:
21. Oktober 2013 bis 22. Dezember 2013
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung)

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