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ab 28. Juli 2017 in der schaelpic photokunstbar, Köln: VON WEGEN — mit meiner Arbeit „Globalisierung konkret“ 26. Juli 2017

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Foto-Projekt, Fotoausstellung, schaelpic photokunstbar.
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Abstract.
On 28 July, at 7:30 pm, there will be the opening of schaelpic photokunstbar’s new exhibition ‚VON WEGEN‘. It is a group exhibition by four photographers, showcasing my new body of work Globalisierung konkret (a series of twelve silver gelatine black and white prints). The photos are a documentation of a trip to the post office: We bought in the USA and had to pick-up the mailing personally at the customs office in the neighboring city; see my website for details.
 

Tobias D. Kern: aus der Serie The Haludovo Palace Hotel
© Tobias D. Kern: aus der Serie The Haludovo Palace Hotel
 

Rendez Vous heißt Anna C. Wagners Leidenschaft für dreidimensionale Riefelbilder, die Photographien verbinden und Geschichten erzählen.

Wie in einem Luxushotel Sozialismus auf Kapitalismus traf und wie es mit ihm bergab ging, zeigt Tobias D. Kern in seiner Serie The Haludovo Palace Hotel.

Was selbst die chinesischen Machthaber nicht verhindern können, hat Frank Doering in Kailash Kora photographiert. Seit hunderten von Jahren pilgern Tibeter unter größten Strapazen rund um dem Mount Kailash.

Wie Globalisierung konkret aussieht präsentiert Martin Frech in einer Arbeit über seinen Sohn auf dem Weg zum Zollamt. Das Ziel ist nicht Erleuchtung, sondern der Magnetic Cube.

Anna C. Wagner — Tobias D. Kern — Frank Doering — Martin Frech: VON WEGEN
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20
Ausstellungsdauer:
31.07. bis 29.09.2017
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung)
Vernissage:
Freitag, 28. Juli 2017, ab 18.30 Uhr

Martin Frech: #09 aus der Serie Globalisierung konkret
© Martin Frech: #09 aus der Serie Globalisierung konkret
 

Zu meiner Arbeit Globalisierung konkret:

Die Globalisierung — hier wertfrei verstanden als die seit Jahrzehnten zunehmende internationale Vernetzung auf vielen Ebenen — hat vielerlei Auswirkungen auf mich. Solche, die für mich eher abstrakt sind und indirekt auf mich wirken und andere, die mich konkret in meinem Alltag betreffen. Sie zeitigt Aspekte, die mir Unbehagen bereiten — hat für mich jedoch auch ihre angenehmen Seiten.

Mit dieser Arbeit habe ich einen Aspekt von Globalisierung vertieft, der mich regelmäßig konkret betrifft: Der Besuch des Zollamts als eine Begleiterscheinung internationalen Einkaufens. Erstmals taucht das Thema auf in meiner Serie „Jedes Foto ist historisch“ (2007) mit einem Bild des Postzollamts Berlin-Schöneberg. Seither war ich regelmäßig bei Postzollämtern und mir ist trotz Nachfragens nicht klar, warum manche Sendungen an der Haustür angeliefert werden und ich andere persönlich abholen muss.

Anfang März 2017 war es wieder einmal soweit, den Gang zum Postzollamt anzutreten: Mein Sohn hatte einen Puzzle-Würfel in USA eingekauft (ein anderer Würfel, den wir ein Vierteljahr später kauften, wurde normal zugestellt — es gibt wohl eine Zufallskomponente). Da es in unserer kleinen Stadt kein Postzollamt gibt, mussten wir dafür einen Ausflug in die Nachbarstadt unternehmen; für mich ein Anlass, die vorliegende Sequenz zu fotografieren.

Formal bezieht sich „Globalisierung konkret“ auf meine Arbeit „Celebi heimholen“ (2011). Damals dokumentierte ich eine Fahrt, die ich mit meinem Sohn unternahm, um das Pokémon Celebi downzuloaden. Beide Serien habe ich mit der Halbformat-Kamera Agfa Parat-I fotografiert und im selben Format ausgearbeitet.

Weitere Infos auf meiner Webseite:
www.medienfrech.de/foto/portfolio/globalisierung-konkret/

 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

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Michael Marten ‚Sea Change‘ 18. September 2016

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Foto-Projekt, Fotoausstellung, Fotograf, schaelpic photokunstbar.
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Am 15. September 2016 haben wir in Köln die Ausstellung mit Arbeiten aus der Serie ‚Sea Change‘ von Michael Marten eröffnet (vgl. Michael Marten: ‚Sea Change‘ (schaelpic photokunstbar, Köln).

Zur Einführung habe ich eine kurze Ansprache gehalten, die ich hier dokumentiere.

Hinweise zu Michael Martens Serie ‚Sea Change‘
© 2016 Martin Frech, Notizen zur Fotographie (NzF) (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

In unserer laufenden Reihe präsentieren wir noch bis Ende des Jahres Fotoarbeiten unter dem Oberbegriff ‚Zeit und Fotografie‘.
Den Anfang machte vor einem Jahr Jürgen Hermann Krause, der seine Ost-Blicke aus der Noch-DDR von 1990 zeigte. Es folgten in diesem Jahr Knut Wolfgang Marons Bilder von seiner Mutter und ihrem Nachlass. Romano Riedo hat uns dann im Mai sein Langzeitprojekt über Bergbauern in der Schweiz vorgestellt. Die drei Autoren haben mit ihren Arbeiten jeweils unterschiedliche Zeit-Aspekte betont.

Nun zeigen wir Michael Martens ‚Sea Change‘. Das ist die vierte Ausstellung in dieser Reihe und insgesamt unsere 23. seit 2006.

Schon ein kurzer Blick auf Martens Bilder macht deutlich, warum diese Schau hervorragend zu unserem Konzept passt: Der Fotograf zeigt auf Bildpaaren jeweils das selbe Motiv zu zwei verschiedenen Zeitpunkten — Landschaftsaufnahmen der britischen Küste, einmal bei Wasser-Hochstand und einmal bei Niedrigwasser. Wir sehen, wie Ebbe und Flut — aber auch ein veränderter Sonnenstand — das Aussehen einer Szene dramatisch verändern.

Der Fotograf hat für jedes Bildpaar seine große Kamera zweimal identisch aufgebaut und die selbe Szene im Abstand von einigen Stunden beim niedrigsten und höchsten Wasserstand aufgenommen, idealerweise in der Zeit von Voll- oder Neumond, wenn der Tidenhub besonders groß war.

‚Sea Change‘ ist eine konzeptuelle Arbeit im klassischen Genre der Landschaftsfotografie — stringent und äußerst sorgfältig durchgearbeitet.

Michael Marten hat für sein Projekt Großbritannien umrundet und selbst den hohen Norden nicht ausgespart; sogar die Shetlandinseln hat er bereist.
Ab 2003 ist er dafür neun Jahre lang regelmäßig kreuz und quer über die Insel gereist und hat knapp 400 Bildpaare aufgenommen. In den ersten Jahren auf 4×5″-Farbnegativfilm, später mit einer digitalen Mittelformatkamera.

Für die Präsentation im Buch hat er vier Küstenabschnitte definiert und die Bilder systematisch ‚im Uhrzeigersinn‘ sequenziert: Südwest, Nordwest, Nordost und Südost und zeigt damit Bilder vom Atlantik, der Nordsee und des Ärmelkanals. Im Buch sind von jedem Abschnitt zwischen 11 und 15 Bildpaare abgebildet; das jeweils linke Bild ist das zuerst aufgenommene. In der Ausstellung zeigen wir eine Auswahl.

Wer auch nur ein paar Stunden an einem Meeresstrand verbracht hat, kennt natürlich die Gezeiten: das Wasser kommt und geht. Und irgendwie hat der Mond damit zu tun.

Der Musiker Marteria besingt das Phänomen im Lied „Welt der Wunder“ (auf ‚Zum Glück in die Zukunft II‘, 5/2014). In seiner Hook singt er:

‚Denn wir leben auf einem blauen Planet
der sich um einen Feuerball dreht.
Mit ’nem Mond der die Meere bewegt —
und Du glaubst nicht an Wunder?‘

Damit bringt der Rapper meine Verständnisschwierigkeiten kosmischer Einflüsse ganz gut auf den Punkt und deutet nebenbei die poetische Kraft an, die den Naturphänomenen innewohnt. Gleichzeitig kennen wir das zerstörerische Potential von Hochwasser, Sturmfluten und Riesenwellen.

Dieser Aspekt ist für mich beim Betrachten von Martens Bildpaaren untergründig präsent. Ich weiß, dass die gezeigten Überschwemmungen aus einem natürlichen Rhythmus resultieren — bekomme jedoch eine Ahnung davon, was ein steigender Meeresspiegel für Folgen haben wird.

Nach der gängigen Erklärung der klassischen Mechanik sind die Gezeiten eine Folge der Anziehungskräfte von Mond und Sonne.

Deren Gravitationskräfte wirken auf die Erde. Die Erdkruste ist davon kaum beeinflusst, das Wasser der Ozeane jedoch deutlich. Es wird vom Mond (und der Sonne) angezogen und bildet Flutberge, den sog. Tidenhub. Dazwischen herrscht Ebbe.

Dass daraus Gezeiten werden, liegt an der Erddrehung. Ohne sie würden Ebbe und Flut nicht über die Erdoberfläche wandern, sondern wären an einen Ort fixiert.
Aber die Erde dreht sich quasi unter den Wassermassen der Ozeane. Das Wasser ist zu träge und hat eine zu geringe Reibung, als dass es sich mitbewegen könnte. An den Stellen, wo Land aus dem Wasser ragt, staut sich das über die Erde strömende Wasser und der Tidenhub vervielfacht sich.

