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Vom Nutzen der Skizzenbücher: das Buch „Photographer’s Sketchbooks“ 22. Januar 2017

Posted by Martin Frech in Foto-Buch.
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Notiz- und Skizzenbücher umweht ja gelegentlich der Nimbus, ein Kreativer könne gar nicht ohne; zurecht, wie ich denke. Doch, was schreiben, skizzieren oder collagieren die da rein?

Nun ist mir das schon 2014 erschienene Buch „Photographer’s Sketchbooks“ untergekommen, das dieses Thema im Hinblick auf Fotografen behandelt. Die Herausgeber Stephen McLaren und Bryan Formhals sind neben ihrer Autorentätigkeit (u.a. „Street Photography Now“ und LPV Magazine) auch selbst als Fotografen unterwegs.

Sie versprechen, ihr gewichtiges Buch gewähre einen seltenen Einblick in den Arbeitsalltag von 43 Fotografinnen, Fotografen und entsprechenden Kollektiven, indem diese mit jeweils eigenen Texten Ausschnitte ihrer Skizzenbücher vorstellen — wobei der Begriff des Skizzenbuchs ausdrücklich weit gefasst wird. Die Idee ist, uns Lesern über jeweils sechs bis acht Seiten quasi einen Blick über die Schultern der Fotografen zu ermöglichen und damit Einblicke in deren kreativen Prozess.

Das etwa A4 große querformatige Buch ist schön anzuschauen, keine Frage (Gestaltung: Kummer und Herrman, Utrecht). Jeder Eintrag beginnt mit einem kurzen Text und zeigt anschließend Seiten aus Skizzenbüchern oder Kalendern, Fotos von Artefakten oder Blicke auf Kontaktbögen, Bildcollagen, Polaroids und Arbeitsprints des jeweiligen Autors; je nachdem. Warum was gezeigt wird, ist nicht begründet; eine Kritik findet nicht statt.

Ich habe das Buch gerne durchgesehen, es jedoch wieder zurückgegeben. Die Informationen sind eher anekdotisch und die Auswahl der Künstler (Dokumentarfotografen im weitesten Sinne) folgt keinem für mich erkennbaren Schema. Einige kannte ich schon, auf andere hat mich das Buch allerdings so neugierig gemacht, dass ich mich näher mit ihnen beschäftigt habe.

Photographer’s Sketchbooks, Hg. Stephen McLaren und Bryan Formhals. London: Thames & Hudson, 2014. 320 Seiten, ca. 1850 g. ISBN 9780500544341.

 
Foto (Spree/Berlin) © Martin Frech 2016
Foto © Martin Frech 2016

 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

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Det fiel mir uff: 2 Cent für ein Fotobuch 21. Juli 2013

Posted by Martin Frech in Foto-Buch, Markt.
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Auf der online-Suche nach Michael Rutschkys „Auf Reisen“ bekam ich u.a. folgende Treffer:
Auf der Suche nach Rutschkys Reise-Album
Gut verschmutzt ist das Buch teurer — das wäre dem „hessischen Berliner“ (Sabine Vogel) sicher auch eine Notiz wert gewesen.

Gerry Johansson: Deutschland (Buch und Ausstellung) 20. Februar 2013

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Foto-Buch, Fotoausstellung.
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Gerry Johansson: Deutschland
Anmerkungen zu Buch und Ausstellung

© 2013 Martin Frech, randgebiete.de (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

Der schwedische Fotograf Gerry Johansson (geb. 1945) hat 1993 sowie von 2005 bis 2012 Deutschland bereist und hier fotografiert. 2012 wurden die Erträge dieses Projekts als Buch mit dem Titel Deutschland veröffentlicht.(1) Eine Auswahl der Bilder ist noch bis zum 30. März in einer Ausstellung in Berlin zu sehen.(2) Infos zum Fotografen finden sich auf dessen Website.(3)

Das Werk Deutschland ist der sechste und wohl letzte Titel einer Serie in der Johansson bisher die Bücher Amerika (1998), Sverige (2005), Kvidinge (2007), Ulan Bator (2009) und Pontiac (2011) veröffentlicht hat.

Gerry Johansson publiziert nicht als Menschen-Fotograf. Personen sind auf seinen Bildern nicht zu sehen — ihn interessiert die von den Menschen gestaltete Kulturlandschaft. Er steht damit in der Tradition der „New-Topographics“-Bewegung, die spätestens seit William Jenkins‘ namensgebender Ausstellung von 1975 eine Wende in der Landschaftsfotografie eingeleitet hat: weg von idealisierten Landschaftsdarstellungen, hin zur dokumentarischen Arbeiten.

Johanssons Fotografien erzählen keine Geschichte und bilden keine Typologie. Ich würde die Arbeit auch nicht als Serie bezeichnen — es ist vielmehr eine Sammlung, die beinahe wie ein Katalog aufgemacht ist.

