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Das Autochrome-Verfahren für die Farbfotografie 28. Oktober 2013

Posted by Martin Frech in Geschichte, Technik.
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Mit dem Autochrome-Verfahren war es im frühen 20. Jahrhundert erst­mals möglich, ein Farbfoto mit nur einer Aufnahme anzufertigen. Die Brüder Auguste und Louis Lumière erfanden das Verfahren — sie bekamen 1903 ein entsprechendes Patent. Vermarktet wurde es ab 1907. Bis Mitte der 1930-Jahre war Autochrome die übliche Technik zur Farbfotografie. Autochrome-Platten waren in Formaten von 4,5×6 cm bis 18×24 cm lieferbar; das Material war etwa dreimal teurer als Schwarz­weiß­platten.

Autochrome-Platten wurden hergestellt, indem auf eine Glasplatte zunächst eine sehr dünne Schicht farbiger Kartoffelstärke aufgepresst wurde. Die Stärke war mit Anilin-Farben in unterschiedlichen Anteilen Zinnoberrot, Gelbgrün und Ultramarinblau angefärbt. (Dass nicht reines Rot, Grün und Blau verwenden wurden hatte mit Anpassungen an die Sensibilisierung der Schwarzweiß-Schicht zu tun.) Zwischen den Stärke-Körnchen entstanden Lücken, die mit Holzkohle-Staub geschlossen wurden. Diese Stärke-Kohle-Schicht wurde mit einem Firnis versiegelt, der gleichzeitig die eigentlich undurchsichtigen Stärkekörnchen transparent machte. Darauf wurde eine herkömmliche panchromatische Silberbromid-Schwarzweiß-Emulsion gegossen.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Schwarzweiß-Platten wurden die Auto­chrome-Platten in der Kamera „von hinten“ durch das Glas belichtet. So wirkte die eingefärbte Stärke-Schicht vor der Emulsion wie ein Rot-Grün-Blau-Lichtfilter und die Schwarzweiß-Schicht wurde entsprechend der Farb-Anteile des auftreffenden Lichts belichtet.

Da die Schwarzweiß-Emulsion übersensibel für kurzwelliges Licht war, musste für ein tonwert- und farbrichtiges Bild zusätzlich ein gelb-oranger Filter vor dem Objektiv verwendet werden. Damit wurde UV-Licht blockiert und blaues Licht abgeschwächt. Durch die beiden Lichtfilter war die Autochrome-Platte etwa 60-mal unempfindlicher als die reine Schwarz­weiß-Platte; Moment­aufnahmen waren nicht möglich. Aber immerhin: Bei sehr gut beleuchteten Motiven konnte man 1/10s Belichtungszeit erreichen, üblich waren bei Außenaufnahmen mehrere Sekunden.

Nach der Aufnahme wurde die Emulsion zum Schwarzweiß-Dia umkehr­entwickelt, die Kartoffelstärke-Filterschicht blieb erhalten. Die Platte — ein Dia — wurde abschließend lackiert und zwischen Schutzgläser eingefasst.

Wird eine Autochrome-Platte mit viel Licht in der Durchsicht betrachtet oder projiziert, wirkt die Silberschicht als Helligkeitsfilter, der mehr oder weniger Licht durch die als Kornraster wirkende Kartoffelstärke-Filter­schicht lässt — entsprechend den Farbverhältnissen bei der Aufnahme. Bei normalem Betrachtungsabstand sieht das Auge ein Farbbild — das funktioniert ähnlich wie die Farberzeugung beim Farbmonitor.

Die ab 1916 auf den Markt gekommene Agfa-Farbenplatte funktionierte vergleichbar, war jedoch nahtlos mit reinen Farbpigmenten beschichtet. Im Gegensatz zur Autochrome-Platte mit ihrer Kohle-Stärke-Filterschicht war die Agfa-Platte heller und lichtempfindlicher; auch die Farb­wieder­gabe war besser.
Als ab den 1930er-Jahren Agfacolor und Kodachrome verfügbar waren, war die Autochrome-Ära vorbei.

Autochrome-Dias wurden seinerzeit mit einem den Dia-Guckis ähnlichen Diaskop gegen Tageslicht angeschaut. Projektoren waren weniger verbreitet, die Hitze der Lampe konnte schnell die Schichten zerstören.

Autochrome-Platten heute zu betrachten, zu projizieren oder zu repro­duzieren ist eine komplizierte Angelegenheit. Diese einfach auf den Leuchttisch zu legen, ist unbefriedigend: Da dessen Licht sehr diffus ist, wirken die Farben sehr entsättigt. Außerdem sind die Lumière’schen Filter­farben für ein Tageslichtspektrum optmiert — künstliches Licht, und erst recht solches mit einem diskontinuierlichen Spektrum, verfälscht die Farbwidergabe deutlich.

Die Reproduktion der aus Zinnoberrot, Gelbgrün und Ultramarinblau zusammen­gesetzten Farbbilder mit einem modernen System, das mit Rot- Grün- und Blaufiltern arbeitet, birgt zusätzliche Fehlerquellen.

Wichtig ist daher eine sorgfältige Farbkorrektur der Digitalisate. Diese ist nur möglich, wenn die originale Autochrome-Platte korrekt durchleuchtet (bspw. durch einen Kondensor mit einem tageslicht-ähnlichen Licht) zum Vergleich vorliegt.

    Literatur:

  • Von Autochrome zu Cibachrome. CIBA-GEIGY Photochemie AG: Fribourg, 1979.
  • Werner Schultze: Farbenphotographie und Farbenfilm. Berlin u.a.: Springer, 1953.

 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Kommentare»

1. “Autochrome Welt” im Schönbuchmuseum | Notizen zur Photographie - 28. Oktober 2013

[…] Ergänzung zum hier geschriebenen habe ich in meinem folgenden Beitrag “Das Autochrome-Verfahren für die Farbfotografie” über die technischen Aspekte und die Probleme bei der Reproduktion von Autochrome-Platten […]


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