Die Situation ist natürlich komplizierter, da die Wasserwellen am Ufer reflektiert werden und zurücklaufen — dadurch entstehen Resonanzen die auch wieder Auswirkungen auf die Wasserhöhe haben. Dazu kommen noch der Einfluss von Winden, Jahreszeiten und weiteren geografischen Einflüssen sowie von Zentrifugalkräften — eine ziemlich komplizierte Materie.
Rund um die britische Küste variieren die Hochwasserstände örtlich zwischen einem und 15 Metern.

Kurz gefasst kann man Ebbe und Flut als geografische Reaktionen auf astronomische Ursachen sehen.

Eine spezielle Situation ergibt sich etwa zweimal im Monat, wenn Erde, Mond und Sonne in einer Linie stehen, also bei Voll- und bei Neumond. Dann addieren sich die Gravitationskräfte von Mond und Sonne und das Wasser der Ozeane steigt besonders hoch — Springfluten entstehen.
Das waren die von Michael Marten bevorzugten Fototermine.

Bei Halbmond wirkt die Sonne dagegen entschärfend und verringert die Kraft des Mondes — Ebbe und Flut sind schwächer ausgeprägt (Nipptiden).

Es gibt Fotografen, die die unberührte Natur suchen und mit viel Pathos die Erhabenheit der Schöpfung feiern oder romantisch-sehnsüchtig auf die Landschaft schauen.
Im Kontext der Seestücke wären dies beispielsweise Gustave Le Gray (1820–1884), Franz Schensky (1871–1957) oder der Zeitgenosse Elger Esser (*1967).

Andere interessieren sich für die vom Menschen gestaltete Landschaft, wie das die New-Topographics-Bewegung seit den 1960er-Jahren tut. Bekannte Vertreter dieses dokumentarischen Blicks sind Robert Adams (*1937), Lewis Baltz (1945–2014), Heinrich Riebesehl (1938–2010) und Joachim Brohm (*1955).

Michael Marten schafft es ganz unaufgeregt, beides zu verbinden; die romantische Sicht und den dokumentarischen Blick. Neben klassischen Seestücken sehen wir Aufnahmen, die ganz selbstverständlich Industrie- und Hafenanlagen ins Bild rücken; wenn es sich ergibt, sind seine Bilder auch bevölkert.

Er bringt es sogar fertig, beide Sichtweisen in einem Bildpaar zu vereinen. Dann ist beispielsweise die Szene bei Niedrigwasser quirlig bevölkert, und ein paar Stunden später sehen wir die gleiche Ansicht als eine komplett andere Landschaft, überflutet, menschenleer, dramatisch beleuchtet.

Michael Marten hat sich intensiv mit den Gezeiten beschäftigt und seine konzeptuelle Setzung deutlich an den Gezeitentafeln orientiert. Er kann dadurch jedoch nicht auf ein bestimmtes Licht warten, verzichtet also weitgehend auf ein elementares Gestaltungsmittel der Landschaftsfotografie.

Obwohl ihm Gezeitentabellen und nicht der optimale Sonnenstand den Zeitpunkt der Aufnahmen diktierten, gelangen ihm großartige Bilder der britischen Küstenlandschaft. Er wählte seine Ausschnitte so, dass die Bilder dennoch hervorragend funktionieren — die Wirkung des überflutenden Wassers und des überfluteten Landes ist stark genug — viel Wasser verändert alles.

Michael Marten: Sea Change
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Ausstellungsdauer:
16. September bis 18. Oktober 2016
Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr,
(zusätzlich Sonderöffnungszeiten während des Fotoszene-Festivals)

Das Buch zum Projekt:
Michael Marten: Sea Change: A Tidal Journey Around Britain, 126 Seiten, 107 Farbfotografien, mit einer Einführung von Robert Macfarlane. Heidelberg: Kehrer, 2012.
Das Buch ist vergriffen — Exemplare einer limitierten Sonderedition mit zwei beigefügten Prints sind noch erhältlich (125 Euro).

 
 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Michael Marten: Sea Change | 16.09. bis 28.10.2016 in der schaelpic photokunstbar, Köln 30. August 2016

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Foto-Projekt, Fotoausstellung, gute Idee, schaelpic photokunstbar.
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Michael Marten zeigt in seiner Serie „Sea Change“, wie die Gezeiten das Aussehen der Küste Großbritanniens täglich verändern. Wir sehen Strände und Gezeitentümpel, Schlick und natürliche Häfen nur vorübergehend — bei Ebbe; wenn das Meer zurückkommt, ist alles wieder verschwunden. (zu sehen vom 16.09. bis 28.10.2016 in der schaelpic photokunstbar, Köln)

aus: Michael Marten: Sea Change

Marten begann 2003 mit diesem Fotoprojekt. Als er die Küste bei Berwickshire erkundete, fotografierte er einen kleinen Hafen. Er war fasziniert von einer Reihe zahnartiger Felsen, in der Gegend bekannt als „Ufer-Ziegen“, die bei Flut verschwanden. Bei der Durchsicht seiner Filme fiel ihm auf, dass er die selbe Ansicht bei Ebbe und Flut aufgenommen hatte. Ihn begeisterte, wie die ansteigende Flut radikal die Perspektive auf und das Gefühl für die Landschaft verändert.

Neun Jahre lang hat Marten an dieser Serie gearbeitet. Sie besteht aus Bildpaaren, von denen jedes zwei Zeitpunkte festhält, indem zwei durch die Gezeiten bedingte Zustände der Landschaft zu sehen sind. Marten hat die Dyptichen im zeitlichen Abstand von sechs oder 18 Stunden jeweils vom selben Standpunkt aus aufgenommen. Die überraschenden Bildpaare veranschaulichen den dynamischen Zustand dieser Landschaft.

aus: Michael Marten: Sea Change

Ein Aspekt der Faszination dieser Arbeit ist das Nebeneinander der jeweils gleichen Ansichten bei Ebbe und Flut. Dies ermöglicht es herauszufinden, was sich durch die Gezeiten ändert und was nicht.

Für „Sea Change“ hat Marten die knapp 18000 km lange britische Küste in die vier Bereiche Südwest, Nordwest, Nordost und Südost eingeteilt. Er hat ein umfangreiches Werk geschaffen, das die Vielfalt der britischen Küste dokumentiert: von Strandpflanzen über Felsformationen und unberührte Sandufer zu Industriegebieten. Sein fotografisches Doppel-Portrait der maritimen Landschaft verdeutlicht effektvoll die Gezeiten.

Biographie

Michael Marten hat beruflich und privat mit Fotografie zu tun seit er als Jugendlicher zu fotografieren begann. Seine erste Anstellung hatte er als Autor von Bildunterschriften für die Agentur „Camera Press syndication“. 1979 gründete er die „Science Photo Library“, eine Bildagentur für Wissenschaft und Medizin. Marten hat als Mitautor und Bildredakteur an verschiedenen Büchern gearbeitet, u.a. „An Index of Possibilities“ (1974), „Worlds Within Worlds“ (1978), „The New Astronomy“ (1983) und „The Particle Odyssey“ (2002).

„Sea Change“ wurde in folgenden Institutionen gezeigt: Blue Sky Gallery (Portland, USA); Grazia Neri Gallery (Mailand); Libreria del Mare (Palermo) sowie Ringe Bibliotek, Denmark, als Teil des Fototriennale.dk Photography Festival; Oxo Gallery in London.

2011 gewann Sea Change den „LensCulture International Photography Award“ für das beste Portfolio und war im selben Jahr unter den Top-50 bei Critical Mass. „Sea Change“ wurde im Ag-Magazin, Mare, Focus Italy und in The Guardian’s Weekend Magazine veröffentlicht.

Sea Change: A Tidal Journey Around Britain by Michael Marten, 126 Seiten, 107 Farbfotografien, mit einer Einführung von Robert Macfarlane. Heidelberg: Kehrer, 2012 (vergriffen). Exemplare einer limitierten Sonderedition mit einem beigefügten Originalprint sind noch erhältlich.

(Übersetzung: Martin Frech, NzF)

Romano Riedo: Hinterland 14. Mai 2016

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Fotoausstellung, Fotograf, schaelpic photokunstbar.
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Am 12. Mai 2016 haben wir in Köln die Ausstellung mit Arbeiten aus der Serie ‚Hinterland‘ von Romano Riedo eröffnet.

Zur Einführung habe ich eine kurze Ansprache vorbereitet, die ich hier dokumentiere.

Hinweise zu Romano Riedos Serie ‚Hinterland‘
© 2016 Martin Frech, randgebiete.de

Das übergreifende Thema unserer schaelpic-Ausstellungen 2015/2016 ist das Motiv der ‚Zeit‘ in der Fotografie. Wie in den vergangenen beiden Ausstellungen angedeutet, finden wir dazu sehr unterschiedliche Positionen.

Klar ist: prinzipiell zeigt jede Fotografie etwas Vergangenes, „bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit“, wie es Susan Sontag bereits 1977 so passend formulierte. In diesem Sinne hat uns im vergangenen Herbst Jürgen Hermann Krauses Ostblick-Ausstellung — wie durch eine Zeitmaschine — Einblicke in den DDR-Alltag der Wendezeit von 1990 verschafft.

Knut Wolfgang Maron dagegen hat den Zeit-Aspekt schon konzeptuell berücksichtigt. Zu Anfang des Jahres sahen wir seine berührenden Bilder vom Ende des Lebens seiner Mutter und ihrer Hinterlassenschaft.
Roland Barthes Vermutung von 1977, jedes Anschauen eines Fotos sei ein Kontakt mit dem Tod, bekam hier eine direkte Bestätigung.

Heute zeigen wir Ihnen Bilder aus einem Langzeit-Projekt von Romano Riedo. Damit haben wir eine Position, die unserem Thema weitere Aspekte abgewinnt.