Von jedem Ort gibt es ein Bild, als Bildbeschreibung ist unter jedem Bild nur der Name des Ortes angegeben; die Seiten sind nicht paginiert. Die Bilder sind alphabetisch sortiert nach den Anfangsbuchstaben der Orte. Eine kleinen Schwäche ist jedoch, dass Bilder von Orten mit dem selben Anfangsbuchstaben nicht nach dem zweiten bzw. dritten Buchstaben sortiert sind. In diesen Fällen ist mir auch kein weiteres Sortierkriterium aufgefallen; es erscheint mir andererseits aber auch unwahrscheinlich, dass gerade hier der Zufall ins Spiel kommt.

Außer den üblichen Editionsvermerken ist dem Buch kein Text beigegeben.

Für das Projekt hat Johansson Deutschland in neun Sektoren eingeteilt und diese dann systematisch bereist. Nach welchem Prinzip er die Orte auswählte, ist mir nicht bekannt.

Offensichtlich interessierten ihn aber eher die kleinen Städte, anonyme traditionelle Architektur und der ländliche Raum. Von den großen sechs sind Berlin, Hamburg und Frankfurt/M. vertreten — München, Köln und Stuttgart blieben jedoch außen vor. Vielleicht hat er dort auch gesucht, aber keine für ihn passenden Motive gefunden. Ich denke, dass die Größe oder der Status der Stadt für seine Wahl sowieso unerheblich ist; die Bilder aus Berlin (Torhaus am Bundeskanzleramt) und Wolfsburg (VW-Werk) sind in dieser Hinsicht Ausnahmen.

Ich habe schon einiges gesehen in und von Deutschland. Ich kenne die großen Städte, aber auch viele kleine Ortschaften. Johanssons Bilder haben mich — auf den ersten Blick — nicht überrascht. So sieht es eben aus bei uns. Andererseits habe ich aber auch auf kaum einem seiner durchweg klischeefreien Bilder den jeweiligen Ort wiedererkannt; Grund genug für viele weitere Blicke!

Gerry Johansson ist studierter Grafikdesigner und hat lange in diesem Beruf gearbeitet. Als Fotograf ist er erst seit 1985 präsent. Ihn scheinen in seinen sorgfältig komponierten Bildern vor allem grafische Bezüge zu interessieren — vielleicht auf Grund dieser Vorbildung.

Häufig bringt er Linien in Vorder- und Hintergrund zur Deckung, etwa einen Zaun und den Horizont, wobei er im selben Bild eine Tanne am linken Rand vertikal exakt halbiert (Siemerode); oder die linke Kante eines angeschnittenen Hauses im Vordergrund mit der rechten Kante des Hauses im Hintergrund (Bad Camberg, Düsseldorf, Frankfurt/O., Gethlingen).

An anderen Orten findet der Fotograf Streifen auf einer Mauer, die sich durch seine Standortwahl scheinbar im dahinter stehenden Haus fortsetzen (Böken) oder Gehwegplatten, die exakt parallel zu einem mehreckigen Schaufenster verlaufen (Bad Brückenau).

In Altenlingen hat er eine Industrieanlage durch das davorliegende Gewässer exakt spiegelsymmetrisch aufgenommen und in Nindorf hat er einen Wohnwagen mit zwei Spitzgiebeln fotografiert.

Auf anderen Bildern ist die Illusion der Raumtiefe abhanden gekommen: Gerry Johansson lässt durch seinen frontalen Blick die Tiefenstaffelung einfach verschwinden (Burg, Freiburg, Nendingen, Nürnberg, Potsdam, Solingen).

An einigen Orten weicht Johansson von der (urbanen) Landschaftsfotografie ab und zeigt Architekturdetails (Höchstädt, Leipheim, Neuendorf) bzw. ein Wandrelief (Werdau) oder eine Fensterdekoration (Freden).

Aber auch vor deutlich humoristischen Bildfindungen schreckt der Autor nicht zurück. Etwa wenn er in Tübingen das Signet einer Werbeagentur mit Verkehrszeichen korreliert oder in Laage ein Wahlplakat aufnimmt und die Laterne, an deren Pfahl es hängt, der Kandidatin scheinbar den Hut aufsetzt.

usw. usf.: Entsprechende innerbildliche Bezüge lassen sich in jedem von Johanssons insgesamt 176 Bildern ausmachen. Ich finde es anregend, das Buch unter diesem Aspekt zu lesen. Auch nach dem x-ten Durchblättern wird mir Deutschland nicht langweilig — im Gegenteil: mir fallen immer wieder neue Details auf.

Es gibt jedoch einige Motive, bei denen Johanssons Methode an ihre Grenze stößt und irritierende Kompositionen durch eigenartig abgeschnittene Kirchtürme und Schornsteine entstehen (Kemnitz, Lychen, Potsdam, Weetzen).

Gerry Johansson hat seine ruhigen Bilder durchweg im quadratischen Mittelformat mit der sog. Normalbrennweite aufgenommen und traditionell in der Dunkelkammer ausgearbeitet. Die beinahe quadratisch ausgearbeiteten Bilder sind nur leicht beschnitten: Das Format der Editions-Prints (5 + 1 AP, EUR 2.100) misst angenehme 29,5 x 29 cm.