Romano Riedo arbeitet als freier Fotograf und Fotojournalist in der Schweiz. Neben seinen Auftragsarbeiten nimmt er sich regelmäßig Zeit für freie Reportagen, die häufig auf längere Zeiträume angelegt sind.

Seine Welt sind die Berge — Romano Riedo beschäftigt sich seit langem intensiv mit den Bergbauern in der Schweiz. Seit mehr als 20 Jahren fotografiert er deren Alltag. Die Ergebnisse seiner fotografischen Feldforschungen haben sich in Büchern und Ausstellungen manifestiert mit Titeln wie ‚Alpland‘, ‚Alpzeit‘, ‚La Gruyère‘ und eben ‚Hinterland’.

Aus dem gewaltigen Bilderberg von Riedos Hinterland-Projekt mussten wir für diese Ausstellung eine kleine Auswahl treffen — eine repräsentative, wie wir hoffen.

Riedos ‚Hinterland‘ sind die Alpen. Neben Jura und Mittelland sind die Alpen eine der drei Schweizer Großregionen. Und obwohl die Alpen etwa 60% der Schweizer Landesfläche beanspruchen, sind sie nur dünn besiedelt. Der Großteil der rund 8,5 Mio. Schweizer lebt im Mittelland, das jedoch nur etwa ein Drittel der Landesfläche ausmacht, bei einer Breite von maximal 70 km.

Letzteres ist einer der Aspekte, die Riedo fasziniert: man hat aus allen größeren Städten der Schweiz nur kurze Wege in die Berge, kann dort jedoch in eine komplett andere Welt eintauchen; in seinem Fall ist das die Arbeits- und Lebenswelt der Bergbauern. Laut Riedo ist das auch in der Schweiz eine Minderheit, die kaum jemand wirklich kennt.

Er selbst kennt diese Welt, da er einmal für eine Saison dort gearbeitet hat und seither immer wieder dorthin gereist ist. Er hat sich durch die beharrliche Auseinandersetzung mit dem Thema einen privilegierten Zugang zu den Bergbauern erarbeitet, der ihm ein Fotografieren quasi als teilnehmendem Beobachter ermöglicht.

Doch was ist eigentlich ein Bergbauer?
Ein Bergbauer ist ein Bauer im Gebirge.
Das hört sich einfach an, bringt für den Bergbauern im Vergleich zu seinen Kollegen im Flachland jedoch so seine Schwierigkeiten mit sich: moderne landwirtschaftliche Geräte sind kaum einsetzbar, die klimatischen Bedingungen sind extrem und die Höfe, Weiden und Ackerflächen sind schwerer zugänglich. Attraktiv wurde das Bergbauerntum daher auch erst vor etwa 800 Jahren — wegen der damaligen Bevölkerungsentwicklung und dem Mangel an einfach zu bewirtschaftenden Flächen.

Heutzutage wirkt das Bergbauerntum wie aus der Zeit gefallen und ist zumindest in Europa wirtschaftlich schon lange nicht mehr konkurrenzfähig. Aus unterschiedlichen Gründen werden Bergbauern jedoch staatlich unterstützt. Stichworte sind Landschaftspflege, Tourismusförderung und naturnahe Lebensmittelproduktion (slow food).

Diese entschleunigte bergbäuerliche Lebensmittelherstellung interessiert Romano Riedo besonders. Ihn fasziniert es, die Älpler bei Ihrer Arbeit zu beobachten und er schätzt die Identifikation der Menschen mit ihrer Arbeit und den dabei entstandenen Produkten. Ich kann das seinen Bildern entnehmen.
Obwohl ich mir vorstellen kann, dass auch in dieser Bergbauern-Welt das eine oder andere Artefakt unserer modernen Welt auftaucht, ist auf Riedos Bildern davon kaum etwas zu sehen. Mal die Andeutung einer Melkmaschine, mal ein Funkgerät oder etwas versteckt ein Kassettenrekorder. Auch das Etikett an einer Kinderhose deutet einen zeitgenössischen Kontext an. Aber man muss schon arg nach Details suchen, die diese Bilder im Jetzt verorten.

In der Tradition der Reportage-Fotografie besteht Riedos Arbeit aus Landschafts-Aufnahmen, Portraits und der Dokumentation von Arbeitsabläufen; Schnappschüsse hat sich der Fotograf ausdrücklich erlaubt.

Technisch hat Romano Riedo im Einklang mit seinen Motiven zumindest während den Aufnahmen ganz klassisch gearbeitet. Alle Bilder sind mit einer handlichen Mittelformatkamera (einer Mamiya 6) auf Schwarzweißfilm fotografiert — ausschließlich mit dem vorhandenen Licht und nur aus der Hand.
Später hat Riedo die Negative jedoch gescannt und Tintenstrahl-Drucke erstellt; es handelt sich bei den hier gezeigten Bildern also nicht um traditionelle Schwarzweiß-Vergrößerungen.

Riedo hat in der ganzen Schweiz fotografiert — unter anderem in Appenzell, Graubünden, Tessin, Oberwallis, Berner Oberland und Greyerz.

Ich denke mir, dass der Globalisierungsdruck weiter zunehmen wird und derartige selbst gewählte Arbeits- und Lebensformen in den Bergen vollends verschwinden werden. Es ist wichtig, dass es Fotografen wie Romano Riedo gibt, die diese Parallelwelten mit solcher Ausdauer für uns dokumentieren. Ich wünsche ihm, dass er seinen Plan realisieren kann, diese Serie auf ganz Europa auszudehnen.

Romano Riedo: Ein Schwein in Freiheit vor einem Holzkreuz auf Alp Turtmann im Wallis.
Romano Riedo: Ein Schwein in Freiheit vor einem Holzkreuz auf Alp Turtmann im Wallis.

Romano Riedo: Arbeiten aus der Serie Hinterland
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Ausstellungsdauer:
13. Mai bis 11. August 2016
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr)

 
 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Das nasse Kollodiumverfahren — eine fotohistorische Verortung 17. März 2014

Posted by Martin Frech in Fotoausstellung, Geschichte, schaelpic photokunstbar, Technik.
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Am vergangenen Freitag haben wir mit einer Vernissage die Ausstellung Transformation — vom Damals ins Heute | moderne Wetplate Photographie mit Bildern von Stefan Sappert eröffnet. Noch bis Mai  2014 sind die Fotografien in der schaelpic photokunstbar in Köln zu sehen (–> Info zur Ausstellung).

Zur Einführung in die Ausstellung habe ich das nasse Kollodiumverfahren im Kontext einer Überblicksdarstellung der Fototechnik-Geschichte des 19. Jahrhunderts erläutert:

Das nasse Kollodiumverfahren — eine fotohistorische Verortung
© 2014 Martin Frech, Notizen zur Fotographie (NzF) (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Verortung

In meinem kurzen Vortrag werde ich das nasse Kollodiumverfahren in die Technikgeschichte der Fotografie einordnen. Dazu werde ich die groben Linien der Fototechnik-Entwicklung (hier ohne Optik und Apparate) bis zum Ende des 19. Jahrhunderts skizzieren und die wesentlichen Arbeitsschritte des Nassplatten-Verfahrens kurz erklären — Stefan Sappert wird es Ihnen im Anschluss praktisch vorführen.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Verortung | Camera obscura

Die Fotografie wurde nicht plötzlich erfunden. Es war vielmehr eine Entwicklung, die ab dem späten 18. Jahrhundert von vielen Tüftlern international vorangetrieben wurde, oft wussten diese nicht einmal voneinander.

Bei der Entwicklung der Fotografie ging es darum, die Bilder der Camera obscura automatisch und dauerhaft festzuhalten.

Die Camera obscura — auch Lochkamera genannt — ist ein lichtdichter Kasten mit einem kleinen Loch oder einer Sammellinse.
Die Umgebung vor der Öffnung der Camera wird durch das Loch auf die Rückwand projiziert.

Die Camera obscura ist schon lange in Gebrauch. Wahrscheinlich kannten schon unsere Vorfahren in der Altsteinzeit das Prinzip; von Aristoteles stammt die erste schriftliche Überlieferung.
Künstler und Wissenschaftler haben spätestens seither intensiv mit der Lochkamera gearbeitet.
Der Nachteil war, dass die gesehenen Bilder eben nur abgezeichnet werden konnten.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | Vorarbeiten

Chemiker haben im Laufe der Zeit viele lichtempfindliche Substanzen gefunden.

Den Effekt der Strahlungsenergie kennen wir alle aus dem Alltag: unter Lichteinfluss vergilbt Papier, Farben bleichen aus oder Vitamine zersetzen sich.

Wichtig für die Fotografie ist das Silbernitrat (und die damit hergestellten Silberhalogenide). Seine Lichtempfindlichkeit wurde im 18. Jh. entdeckt.

Von nun an arbeiteten viele Tüftler an der Erfindung dessen, was wir heute „Fotografie“ nennen.

Thomas Wedgwood gelangen noch im 18. Jahrhundert erste Bilder auf Silberbasis, die er jedoch nicht stabilisieren/fixieren konnte.
Das Fixieren der Bilder war ein Hauptproblem aller Foto-Pioniere — ihre Bilder hielten nicht lange, wir kennen sie nur aus den schriftlichen Beschreibungen.
Einen brauchbaren Fixierer fand erst William Herschel 1839.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | Heliographie

Joseph Nicéphore Niépce war der erste, dem ein dauerhaftes Bild nach jahrelangen Forschungen gelang: 1826 fertigte er mit dem Blick aus seinem Arbeitszimmer die erste bis heute erhaltene Fotografie an.

Sein Verfahren — die Heliografie — basierte allerdings nicht auf Silber.
Niépce arbeitete mit einer asphaltbeschichteten Metallplatte, die er stundenlang belichten musste. Für Portraits war das Verfahren daher ungeeignet. Für die Reprotechnik war es als Vorläufer der Fotogravüre und Urahn des Tiefdrucks dagegen wegweisend.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | Daguerreotypie

Zu der Zeit, als Niépce seinen Forschungen nachging, betrieb Louis Daguerre in Paris kommerziell erfolgreich Dioramen; große begehbare Bilder mit Licht- und Ton-Effekten. Daguerre war Maler und arbeitete bei der Herstellung seiner großen Bilder auch mit der Camera obscura. Er forschte ebenfalls an der Fotografie — allerdings erfolglos.

Daguerre erfuhr von Niépce‘ Arbeit und tat sich 1829 mit ihm zusammen. Sie setzten einen entsprechenden Vertrag auf, um gemeinsam ein alltagstaugliches fotografisches Verfahren zu entwickeln. Das zog sich hin — letztlich ergebnislos.

Niépce starb 1833. Später entwickelte Daguerre erfolgreich ein Verfahren, das allerdings anders funktionierte als das seines ehemaligen Partners.

Basis seiner Daguerreotypie ist eine versilberten Kupferplatte, die mit Jod, Brom und Chlor bedampft wird. Dadurch wird sie für kurze Zeit lichtempfindlich und muss rasch belichtet werden. Entwickelt wird die Platte mit Quecksilberdampf, es entsteht ein quasi-positives Unikat.

Die Daguerreotypie war das erste praktikable Fotografieverfahren.

Die Rechte am Verfahren wurden vom französischen Staat gekauft und 1839 kostenlos der Weltöffentlichkeit übergeben (zunächst mit Ausnahme von Großbritannien). Deshalb feiern wir in diesem Jahr den 175. Geburtstag der Fotografie.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | Kalotypie

Ein weiterer Foto-Pionier war William Talbot. Er war Mitglied der Royal Society und ein prototypischer Universalgelehrter seiner Zeit. Auch Talbot kam im frühen 19. Jahrhundert durch die Camera obscura zur Fotografie. Als er mit seinen Forschungen begann, wusste Talbot weder von Niépce noch von Daguerre.

Talbot hatte schon 1834, also vor Daguerre, sein Verfahren ausgearbeitet — quasi als Weiterentwicklung von Wedgwoods 30 Jahre zuvor geleisteten Arbeiten, die er auch ausdrücklich anerkannte. Talbot nannte sein Verfahren „fotogenische Zeichnung“, man kennt es auch als „Salzdruck“.
Das war der Vorläufer seiner 1941 vorgestellten Kalotypie.

Talbot arbeitete mit Papier als Schichtträger. Das Papier machte er mit Silberchlorid lichtempfindlich und belichtete dieses in der Kamera zum Negativ.
Von diesem Negativ konnten später durch Umkopieren auf das gleiche Papier oder auf sein älteres Salzpapier beliebig viele Positive hergestellt werden.

Obwohl er das noch nicht so nannte, hatte Talbot damit den Negativ-Positiv-Prozess entwickelt, der in der nichtelektronischen Fotografie ja bis heute genutzt wird.

Talbots und Daguerres Verfahren sind sehr verschieden. Beide hatten Vor- und Nachteile und beide waren bis zur Erfindung des nassen Kollodiumverfahrens in Gebrauch.

Daguerreotypien waren qualitativ hochwertig und detailreich, man konnte sie jedoch nicht vervielfältigen; jede Daguerreotypie ist ein Unikat.

Kalotypien waren günstiger herzustellen als Daguerreotypien und konnten vervielfältigt werden. Sie waren jedoch weniger brillant und bei weitem nicht so detailreich, da beim Vervielfältigen die Papierstruktur des Negativs mitkopiert wurde.

Talbot erfuhr 1839 von Daguerres Erfolg, allerdings noch ohne die Details zu kennen. Er hatte sofort die Befürchtung, dass Daguerres Methode die gleiche wäre wie seine und setzte alles daran, die Franzosen zu überzeugen, er sei der Erfinder der Fotografie; Niépce kannte er ja noch nicht. Es klärte sich bald, dass Talbots und Daguerres Verfahren sehr verschieden waren. Beide hatten Vor- und Nachteile und beide waren bis zur Erfindung des nassen Kollodiumverfahrens in Gebrauch.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | nasses Kollodiumverfahren

Gefragt war also ein Verfahren, das die Vorteile von Daguerreotypien und Kalotypien vereinte.
Es lag nahe, eine Glasplatte als Schichtträger zu verwenden.

Schon ab 1847 waren entsprechende Albuminplatten bekannt, sie waren jedoch nur wenig lichtempfindlich.

Es war Frederick Scott Archer, der 1851 herausfand, dass sich Kollodium gut als Schicht für die lichtempfindlichen Silbersalze eignet.

Der Erfolg war durchschlagend: in kurzer Zeit löste das neue Verfahren sowohl die Daguerreotypie als auch die Kalotypie ab.
Es war nun für etwa 30 Jahre das fotografische Standardverfahren.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | nasses Kollodiumverfahren

Kollodium ist eine zähe Flüssigkeit, die entsteht, wenn man Baumwolle in Salpetersäure, Alkohol und Ether auflöst.

Das Prinzip des nassen Kollodiumverfahrens ist einfach: In das Kollodium werden Salze eingemischt, die später die lichtempfindlichen Silberhalogenide bilden.
Diese Mischung wird auf eine Platte aufgebracht.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | nasses Kollodiumverfahren

Bevor die Schicht trocken ist, wird sie im Dunkeln in Silbernitrat getaucht.
Nach einigen Minuten ist die Schicht lichtempfindlich und wird feucht in den Plattenhalter der Kamera eingesetzt.
Nun muss zügig fotografiert werden, bevor die Platte zu trocken und damit unempfindlicher wird.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | nasses Kollodiumverfahren

Die noch feuchte, aber belichtete Platte wird dann zügig entwickelt.

Nach dem Entwickeln kann es gemütlich weitergehen: die Platte wird fixiert und gewässert.
Ist sie trocken wird die Platte üblicherweise mit einer Schutzschicht versiegelt.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | nasses Kollodiumverfahren

Vom nassen Kollodiumverfahren gibt es mehrere Varianten. Diese unterscheiden sich im wesentlichen durch die Art des Trägers, das Verfahren ist in allen Fällen identisch.

Klassisch arbeitet man im Hinblick auf ein Negativ zum Vergrößern oder Umkopieren.
Mit dem nassen Kollodiumverfahren kann man jedoch auch Scheinpositive erzeugen. Das sind Bilder, die man ohne weitere Bearbeitung direkt betrachten kann, ähnlich der Daguerreotypie.

Dabei nutzt man einen optischen Effekt, das Dunkelfeldprinzip: Jedes Negativ erscheint vor einem dunklen Hintergrund als Positiv.

Ist der Träger für das Kollodium statt einer transparenten Glasplatte, eine schwarze Glasplatte oder eine lackierte Metallplatte, erscheint nach dem Entwickeln direkt ein positives Bild. Diese kann man natürlich nicht mehr kopieren, es entstehen Unikate.

Ist der Träger eine schwarze Glasplatte nennt man das Bild eine Ambrotypie, befindet sich das Bild auf einer Metallplatte, spricht man von einer Ferrotypie.

Soweit ich weiß, belichtet Stefan Sappert ausschließlich Ambrotypien und Ferrotypien.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | nasses Kollodiumverfahren

Die Nassplatten-Fotografie hat allerdings praktische Nachteile: vor allem die langen Belichtungszeiten und das Gewicht der Ausrüstung: Der Fotograf muss ja zusätzlich zur Kamera-Ausrüstung noch die komplette Dunkelkammer mitschleppen.

Auch bei viel Licht liegen die Belichtungszeiten im Bereich mehrerer Sekunden; scharfe Aufnahmen bewegter Motive sind also nicht möglich. Ganz zu schweigen von dem Vorbereitungsaufwand jeder einzelnen Aufnahme.

Daher wurde damals viel im Studio gearbeitet.
Einige Fotografen haben jedoch einen immensen Aufwand betrieben und waren mit mehreren hundert Kilogramm schweren Ausrüstungen unterwegs: beispielsweise die Gebrüder Bisson, die im Mont-Blanc-Massiv die ersten Hochgebirgsfotografien anfertigten, Matthew Brady, der den amerikanischen Bürgerkrieg fotografierte oder Roger Fenton, der den Krimkrieg dokumentierte.

Dennoch: Die Ära des nassen Kollodiumverfahrens endete abrupt auf Grund der erwähnten Nachteile, als um 1880 maschinell hergestellte Trockenplatten und später die Rollfilme erhältlich waren.

Aber warum arbeitet dann beispielsweise Stefan Sappert heutzutage mit diesem alten Verfahren? Um das zu erklären, muss ich zum Schluss noch zu einem Zeitsprung ansetzen.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | 100 Jahre spaeter -- alternative Fotografie
Tippfehler auf der Folie; richtig ist: Sally Mann

Ich überspringe jetzt das 20. Jahrhundert, also die Industrialisierung der Fotografie inklusive der Entwicklung der Farbfotografie.

Denn 100 Jahre nach Beginn der Foto-Industrialisierung geschah ab den 1990er-Jahren etwas erstaunliches:
Mit dem Beginn der Digitalisierung der Fotografie — die ja eine vollständige Automatisierung der Bilderzeugung bedeutet — besannen sich einzelne Fotografen ab den 1990er-Jahren auf die Anfänge ihres Mediums.

Wichtige Namen in diesem Zusammenhang sind France Scully und Mark Osterman, die viel Aufbauarbeit geleistet haben.
International anerkannte Fotokünstler wie Sally Mann — die das Verfahren von den Ostermans lernte — und Deborah Luster realisierten in den 1990er-Jahren Aufsehen erregende Arbeiten mit dem Nassplatten-Prozess.