Auffallend an den Originalabzügen ist, dass Gerry Johansson auf Papiere mit unterschiedlich eingefärbtem Trägern geprintet hat. Ich hatte vermutet, dass dies mit der Marktlage zu tun hat (etwa Agfa MCC versus Adox MCC). Die Berliner Galeristin hat jedoch versichert, dass dies eine bewußte Bild-für-Bild-Entscheidung Johanssons ist, ebenso wie die unterschiedliche Graufärbung seiner selbst hergestellten Holz-Bilderrahmen. Das sind Details, die im Buch leider nicht zur Geltung kommen.

Gerry Johanssons Deutschland war mein bester Fotobuchkauf seit langem.

Amazon-Kauflink:
Gerry Johanssohn: Deutschland, 2012
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(1) Gerry Johansson: Deutschland. Göteborg (Schweden): M A C K, 2012. ISBN 978-1-907946-35-6.
(2) Gerry Johansson: Deutschland. 16.02. bis 30.03.2013, Swedish Photography, Karl-Marx-Allee 62, 10243 Berlin. http://www.swedishphotography.org/ (2013-02-17)
(3) http://www.gerryjohansson.com/index.html (2013-02-17)

Weitere Besprechungen zu Johannsons Deutschland-Buch:

Jörg M. Colberg: Conversations with Photographers 18. November 2011

Posted by Martin Frech in Foto-Buch, gute Idee.
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Jörg M. Colberg, gelernter und promovierter Astrophysiker, ist der Macher von „Conscientious“, einem vielbeachteten Weblog zu zeitgenössischer künstlerischer Photographie.(1)

„Conscientious“ existiert seit über neun Jahren. Seit etwa fünf Jahren publiziert Coolberg regelmäßig Interviews mit Photographen, etwa 90 sind inzwischen online.

Die meisten Interviews entstehen schriftlich, indem der Autor die Fragen per E-Mail an den Photographen schickt und, basierend auf den schriftlichen Antworten, entsprechend nachhakt. Dieser Form des Interviewens fehlt die Spontaneität von Gesprächen, sie geht dafür eher in die Tiefe, da der Gesprächspartner länger über seine Antworten nachdenken kann. Um diesen Aspekt zu betonen, nennt Jörg M. Colberg seine Interviews Conversations. Seltsam, da es sich ja gerade nicht um Gespräche handelt.

In diesem Jahr hat Colberg begonnen, ausgewählte Interviews auf Papier zu veröffentlichen. Als Mehrwert gegenüber der online-Version des jeweiligen Interviews gibt es im Buch ergänzende Texte oder neu geführte Gespräche, die nicht online zugänglich sind.

Der erste Band der geplanten Reihe bringt Konversationen mit Brian Ulrich, Hellen van Meene und Christopher Anderson.(2)

Das Interview mit dem amerikanischen Photographen Ulrich ist von 2006, als Ergänzung gibt es ein weiteres Gespräch, das Colberg im März 2011 via Skype geführt hat. Beide Texte habe ich mit Interesse gelesen, da ich Brian Ulrichs Arbeiten seit langem sehr schätze (für meine Serie Eine Allegorie des Urbanen war ich ja in ähnlichen Einrichtungen unterwegs wie er für Copia).

Für mich überraschend, verbat sich die niederländische Künstlerin Hellen van Meene im Interview vom März 2011 Fragen zur Porträt-Photographie mit Photomodellen; das seien nicht mehr ihre Motive, ein Ding von früher. Stattdessen erzählt sie, wie sie über das Photographieren von Hasen zu den Hunde-Porträts kam — nicht so meins, aber interessant.

Das Gespräch mit Christopher Anderson von 2009 kannte ich schon. Dessen „Film-„Buch Capitolio mit den Venezuela-Photos aus den Jahren 2004–2008 liegt schon lange auf meinem Schreibtisch und ich habe den Plan noch nicht aufgegeben, hier darüber zu schreiben. Im etwas kurz geratenen Interview-Nachtrag von 2011 redet Anderson über seine ebook- und Multimedia-Pläne.

Jörg M. Colbergs Idee, seine Interviews nun auch als Broschüren zu veröffentlichen, ist gut. Die Auswahl der Gesprächspartner im vorliegenden ersten Band spannt einen weiten Bogen künstlerischer Positionen. Die schmalen Bändchen im Postkarten-Format sind zurückhaltend gestaltet und zeigen keine Bilder — Text pur in einem portablen Format; die alte Reclam-Idee. Der Preis von $12,50 (inkl. Versand) ist noch in Ordnung.

(1) http://jmcolberg.com/weblog/
(2) Jörg M. Colberg: Conversations with Photographers. [Vol. 1] Brian Ulrich, Hellen van Meene, Christopher Anderson. Northampton, Mass.: Silver Rocket Press, 2011. 54 Seiten. Ohne ISBN. Bezug via http://jmcolberg.com/weblog/conversations/ (2011-11-18)