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | alternative Fotografie

Diese Forscher und Fotografen beförderten eine Renaissance der frühen fotografischen Verfahren aus dem 19. Jahrhundert.
Dabei ging es nicht nur um das Nassplatten-Verfahren, auch Daguerreotypien und Kalotypien sowie die ganze Palette der Edeldruckverfahren wurden wieder entdeckt und vermehrt praktiziert.

In der Folge begannen Fotografen weltweit, mit diesen fast ausgestorbenen Techniken zu arbeiten. Es entstand eine Bewegung, die unter dem Begriff „Alternative Fotografie“ zusammengefasst wird. Im Gegensatz zu früheren Foto-Bewegungen gibt es hier allerdings keine Gründungsperson und kein Manifest.

Verbindendes Element ist — wie das der Name andeutet — eine Gegenposition zur standardisierten Fotoindustrie; also eine Art Unabhängigkeitserklärung jedes einzelnen Fotografen.

Vielen Dank fürs Zuhören!

Das nasse Kollodiumverfahren -- eine fotohistorische Einordnung | Danke

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    Literatur:

  • Berkhofer, George H.: Wet Collodion Photography. A Short Manual. 2007
  • Bernard, Bruce: Foto-Entdeckungen 1840–1940. Unbekannte Meisterwerke bedeutender Fotografen in Farbe. Bemerkungen zu den fotografischen Verfahren von Valerie Lloyd. Köln: DuMont, 1981.
  • Bilici, Serdar: Alternative Photography in the Digital Age: Perfect Photography in an Imperfect Way. Master thesis (MFA) İhsan Doğramacı Bilkent University, Ankara 2013.
  • Dippolt, Otto E.: How to Make Accessories for the Wet Plate Camera. 2007.
  • Honnef, Klaus: 150 Jahre Fotografie. Mainz: Verlag Kunstforum, 1977.
  • Kempe, Fritz: Daguerreotype in Deutschland. Vom Charme der frühen Fotografie. Seebruck am Chiemsee: Heering, 1979.
  • Mees, Keneth A. E.: The Theory of the Photographic Process. New York: Macmillan, 1945.
  • Mutter, Edwin: Die Technik der Negativ- und Positivverfahren.Wien: Springer, 1955 (= Die wissenschaftliche und angewandte Photographie; 5)
  • Newhall, Beaumont: Die Väter der Fotografie. Anatomie einer Erfindung. Seebruck am Chiemsee: Heering, 1978. (= Neue Fotothek)
  • Renner, Eric: Pinhole Photography. From Historic Technique to Digital Application. 4. Aufl. Burlington (USA), Oxford (UK): Elsevier (Focal Press): 2009
  • Rexer, Lyle: Photography’s Antiquarian Avant-Garde. The New Wave in Old Processes. New York: Harry N. Abrams, 2002.
  • Steadman, Philip: Vermeer’s Camera. Uncovering the Truth Behind the Masterpieces. Oxford: Oxford University Press: 2001.

Thematisch passender Text auf NzF:
Martin Frech: Keliy Anderson-Staley: [hyphen] AMERICANS

 
 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Silber und Bytes — 175 Jahre Photographie 2. Februar 2014

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175 Jahre FotografieDie offizielle Bekanntgabe des ersten praxistauglichen photographischen Verfahrens jährt sich 2014 zum 175. Mal.

Die schaelpic photokunstbar und Annette Völckner (DGPh) wollen dieses Jubiläum der Photographie mit einer Veranstaltungsreihe aus Ausstellungen, Workshops, Vorträgen, Künstlergesprächen und Filmabenden im Verlauf des Jahres begehen und feiern.

Ziel ist es, ein interessiertes Publikum im Zeitalter digitaler Massen-Knipserei unterhaltsam und inspirierend auf die technischen und kulturhistorischen Wurzeln des Mediums aufmerksam zu machen und zugleich aktuelle Entwicklungen der Photographie aufzuzeigen. Somit wird die Photographie als erstes technisches Medium gewürdigt, das seit der Erfindung unser Alltagsleben und im Laufe seiner Entwicklung die Kunst umfassend durchdrungen hat und es mehr denn je tut.

Im Jubiläumsjahr sind vier Ausstellungen mit einem jeweils eigenen Schwerpunkt geplant. Dabei spannen wir den Bogen von den frühen Verfahren der Photographie bis zu neuen bildgebenden Verfahren, die heute in Wissenschaft und Kunst Anwendung finden. Wir haben Photokünstler aus Köln, Wien, Basel und Japan eingeladen, die mit alten und modernen bildgebenden Verfahren arbeiten, mit uns Ausstellungen zu konzipieren. Jede Schau wird mit einer Vernissage eröffnet und von einem attraktiven Rahmenprogramm aus Workshops, Künstlergesprächen, Vorträgen und Filmabenden begleitet, die den jeweiligen Themenschwerpunkt beleuchten.

Das Rahmenprogramm rund um die Ausstellungen wird im Jahresverlauf um weitere attraktive Veranstaltungen erweitert (u.a. Filmabende mit Photographen-Portraits wie z.B. Robert Häusser und Klassiker wie Blow Up). Aktuelle Veranstaltungshinweise werden auf und auf der Homepage www.schaelpic.de permanent veröffentlicht.

Alle Veranstaltungen, mit Ausnahme der Workshops der ausstellenden Photokünstler, stehen für Interessierte ohne vorherige Anmeldung offen und sind kostenlos. Bei den Workshops ist eine Anmeldung erforderlich und es wird eine Teilnahmegebühr erhoben, die den durchführenden Photokünstlern zufließt.

Frühjahrsausstellung März bis Mai 2014:
Transformation — zeitgenössische Wetplate Fotografie

Der Wetplate Photographer Stefan Sappert aus Wien präsentiert aktuelle freie und angewandte Nassplatten-Arbeiten.

Vernissage: Freitag, 14.03.2014, ab 18.30 Uhr
Ausstellungsdauer: 14.03. bis 31.04.2014

Stefan Sapert: Wien

Stefan Sappert: Wien

Workshop I: Samstag, 15.03.14 und Sonntag, 16.03.2014: Wetplate-Workshop in den Räumen der schaelpic photokunstbar Köln mit Stefan Sappert. Weitere Informationen zum Wetplate-Workshop finden Sie auch unter http://www.stefansappert.com/de/termine/

Workshop II: Sonntag, 27.04.2014: Lochkamera-Workshop für Jugendliche am Worldwide Pinhole Photography Day (bereits ausgebucht).

Vortrag: Die Erfindungen der Herren Nièpce, Daguerre und Talbot von Martin Frech Tübingen/Berlin (angefragt, Termin wird noch bekannt gegeben).

Sommerausstellung Mai bis August 2014:
Labyrinthe — Reine Palladium-Photographien von Claus Dieter Geissler (Köln) und Platindrucke des japanischen Photokünstlers Keiichi Ito

Platin und Palladium — die Kunst des Edeldrucks in zwei zeitgenössischen korrelierenden Positionen

Vernissage: Freitag, 16.05.2014, ab 18.30 Uhr
Ausstellungsdauer: 16.05. bis 31.08.2014

Claus Dieter Geissler: Labyrinthe

Claus Dieter Geissler: aus Labyrinthe

Workshop I: Samstag, 17.05.14, Platin-Printing-Workshop mit Claus Dieter Geissler. Weitere Informationen folgen.

Workshop II: Sonntag, 18.05.2014, Trickfilm-Produktion mit Carsten Kurz

Vortrag und Exkursion:
Einführung in digitale und analoge Kinoprojektion Besichtigung des im 50er Jahres Stil erhaltenen Kinos Lindentheater in Frechen bei Köln mit Carsten Kurz. Termin wird noch bekannt gegeben.

Workshop III: Trickfilm-Produktion mit Carsten Kurz. Termin wird noch bekannt gegeben.

Herbstausstellung September bis Oktober 2014:
Catacombe dei Cappuccini — Palermo Silbergelatine-Schwarzweißphotographien von Martin Claßen

Der Kölner Photokünstler stellt seine Silbergelatine-Schwarzweißphotographien von mumifizierten Leichnamen aus der Gruft unter dem Kapuzinerkloster in Palermo aus.

Vernissage: Freitag, 12.09.2014, ab 18.30 Uhr
Ausstellungsdauer: 12.09. bis 31.10.2014

Martin Classen: Catacombe dei Cappuccini

Martin Classen: aus Catacombe dei Cappuccini

Workshop: Samstag, 13.09.14 und Sonntag, 14.09.2014, Einsteiger-Workshop 100% Schwarzweiss: Filme selber entwickeln und vergrößern mit Tobias D. Kern

Vortrag: Die Geschichte der Farbphotographie von Gert Koshofer. Termin wird noch bekannt gegeben.

Winterausstellung November bis Dezember 2014:
Microstructures I — Contemporary Micrographics

Raster-Elektronen-Mikroskopie-Arbeiten von Dr. Martin Oeggerli, Wissenschaftsfotograf aus Basel

Martin Oeggerli sammelt unter dem Pseudonym Micronaut fotorealistische Dokumente aus einer unsichtbar kleinen Welt. Seine mehrfach preisgekrönten Werke erscheinen in den wichtigsten Magazinen und Wissenschaftszeitschriften weltweit.

Martin Oeggerli: Mundwerkzeuge einer Mosquitolarve

Martin Oeggerli: Mundwerkzeuge einer Mosquitolarve

Vernissage: 07.11.2014, ab 18.30 Uhr
Ausstellungsdauer: 07.11. bis 20.12.2014

„Autochrome Welt“ im Schönbuchmuseum 28. Oktober 2013

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Im Schönbuchmuseum in Dettenhausen ist noch bis zum 15.12.2013 eine Ausstellung zu sehen mit dem Titel „Autochrome Welt. Die frühe Farbfotografie 1905–1925“.

Der Pressetext der vom Tübinger Medienwissenschaftler Dr. Ulrich Hägele verantworteten Schau verspricht „noch nie gezeigte Farbaufnahmen des Stuttgarter Fotografen Hans Hildenbrand, der als offizieller Kriegsbericht­erstatter mit autochromen Bildern vom Ersten Weltkrieg berichtete und später für die amerikanische Zeitschrift National Geographic arbeitete. Ebenso zu sehen sind zauberhafte und fast impressionistisch anmutende Farbportraits und Großstadtszenen aus Stuttgart, München und Paris, von so bekannten Fotografenpersönlichkeiten wie Alfred Stieglitz und Heinrich Kühn sowie einige Originalobjekte aus der Blütezeit der frühen Farbfotografie“.

Angesprochen sind alle, die an der frühen Farbfotografie und am Schön­buch­museum interessiert sind. Die Schau ist „bewusst nicht zu wissen­schaftlich“ (Hägele) angelegt.

Die Bildauswahl kreist um die Themen Portrait, Ethno­graphie, Stadt­ansichten und den Ersten Weltkrieg. Der Großteil der Bilder stammt aus dem Archiv des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg (Sammlung Hans Hildenbrand).

Ich habe mir die Ausstellung angeschaut — und war enttäuscht. Zu sehen sind ausschließlich Reproduktionen, vergrößert auf unter­schied­liche Formate (viele 18×24 cm, einige größer) sowie in Vitrinen einige Bücher und Postkarten aus der Zeit, eine Kamera und ein Projektor. Die Erklärung des Autochrome-Verfahrens fällt mit einer Text-Tafel spärlich aus.

Schoenbuchmuseum: Autochrome Welt
Blick in die Ausstellung (Foto: Martin Frech)

Die Bilder im Format 18×24 cm entsprechen den größten damals verfügbaren Aufnahme-Platten und werden im Passepartout präsentiert. Man kann dennoch nicht von einer Kontaktkopie-Simulation ausgehen, da die Vorlagenmaße nicht angegeben sind. Die größeren Bilder sind laut Dr. Hägele „eher eine Verlegenheitslösung“ und dienen als Eye-catcher.

Schoenbuchmuseum: Autochrome Welt
Blick in die Ausstellung (Foto: Martin Frech)

Die Präsentation erscheint mir lieblos gehängt und folgt statt inhalt­lichen eher unkommentierten ästhetischen Gründen. Die Ausstellungs-Architektur ist unteridisch: Im ersten Stock des Museums wurden die Stellwände der Dauerausstellung zum Thema Wald abgeklebt, darüber die Bilder gehängt. Einige Wald-Ausstellungs­stücke stehen und hängen noch bezugslos dazwischen.

Schoenbuchmuseum: Autochrome Welt
Blick in die Ausstellung (Foto: Martin Frech)

Originale Autochrome-Platten sind keine zu sehen. Die konservatorischen Probleme sind bekannt und mir ist klar, dass der Aufwand für eine Auto­chromen-Ausstellung hoch wäre. Dennoch: wenigstens ein ent­sprechender Guckkasten hätte sein dürfen.

Die Reproduktionen besorgte die Reprostelle der UB Tübingen. Über das Problem der Reproduktion von Autochrome-Platten (vor allem hinsichtlich der Farbgebung) wird in der Ausstellung jedoch leider kein Wort verloren.

Als Ergänzung zum hier geschriebenen habe ich in meinem folgenden Beitrag „Das Autochrome-Verfahren für die Farbfotografie“ über die technischen Aspekte und die Probleme bei der Reproduktion von Autochrome-Platten geschrieben.

Autochrome Welt. Die frühe Farbfotografie von 1905–1925.
Ausstellungsort:
Schönbuchmuseum
Ringstraße 3
72135 Dettenhausen
Tel. 07157.126-32
Ausstellungsdauer:
20. Oktober bis 15. Dezember 2013
(nur Sonn- und Feiertags, 14 bis 18 Uhr)
Ein Katalogheft ist im Museum erhältlich.

 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Heideggers Feldweg 23. Oktober 2013

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Am vergangenen Freitag haben wir mit einer Vernissage die Ausstellung Transition III. Wissende Heiterkeit. Eine photographische Annäherung an Heideggers Feldweg. mit Bildern von Tobias D. Kern eröffnet. Noch bis zum 22. Dezember 2013 sind die Fotografien in der schaelpic photokunstbar in Köln zu sehen.

Damit ist die Serie Transitionen I — III komplett:
Transition I: Frank Doering: Der Weg am Schwarzen Fluss
meine Einführung: Frank Doering: Der Weg am schwarzen Fluss
Transition II: Martin Frech: Uferzonen
Pressemitteilung: Martin Frech: Uferzonen (Ausstellung)

Impression von der Vernissage: Tobias D. Kern liest Heidegger
Impression von der Vernissage: Tobias D. Kern liest aus Heideggers Feldweg. (Foto: Annette Völckner)

Zur Einführung in Transition III, die dritte Ausstellung dieser Serie, habe ich eine kurze Ansprache gehalten, die ich nachfolgend dokumentiere.

Hinweise zu Tobias D. Kerns Arbeit Wissende Heiterkeit. Eine photographische Annäherung an Heideggers Feldweg.
© 2013 Martin Frech, Notizen zur Photographie (NzPh) (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

Tobias D. Kern zeigt uns Landschaftsfotografien.
Wir sehen Bilder einer flachen Agrarlandschaft: gezeigt werden Felder und Wiesen, auf einigen Fotos ist ein Waldrand zu sehen.
Die Bilder sind augenscheinlich in verschiedenen Jahreszeiten aufgenommen und zu unterschiedlichen Tageszeiten.
Weder Personen sind zu sehen, noch bekannte Landmarken — wer nicht sehr ortskundig ist, kann die Bilder schwerlich verorten.

Die Landschaft erscheint vertraut, für mich hat sie etwas Alltägliches. So sieht es eben aus bei uns auf dem Land. Es ist keine vordergründig spektakuläre Kulisse, wie sie uns Frank Doering aus Nepal gezeigt hat (Transition I). Oder eben doch — je nach Standpunkt. Vielleicht würde ein Nepalese aus Jomsom, der täglich die staubige Himalaya-Landschaft vor Augen hat, gerade unsere Äcker bestaunen.

Auffällig ist, dass auf allen Fotos ein Stück geteerter Weg zu sehen ist. Der Untertitel der Fotoserie weist uns darauf hin: Tobias D. Kern hat entlang Martin Heideggers Feldweg fotografiert.
Diese Fotoarbeit bezieht sich direkt auf den Heidegger-Text „Der Feldweg“ und funktioniert ohne diesen nicht im Sinne des Fotografen. Kerns Idee war jedoch nicht, den Text zu illustrieren, sondern Bilder zu finden, die das für ihn Wesentliche des Textes auf der Bildebene transportieren.

(Heideggers Feldweg-Text gibt es in zwei preiswerten Heftchen aus dem Klostermann-Verlag. Wenn Sie über meinen Amazon-Link kaufen, unterstützen Sie meinen blog, ohne dass es Sie etwas kostet — siehe unten!)

Tobias D. Kern: Feldweg XIII. Aus: Wissende Heiterkeit.
Tobias D. Kern: Feldweg XIII

Im Werk von Martin Heidegger (1889–1976) spielt die Idee des Weges — sowohl konkret als auch metaphorisch — eine wichtige Rolle. Sein Motto hieß „Wege, nicht Werke“. Für ihn vollziehen Denken und Philosophieren eine Bewegung und legen dabei einen Weg zurück; er sprach auch vom Weg seines Denkens.

Ich will hier weder auf Heideggers Philosophie noch auf sein Verhältnis zum Nationalsozialismus eingehen — wer sich dafür interessiert, wird schnell fündig; entsprechende Quellen sind leicht zugänglich.

Martin Heidegger wurde 1889 in Meßkirch geboren, einer Kleinstadt zwischen Donau und Bodensee südwestlich von Sigmaringen in Baden-Württemberg. Er ist dort aufgewachsen und auf die Gemeindeschule gegangen. Später hat er in Freiburg studiert. Ab 1928 war er bis zur Emeritierung 1951 Professor in Freiburg. Er gilt als einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist umfangreich: die Gesamtausgabe soll dereinst in 102 Bänden vorliegen.

Heidegger war zeitlebens vom Landleben angetan und sehr heimatverbunden — Großstädte mochte er nicht. Freiburg, dem Südschwarzwald und Meßkirch blieb er lebenslang verbunden; die Provinz war seine schöpferische Landschaft. Neben der Stadtwohnung in Freiburg hatte die Familie seit 1922 in Todtnau eine Hütte, in die er sich häufig zurückzog; viele seiner Werke hat er dort geschrieben.
Heidegger starb 1976 in Freiburg, beigesetzt wurde er in Meßkirch.

„Der Feldweg“ ist ein Essay, den der Philosoph 1949 zu seinem 60. Geburtstag geschrieben und zunächst nur als Privatdruck für seine Freunde herausgegeben hat.
Privat wohl auch deswegen, weil Heidegger seit 1946 und bis zu seiner Emeritierung durch ein Lehrverbot vom universitären Betrieb ausgeschlossen war.

Martin Heidegger hatte ein enges Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder Fritz, der zeitlebens in Meßkirch blieb. Er besuchte diesen häufig und ist mit ihm oft auf dem Feldweg spaziert.

Tobias D. Kern: Feldweg XXI. Aus: Wissende Heiterkeit
Tobias D. Kern: Feldweg XXI

Im Feldweg-Text beschreibt der Autor die Topographie von Meßkirch und die Lebenswelt seiner Jugend, vermischt mit einigen Denkerfahrungen. Er erzählt von einem Spaziergang, der hinter dem Schloss von Meßkirch beginnt und bis zu einer Bank am Waldrand führt. Von dort geht es dann wieder zurück nach Hause, es ist kein Rundweg.

Tobias D. Kern wurde in wurde in Meßkirch geboren, aufgewachsen ist er in Göggingen, einem Dorf in der Nähe von Meßkirch. Er hat in Meßkirch das am Feldweg gelegene Martin-Heidegger-Gymnasium besucht. Kern kennt den Feldweg also schon seit seiner Jugend: ein Teil davon diente als Laufstrecke in seinem Sportunterricht.

Tobias D. Kern lebt und arbeitet schon lange in Köln, fühlt sich seiner ursprünglichen Heimat jedoch noch immer sehr verbunden. Es ist eben die Gegend, in der er geboren wurde, aufwuchs und in der sich zunächst Identität, Charakter und Weltauffassungen entwickelten; Heimat also weniger verstanden als Idylle, sondern eher als Ort des Individualismus.

Den Feldweg-Text kennt Kern ebenfalls seit langem und hat sich ab 2000 fotografisch an dem Thema versucht. Er kam damals jedoch nicht über das Heimat-abbildende hinaus und fand seine Bilder daher wenig überzeugend.

Nach der Katastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 erinnerte er sich jedoch wieder an den Text, in dem Heidegger prophetisch von den „Riesenkräften der Atomenergie“ schreibt, denen wir uns ausliefern. Neben dem nach wie vor virulenten heimatfotografischen Interesse waren es Heideggers technikkritische Passagen, die ihn angesprochen und ihm den Impuls zu seiner aktuellen Arbeit gegeben haben.

Tobias D. Kern: Feldweg V. Aus: Wissende Heiterkeit
Tobias D. Kern: Feldweg V

Tobias D. Kern hat in den vergangenen beiden Jahren Heideggers konkreten Feldweg fotografiert, also den Weg in Meßkirch, der im Feldweg-Text beschrieben ist.
Genauer gesagt: er hat einen Teil des heutigen Weges fotografiert, der Meßkirch mit dem Nachbarort Bichtlingen verbindet. Zu Heideggers Zeiten war das die „Hofgartenstraße“, im weiteren Verlauf dann das „Bichtlinger Sträßle“. Heute ist der Weg eine geteerte Straße, in den frühen 1970er-Jahren umbenannt in „Am Feldweg“. Die berühmte Bank, auf der der junge Heidegger angeblich die klassischen Werke der Philosophie gelesen hat, wurde zuletzt 2010 erneuert. Sie ist auf einigen von Kerns Bildern zu erahnen.

Aber was heißt das, einen Weg zu fotografieren?
Selbst wenn man Anfang und Ende exakt festlegt, ist so ein Weg ziemlich lang — der passt ja sogar schwerlich auf ein Luftbild. Es wird auch kaum jemand eine Bilderserie erwarten, die formatfüllend den kompletten Teerbelag des Weges zeigt, oder alle Pflastersteine etc.

Das heißt, ein Fotograf muss Entscheidungen treffen — und der Fotograf hat sich entschieden. Tobias D. Kern hat nah am Text gearbeitet — nicht nur, was den Gegenstand betrifft. Auch die Ideen des Einfachen, des Bewahrenden, des Traditionsbewussten, die der Text vermittelt, haben ihn geleitet.

1. Die Entscheidung für Schwarzweiß.
Farbe lenkt ab, Schwarzweiß fokussiert den Blick auf das Wesentliche und steht für das Einfache. So sieht es Kern und betont zudem den ihm wichtigen handwerklichen Aspekt der Bildproduktion.
Die Entscheidung ist ambivalent. Denn auf der anderen Seite passt Schwarzweiß perfekt zu Heidegger, dem begnadeten Selbstdarsteller. So kennen wir ihn — ob von den Fotos von Digne Meller Marcovicz in seiner Hütte und auf seinen Spaziergängen oder von den Amateuraufnahmen, die in der illustrierten Feldweg-Ausgabe den noch ungeteerten Feldweg zeigen.

2. Kern hat mit der Großformatkamera auf Film gearbeitet. Das war zeitaufwendig und umständlich. Doch zum einen benötigte er die Verstellmöglichkeiten dieser Kamera, um die durchgängige Schärfe vom Vordergrund bis zum Horizont zu erzielen. Ebenso wichtig war ihm jedoch die Entschleunigung, die das Arbeiten mit dieser Kamera mit sich bringt. „Man schlupft unter das Tuch, dichtet es ab und wartet erst mal lange bis man, vor allem in der Dämmerung, überhaupt ein Bild sieht. Die Arbeit ist sehr langsam und manchmal ändert sich z.B. in der Morgenfrühe das Licht beim Sonnenaufgang, bzw. bricht durch Nebelschwaden … „.

3. Alle Fotos sind leicht weitwinklig im Hochformat aufgenommen, die Kamera ist stets waagerecht ausgerichtet und zwar so, dass der Horizont jeweils exakt mittig liegt.
Diese Setzungen sorgen für ruhige Bilder und geben der Serie einen formalen Zusammenhalt. Inspiriert ist dieser Aspekt der Bildgestaltung wieder direkt von Heidegger, der in Bezug auf die Eiche, unter der die Bank steht, schrieb: „Wachsen heißt: Der Weite des Himmels sich öffnen und zugleich in das Dunkel der Erde wurzeln.“
Dem Gleichgewicht von tragender Erde und weitem Himmel entspricht die mittige Horizontteilung.

4. Es sind keine Personen zu erkennen, nur gelegentlich als Silhouetten in der Ferne.

5. Tobias D. Kern hat in jeder Jahreszeit fotografiert und zu verschiedenen Tageszeiten. Auch hier nah am Text, in dem es heißt: „In der jahreszeitlich wechselnden Luft des Feldweges gedeiht die wissende Heiterkeit, deren Miene oft schwermütig scheint.“

Das Projekt erscheint wie eine Konkretisierung von Vilém Flussers Diktum, Fotografieren sei eine Geste, die philosophische Einstellungen in einen neuen Kontext übersetzt.

Vor einem Jahr haben wir hier Tobias D. Kerns Arbeit Stigmata gezeigt — vordergründig eine Sammlung von Baumzeichen, hintergründig eine Auseinandersetzung mit deutschen Wald-Phantasien.
Für seine Feldweg-Arbeit hat sich Kern wieder in die Natur begeben, um ein weites Feld zu beackern. Er hat mit diesen Bildern eine kohärente Fotoserie vorgelegt, die sich schlüssig in sein Gesamtwerk einfügt.

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Das ist die klassische Nur-Text-Ausgabe:
Martin Heidegger: Der Feldweg

Diese Ausgabe ist ein schön gemachtes Heftchen, das neben dem Text Amateuraufnahmen vom alten Feldweg zeigt:
Martin Heidegger: Der Feldweg — Bebilderte Sonderausgabe

Bitte beachten Sie auch: So unterstützen Sie diesen blog

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Transition III
Tobias D. Kern: Wissende Heiterkeit. Eine photographische Annäherung an Heideggers Feldweg
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20
Ausstellungsdauer:
21. Oktober 2013 bis 22. Dezember 2013
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung)

Martin Frech: Uferzonen (Ausstellung) 14. Mai 2013

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Am vergangenen Sonntag haben wir im Rahmen des 10. Kölner Kultur­sonntags meine Ausstellung Transition II — Uferzonen mit einer Matinée in der schaelpic photokunstbar in Köln eröffnet.

Eroeffnung der Ausstellung "Uferzonen" von Martin Frech in der schaelpic photokunstbar Koeln, 12.05.2013
Impression von der Matinee (Foto: Theo Hilgers/AfM)

Da traditionell ich der schaelpic-Eröffnungsredner bin, gab es zu meiner eigenen Ausstellung leider keine Einführung. Als kurze Info möge daher mein folgender Pressetext dienen.

Orte jenseits des offiziellen Stadtraums sind wichtig für die kleinen Fluchten aus dem geregelten Alltag. Es sind begrenzte Freiräume, die man in jeder Stadt und auch auf den Dörfern findet. Kinder, Jugendliche und Erwachsenen nutzen sie gleichermaßen, jedoch zu unterschiedlichen Tageszeiten: zum Hundeausführen, um alleine zu sein, um die ersten Zigaretten zu rauchen, Feuerchen zu machen usw.

Martin Frech hat solche Orte am Teltowkanal in Berlin über zwei Jahre regel­mäßig aufgesucht und für seine Fotoserie präzise dokumentiert. Diese etwas versteckten Uferzonen sind angeeignete Räume — offiziell ist der Zutritt verboten, praktisch wird er jedoch toleriert.

aus Martin Frech: Uferzonen (2011/2012)
aus der Serie: Uferzonen (Marin Frech, 2011/2012)

Trampelpfade am Ufer des Kanals bilden das Motivrepertoire dieser Arbeit. Formal gleichen sich die Bilder: aus Augenhöhe leicht weitwinklig aufge­nommen, zeigen sie mittig Abschnitte eines Pfades, dazu den angeschnittenen Kanal und die bewachsene Uferböschung. Häufig ist der Pfad unterbrochen, entweder durch überwuchernde Vegetation oder durch konkrete Sperren. Gelegentlich aufscheinende Architekturfragmente verorten die Szenerie in einem urbanen Kontext. Personen sind nicht zu sehen, allgegenwärtig sind jedoch Spuren regelmäßigen Gebrauchs; Details deuten auf unterschiedliche Nutzergruppen hin.

Martin Frechs Bilder zeigen Ansichten einer Kulturlandschaft: Während die auf den ersten Blick unspektakulären Uferzonen Rückzugsorte einer urbanen Parallelwelt sind, dient der vor hundert Jahren angelegte Kanal weiterhin als Bundeswasserstraße.

Martin Frech lebt und arbeitet als freier Fotograf in Tübingen. Die Motive für seine Arbeiten findet er überwiegend in Berlin. (–> Portfolio Martin Frech)

Eroeffnung der Ausstellung "Uferzonen" von Martin Frech in der schaelpic photokunstbar Koeln, 12.05.2013
Impression von der Matinee (Foto: Theo Hilgers/AfM)

Transition I
Martin Frech: Uferzonen
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20
Ausstellungsdauer:
13. Mai 2013 bis 26. Juli 2013
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung)

Frank Doering: Der Weg am schwarzen Fluss 18. März 2013

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Am vergangenen Freitag haben wir mit einer Vernissage die Ausstellung Transition I. Der Weg am schwarzen Fluss mit Bildern von Frank Doering eröffnet. Noch bis zum 15. Mai 2013 sind die Fotografien in der schaelpic photokunstbar in Köln zu sehen.

Impression von der Vernissage; Foto: Andrea Otto/AfM
Impression von der Vernissage; Foto: Andrea Otto/AfM

Zur Einführung habe ich eine kurze Ansprache gehalten, die ich hier dokumentiere.

Hinweise zu Frank Doerings Arbeit
Der Weg am schwarzen Fluss

© 2013 Martin Frech, randgebiete.de (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

Wir bespielen diesen Projektraum im achten Jahr — zwölf Ausstellungen haben wir bislang gezeigt.

Dieses Jahr ist für uns das „Jahr des Weges“; unser diesjähriges Programm hat als Überschrift „Transition I bis III“; wir zeigen Landschaftsfotografie.

„Transition“ steht für „Übergang“ oder „Überleitung“, das englische „transition“ bedeutet auch „Durchquerung“.

Für uns ist die Ambivalenz des Begriffs „Transition“ interessant: zum einen kann man darunter den konkreten Weg von einem Ort zum anderen verstehen, zum anderen aber auch eine Zustandsänderung.

In den drei Ausstellungen werden wir drei fotografische Positionen präsentieren, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema „Weg“ befassen.

Wir starten heute mit „Transition I“ und zeigen Frank Doerings Fotos einer alten Handelsroute aus dem Himalaya.
Im Mai sehen Sie hier meine Bilder eines Uferwegs aus Berlin
und voraussichtlich im Oktober zeigen wir Tobias D. Kerns Annäherung an Martin Heideggers Feldweg.

Bilder und Texte zu unserem Projektraum und zu allen unseren Ausstellungen finden Sie auf unserer Website schaelpic.de.

Der Titel zu Frank Doerings Ausstellung, die wir heute eröffnen, lautet „Der Weg am Schwarzen Fluss“. Frank zeigt uns Landschaftsfotografien, die 2011 während einer Trekkingtour durch das ehemalige Königreich Mustang in Nepal entstanden sind.

Nepal liegt in Südasien, salopp gesagt eingeklemmt zwischen der VR China im Norden (konkret: dem Autonomen Gebiet Tibet) und Indien im Süden.
Das Land ist nicht halb so groß wie Deutschland und hat ungefähr 27 Mio. Einwohner. Nepal wird seit fünf Jahren formal demokratisch regiert, die Hauptstadt ist Kathmandu.

Im Norden und Osten Nepals liegt ein großer Teil des Himalaya-Gebirges, unter anderem der Mount Everest und sieben weitere der zehn höchsten Berge der Erde. Da wundert es mich nicht, dass Nepal das durchschnittlich höchstgelegene Land der Welt ist: Über 40 % des Landes liegen höher als 3000 m.

Der titelgebende Schwarze Fluss ist der Kali Gandaki, einer der großen Flüsse Nepals. (Schwarz erscheint der Fluss allerdings nur aufgrund von dunklen Ablagerungen, das Wasser ist wie üblich).

Das Quellgebiet des Kali Gandaki liegt in Nepal, im „Oberen Mustang“; das Wasser fließt über den Ganges in den Indischen Ozean.

Mustang ist ein Distrikt Nepals und liegt im Norden des Landes an Grenze zur VR China.
Die nördlichen Zweidrittel dieses Mustang sind das „Obere Mustang“. Dort war Frank unterwegs.

Franks Interesse am Buddhismus war ihm — neben seiner Faszination für diese Landschaft — ein wichtiger Antrieb für die Reise.
(Der Arbeitstitel für die Fotoserie lautete „Eine Annäherung an den Ursprung des tibetischen Buddhismus“.)

Der Buddhismus kommt aus Indien, Tibet liegt im heutigen China.
Nepal war bis 2006 das einzige Land der Welt, in dem der Hinduismus Staatsreligion war; 80 % der Nepalesen sind Hindus, nur 9 % gelten als Buddhisten.
Da habe ich mich in meiner Unkenntnis gefragt, warum man gerade nach Nepal geht, um dem Buddhismus nachzuspühren.

Nun, das liegt eben daran, dass Staatsgrenzen nur selten Kulturräume begrenzen; vor allem, wenn sich Kolonialmächte bei den Grenzziehungen eingemischt haben.

Das Gebiet war früher das unabhängige buddhistische Königreich (man liest auch: Fürstentum) Mustang.
Dieses Königreich wurde nach knapp 400 Jahren Unabhängigkeit im 18. Jh. vom angrenzenden Nepal annektiert. Nepal hieß damals noch Gorkha.
Mustang war auch zu Zeiten der Selbständigkeit sprachlich und kulturell immer an seinen großen Nachbarn Tibet gebunden.

Dieses Erbe wirkt nach. So wird das Gebiet „Lo“ (= Süden) genannt, obwohl es im Norden Nepals liegt. Die Sprache der Lopa (das sind die Einwohner Mustangs) ist ein tibetischer Dialekt — noch immer ist die Kultur dort stark vom historischen Tibet geprägt. Auch der von den Lopa praktizierte Buddhismus entspricht im wesentlichen dem der Tibeter.

Das heutige Mustag wird denn auch dem südtibetischen Kulturraum zugeordnet, der an seinen südöstlichen Rändern über das festlandchinesische Staatsgebiet hinausreicht. Bhutan oder die indische Region Ladakh gehören beispielsweise auch dazu.

Doch zurück zu Franks Reise.

Mustang ist ein Schutzgebiet und kaum besiedelt, jedoch ein beliebtes Reiseziel für Trekkingtouristen und Bergsteiger aus aller Welt.
Das Gebiet war lange Zeit gesperrt, weil sich buddhistische Kämpfer im Tibet-Konflikt mit China dorthin zurückgezogen hatten.
Erst seit etwa 20 Jahren ist Mustang für Touristen zugänglich: Seit 1992 wird etwa 2000 Besuchern pro Jahr eine Einreisegenehmigung erteilt, die sich die Behörden teuer bezahlen lassen. (Nepal war 2010 übrigens auf Rang 146 von 178 des Korruptions-Index von Transparency Int.)

Frank hat an einer Trekkingtour in einer Gruppe von 14 Personen (plus Sherpas) teilgenommen; die Reise dauerte drei Wochen im November 2011. Das ist für diese Gegend die beste Reisezeit, es herrschen dann — zumindest tagsüber — angenehme Temperaturen und die Bergsicht ist klar.

Die Wanderung war ein Rundweg. Er begann in Jomsom auf etwa 2700 m Höhe, später wurden dann auf Pässen Höhen bis über 4000 m erreicht. Über Kagbeni ging es bis nach Lo Manthang — immer entlang am Westufer des des Kali Gandaki.

Lo Manthang wurde im 14. Jahrhundert gegründet. Es ist die ehemalige Hauptstadt des früheren Königreichs Mustang; alte buddhistische Klosteranlagen sind dort zu sehen. Heute leben dort etwa 1000 Menschen.

Lo Manthang war der Wendepunkt der Tour. Von dort ging es an der Ostseite des Flusses wieder zurück.

Das Tal des Kali Gandaki gilt als die tiefste Schlucht der Erde. Der Fluss fließt auf einer Höhe von 1.300 m–2.600 m — also etwa 6000 m tiefer als die höchsten Berge der Umgebung: Der Dhaulagiri und die Annapurna sind beides Achttausender.

In diesem Tal verlief über Jahrhunderte eine wichtige Handelsroute zwischen Tibet und Indien; vor allem Salz und Reis wurden hier transportiert.

Damit sind wir wieder bei unserem Jahresthema.

Franks Fotos stehen für eine konkrete Bedeutung des Begriffs „Weg“: Eine Verbindung zweier Orte, die genutzt wird, von einem Ort zum anderen zu gelangen.
Genauso wurde dieser Weg lange Zeit genutzt.

Für die Touristen hat dieser Weg jedoch nicht mehr diese Bedeutung. Der alte Weg existiert zwar weiterhin, die neuen Nutzer gehen auch noch die gleiche Strecke, jedoch nicht mehr den ganzen Weg — und aus vollkommen anderen Gründen.

Diesen Aspekt von „Weg“ werde ich mit meinen Fotos eines Uferwegs genauer untersuchen, die Sie dann im Mai hier sehen können.

In Tobias‘ Arbeit wird der Begriff des Weges weiter abstrahiert. In seinem Projekt dient der prinzipiell austauschbare konkrete Weg nur noch als Metapher.

Frank hat auf seiner Wanderung mit einer handlichen Mittelformatkamera schwarzweiß auf Film fotografiert — Sie sehen hier selengetonte Barytabzüge.
Die Prints existieren in begrenzter Auflage — Frank würde sich über Käufer freuen.

Mit Tobias hat Frank einen Unterstützer gefunden, der ihm die Negative nach allen Regeln seines Handwerks perfekt aufs Papier gebracht hat: schwarzweiße Landschaftsfotografie in der großen Tradition dieses Genres — genießen Sie diese wirklich schöne Ausstellung!

aus Frank Doerings Serie "Der Weg am schwarzen Fluss"
Foto: Frank Doering, Köln

Transition I
Frank Doering: Der Weg am schwarzen Fluss
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20
Ausstellungsdauer:
18. März 2013 bis 15. Mai 2013
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung)