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ab 28. Juli 2017 in der schaelpic photokunstbar, Köln: VON WEGEN — mit meiner Arbeit „Globalisierung konkret“ 26. Juli 2017

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Foto-Projekt, Fotoausstellung, schaelpic photokunstbar.
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Abstract.
On 28 July, at 7:30 pm, there will be the opening of schaelpic photokunstbar’s new exhibition ‚VON WEGEN‘. It is a group exhibition by four photographers, showcasing my new body of work Globalisierung konkret (a series of twelve silver gelatine black and white prints). The photos are a documentation of a trip to the post office: We bought in the USA and had to pick-up the mailing personally at the customs office in the neighboring city; see my website for details.
 

Tobias D. Kern: aus der Serie The Haludovo Palace Hotel
© Tobias D. Kern: aus der Serie The Haludovo Palace Hotel
 

Rendez Vous heißt Anna C. Wagners Leidenschaft für dreidimensionale Riefelbilder, die Photographien verbinden und Geschichten erzählen.

Wie in einem Luxushotel Sozialismus auf Kapitalismus traf und wie es mit ihm bergab ging, zeigt Tobias D. Kern in seiner Serie The Haludovo Palace Hotel.

Was selbst die chinesischen Machthaber nicht verhindern können, hat Frank Doering in Kailash Kora photographiert. Seit hunderten von Jahren pilgern Tibeter unter größten Strapazen rund um dem Mount Kailash.

Wie Globalisierung konkret aussieht präsentiert Martin Frech in einer Arbeit über seinen Sohn auf dem Weg zum Zollamt. Das Ziel ist nicht Erleuchtung, sondern der Magnetic Cube.

Anna C. Wagner — Tobias D. Kern — Frank Doering — Martin Frech: VON WEGEN
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20
Ausstellungsdauer:
31.07. bis 29.09.2017
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung)
Vernissage:
Freitag, 28. Juli 2017, ab 18.30 Uhr

Martin Frech: #09 aus der Serie Globalisierung konkret
© Martin Frech: #09 aus der Serie Globalisierung konkret
 

Zu meiner Arbeit Globalisierung konkret:

Die Globalisierung — hier wertfrei verstanden als die seit Jahrzehnten zunehmende internationale Vernetzung auf vielen Ebenen — hat vielerlei Auswirkungen auf mich. Solche, die für mich eher abstrakt sind und indirekt auf mich wirken und andere, die mich konkret in meinem Alltag betreffen. Sie zeitigt Aspekte, die mir Unbehagen bereiten — hat für mich jedoch auch ihre angenehmen Seiten.

Mit dieser Arbeit habe ich einen Aspekt von Globalisierung vertieft, der mich regelmäßig konkret betrifft: Der Besuch des Zollamts als eine Begleiterscheinung internationalen Einkaufens. Erstmals taucht das Thema auf in meiner Serie „Jedes Foto ist historisch“ (2007) mit einem Bild des Postzollamts Berlin-Schöneberg. Seither war ich regelmäßig bei Postzollämtern und mir ist trotz Nachfragens nicht klar, warum manche Sendungen an der Haustür angeliefert werden und ich andere persönlich abholen muss.

Anfang März 2017 war es wieder einmal soweit, den Gang zum Postzollamt anzutreten: Mein Sohn hatte einen Puzzle-Würfel in USA eingekauft (ein anderer Würfel, den wir ein Vierteljahr später kauften, wurde normal zugestellt — es gibt wohl eine Zufallskomponente). Da es in unserer kleinen Stadt kein Postzollamt gibt, mussten wir dafür einen Ausflug in die Nachbarstadt unternehmen; für mich ein Anlass, die vorliegende Sequenz zu fotografieren.

Formal bezieht sich „Globalisierung konkret“ auf meine Arbeit „Celebi heimholen“ (2011). Damals dokumentierte ich eine Fahrt, die ich mit meinem Sohn unternahm, um das Pokémon Celebi downzuloaden. Beide Serien habe ich mit der Halbformat-Kamera Agfa Parat-I fotografiert und im selben Format ausgearbeitet.

Weitere Infos auf meiner Webseite:
www.medienfrech.de/foto/portfolio/globalisierung-konkret/

 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

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Markus Bollen: Blackbrook (zur Ausstellung 2017 in der schaelpic photokunstbar) 27. März 2017

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, schaelpic photokunstbar.
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Kürzlich haben wir in Köln die Ausstellung ‚Blackbrook‘ mit Arbeiten von Markus Bollen eröffnet (vgl. Markus Bollen: Blackbrook (schaelpic photokunstbar, Koeln), 27. März bis 12. Mai 2017).

Zur Einführung habe ich eine kurze Ansprache gehalten, die ich hier dokumentiere.

Anmerkungen zu Markus Bollens Arbeit ‚Blackbrook‘
© 2017 Martin Frech, Notizen zur Fotographie (NzF) (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

In dieser Ausstellung zeigen wir Ihnen Bilder einer Wasseroberfläche — auch wenn die überwiegend in Grün gehaltenen Fotos dies erstmal nicht erwarten lassen. Das Grün kommt von den vielen Algen im Wasser und deutet an, dass es sich wohl um ein stehendes Gewässer handelt — oder zumindest um ein nur träge dahinfließendes; vielleicht ist es überdüngt.

Fotos von der Oberfläche eines Weihers also, eventuell ist es auch ein Pfuhl oder sogar ein See. Den Bildern kann ich das nicht entnehmen — sie geben mir weder Informationen über die Ausdehnung des Gewässers noch über seine Tiefenstruktur. Ein Tümpel scheint es jedoch nicht zu sein: auf der Website des Fotografen ist jedenfalls ein Bild des felsigen Uferbereichs zu sehen, das auf ein ganzjähriges Gewässer hindeutet. [1]

Wo befindet sich das Gewässer? Wieder geben mir die Bilder keinen entsprechenden Hinweis — weder sind Landmarken zu sehen, noch ein Hinweisschild. Und auch der Titel hilft uns nicht wirklich weiter: Markus Bollen hat die Serie schlicht ‚Blackbrook‘ genannt; und übrigens auch nicht datiert. Da ‚Brook‘ besonders im Englischen häufig als Teil eines Gewässernamens auftritt, ist das immerhin eine Spur.

Wie auch immer — eine exakte Definition des Gewässers oder dessen Verortung ist in diesem Zusammenhang auch gar nicht nötig. Bei dieser Gruppe von Bildern geht es um die Strukturen auf der Wasseroberfläche. Strukturen die entstehen durch Spiegelungen, Reflexe, Farbkontraste, zufällig verteilte Blätter und andere Gegenstände sowie die Schlieren der Algen. Die Blätter sind auf den detailreichen Panoramen als solche zu erkennen, ebenfalls Ästchen und Steine sowie die Spiegelungen der Bäume — es sind also keine abstrakten Bilder. Allerdings erkenne ich kein oben und unten; die Bilder könnten andersrum hängen und es würde mir nicht auffallen — sogar gekippt, als extreme Hochformate, würde die Präsentation für mich funktionieren.

Mich erinnern diese Rahmenbedingungen an die ‚Equivalents‘ (= Entsprechungen), eine Serie von über 200 Bildern, die Alfred Stieglitz (1864–1946) ab 1925 etwa 10 Jahre lang fotografierte. Stieglitz hat die Wolken am Himmel aufgenommen, fast immer ohne Horizont als Bildanker. So hat sich damals auch bald die Frage gestellt, was oben und unten bei diesen Bildern sei. Stieglitz war das schlicht egal, es war nicht wichtig.

Die ‚Equivalents‘ gelten als die ersten Fotos in der Geschichte, bei denen der Bildautor die Interpretation bewusst vom Motiv getrennt hat. Stieglitz hat zwar Wolken fotografiert, die Bilder der Wolken sollten vom Betrachter jedoch nicht vorrangig als Bilder von Wolken (also als Bilder von meteorologischen Phänomenen) gesehen werden.

Ursprünglich nannte Stieglitz seine Wolkenbilder-Serien ‚Songs of the Sky‘ — es gibt da wohl auch eine synästhetische Komponente. Die Umbenennung in ‚Equivalents‘ begründete er so: „Ich habe eine bestimmte Sicht des Lebens und manchmal versuche ich Entsprechungen dafür in der Form von Photographien zu finden.“ bzw. die Wolkenbilder seien „Entsprechungen meiner tiefgründigsten Lebenserfahrung“. Der amerikanische Maler Abraham Walkowitz (1878–1965) hat das zuvor schon 1916 so formuliert: „Ich vermeide keine Objektivität und suche keine Subjektivität, sondern ich versuche eine Entsprechung für das zu finden, was der Effekt meiner Beziehung zu einem Ding ist.“ [2]

Diese Haltung war damals in Stieglitz‘ Umfeld nicht unüblich. Diese Künstler — neben Stieglitz etwa Georgia O’Keeffe (1887–1986) oder Paul Strand (1890–1976) — thematisierten mit den entsprechenden Werken ihre Spiritualität.

‚Spiritualität‘ — das ist ein gutes Stichwort, um wieder zurückzukommen zu Markus Bollen. Denn ihm geht es um Kontemplation: Die Blackbrook-Bilder sind im Zusammenhang mit Meditationsübungen entstanden, zu denen sich der Fotograf in einem katholischen Kloster in England aufgehalten hat.

Indirekt findet sich hier auch der Bezug zu unserer Ausstellungsreihe, die sich nun in der sechsten Folge mit fotografischen Positionen zum Phänomen Zeit befasst.

Wir wissen ja spätestens seit Heraklit, dass man nicht zweimal in den selben Fluss steigen kann. Mit der Fotografie ist es vergleichbar: zwischen dem Einrichten der Kamera und dem Auslösen des Verschlusses vergeht Zeit. Markus Bollen nutzte an seiner Panoramakamera — wie die Großformat-Fotografen — zur Bildkomposition nicht den Durchblick-Sucher, sondern eine Mattscheibe, die die Sicht des Objektivs zeigt. Diese befindet sich an genau der Stelle, wo später der Film belichtet wird; so kann man die Kamera präzise ausrichten. Vor dem Belichten muss die Mattscheibe dann gegen die Filmkassette getauscht werden. Bewegt sich das Motiv, beispielsweise ein fließendes Gewässer, hat es sich in dieser Zeit natürlich verändert. Für Markus Bollen eine Übung im Loslassen — gibt er doch ein wenig die Kontrolle über das Bildergebnis ab.

Das ist ein Problem, mit dem übrigens auch Michael Marten konfrontiert war, als er mit der Großformatkamera das Meer fotografierte. Nur, dass Michael das nicht in dem Maße schätzen konnte wie Markus Bollen und u.a. deswegen die Kamera wechselte. (Vielleicht erinnern Sie sich an Michael Marten: ‚Sea Change‘.)

Die Blackbrook-Serie fügt sich ein in die freien Arbeiten von Markus Bollen; die Arbeiten also, die er ohne Auftrag anfertigt — überwiegend Natur- und Landschaftsfotografien. Dabei nimmt er nicht nur die scheinbar unberührte Natur in den Blick. Seine Serien mit Panoramen von Alpenpässen und Tagebauen zeigen denn auch deutlich unsere zivilisatorischen Spuren. Ebenso natürlich seine Veduten aus China und Berlin; Stadt-Landschaften eben.

Da gibt es Werkgruppen, die vordergründig spannender sind als die Wasser-Bilder. Ich freue mich jedoch, dass wir aus diesem Bilder-Pool die eher sperrigen — und für mache sicher auch langweiligen — Blackbrook-Fotos zeigen. Denn wenn die Existenzialisten recht haben und das Gefühl der Langeweile tatsächlich ein Grundzustand des menschlichen Daseins ist, kann unsere Ausstellung ja vielleicht sogar erkenntnisfördernd sein.

—–
[1] http://www.panoramic-art.de/natur/blackbrook/ [2017-03-22]
[2] Zitate nach: Greenough Sarah: Eine neue Sprache für die Photographie. Alfred Stieglitz‘ Serie der Wolkenphotographien. In: Kat. Ausst. Notation. Kalkül und Form in den Künsten, Berlin, Akademie der Künste, 20.09.-16.11.2008, Berlin, Karlsruhe, 2008. S. 331–335.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch: Stieglitz, Alfred: How I Came to Photograph Clouds. In: The Amateur Photographer. 19.09.1023, S. 255. Online verfügbar: http://media.artic.edu/stieglitz/wp-content/uploads/sites/6/2016/06/1923-09-19-Stieglitz-How-I-came-to-photograph-clouds-American-Amatuer-Photographer.pdf [2017-03-22]
Einige von Stieglitz‘ Wolkenbildern: http://www.phillipscollection.org/research/american_art/artwork/Stieglitz-Equivalent_Series1.htm [2017-03-22]

Markus Bollen: Blackbrook
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20
Ausstellungsdauer:
27. März bis 12. Mai 2017
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung)
Vernissage:
Freitag, 24. März 2017, ab 18.30 Uhr

 

 
 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Anmerkungen zu Mike Crawfords Projekt ‚Obsolete and Discontinued‘ 5. Februar 2017

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Foto-Projekt, schaelpic photokunstbar.
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Im vergangenen Herbst haben wir in Köln die Ausstellung mit Arbeiten aus dem Projekt ‚Obsolete and Discontinued‘ von Mike Crawford eröffnet (vgl. Mike Crawford: ‚Obsolete and Discontinued‘ (schaelpic photokunstbar, Köln), 7. November 2016 bis 3. Februar 2017).

Zur Einführung habe ich einen kurzen Text geschrieben, den ich hier dokumentiere.

Anmerkungen zu Mike Crawfords Projekt ‚Obsolete and Discontinued‘
© 2016 Martin Frech, Notizen zur Fotographie (NzF) (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

Es gibt Fotografen, für die der Material-Aspekt integraler Bestandteil ihrer Arbeit ist. Die Auswahl und die angepasste Entwicklung der Filme, das Anfertigen der Kontakte und schließlich die Ausarbeitung der Abzüge sind für sie neben der Wahl des Motivs wichtige und bewusste Schritte zum endgültigen Bild. Für diese Fotografen ist der Abzug Teil des Kunstwerks. Denn das Ringen mit den Eigenschaften des Materials bleibt in jedem analog hergestellten Werk mehr oder weniger sichtbar und macht dessen Aura mit aus.

Dieser Ansatz ist mitnichten rückwärtsgewandt oder gar überholt. Als ob es eine Gesetzmäßigkeit gäbe, dass die jeweils digitale „Weiter“-Entwicklung das bessere und somit die natürliche Ablösung des vordigitalen wäre. Ist es aber nicht! Das Arbeiten mit analoger Signalaufzeichnung zeitigt eben andere Ergebnisse als der digitale Workflow — das ist der Punkt!

Mike Crawfords Projekt, dessen Ergebnisse wir hier in Teilen ausstellen, deutet die Bandbreite dessen an, was mit emulsionsbasiertem — lichtempfindlichem — Fotopapier möglich ist. Es ist eben nicht damit getan, ein bestimmtes Papier zu wählen. Mitentscheidend für das Ergebnis ist die Art der chemischen Bearbeitung.

Mike betreibt in London ein Fotofachlabor. Das Projekt ‚Obsolete and Discontinued‘ begann damit, dass ihm ein Kunde zahlreiche Schachteln mit altem und abgelaufenem Fotopapier brachte. Fotopapier verliert zwar nach einigen Jahren seine zugesagte Qualität und wird dann üblicherweise weggeworfen. Andererseits kann das Papier durch die Alterung aber auch interessante nichtvorhersehbare Ergebnisse liefern.

Mike verteilte das Material daher international an über 50 Fotografen mit der Bitte, damit zu experimentieren und etwas daraus zu machen.

Er bekam Abzüge zurück, die mit einer Vielzahl an Verfahren erarbeitet wurden: klassisch ausgearbeitete Prints und Lith-Prints, getont oder nicht, Abzüge von Nassplatten- und Papier-Negativen, Collagen, Fotogramme, Arbeiten mit manipulierten Emulsionen und diverse mit hybriden analog/digitalen Techniken angefertigte Bilder.

Ja, die neuen Medien eröffnen neue Möglichkeiten, die ich schätze und gerne nutze. Doch sie ersetzen eben nicht die anderen, ihre angeblich veralteten angeblichen Vorgänger. Dabei ist es kein entweder/oder — es ist ein sowohl-als-auch. Unsere Ausstellung verdeutlicht das sehr schön.

Die Medienwissenschaft hat das Phänomen beschrieben: ist ein Medium lange genug da, verschwindet es nicht einfach. Das mag sein, solange die technischen Voraussetzungen nicht allzu kompliziert sind. Die Drucktechniken oder das Pressen einer Schallplatte beispielsweise sind sowohl hinsichtlich der Produktionsmaschinen als auch der eingesetzten Rohstoffe vergleichsweise einfach — Produktionsstrukturen und die Materialversorgung können mehr oder weniger geschmeidig der Nachfrage abgepasst werden.

Im Foto- und Filmkontext haben wir jedoch folgendes Problem. Sowohl die Apparate- als auch die Verbrauchsmaterial-Technik waren in den 1990er-Jahren nach einer mehr als 150jährigen Entwicklung auf einem entsprechend hohen Niveau. Komplizierte industrielle Fertigungsprozesse waren bei international etwa zwei handvoll Firmen implementiert. Es gab keinen Markt für die Produktionsmaschinen, diese wurden als Sonderanlagen individuell gebaut. Die chemischen Rezepte und Prozesse waren ebenfalls Ergebnis jahrzehntelanger firmeninterner Entwicklungen und sind kein Gemeingut. Das gilt für den Schwarzweiß- und insbesondere für den Farbbereich.

Wird eine solche Struktur aufgegeben, ist sie unter radikal veränderten Marktbedingungen skaliert kaum wiederzubeleben. Die Aktivitäten von Mirko Böddecker in Bad Saarow (ADOX Fotowerke), Florian Kaps‘ Impossible Project [sic] oder die nur zähen Fortschritte in Ferrania (FILM Ferrania; Nicola Baldini, Marco Pagni; 2013) legen mir diesen Schluss jedenfalls nahe; das ist vergleichbar mit dem Abschalten eines Hochofens, der auch nicht einfach wieder angefeuert werden kann.

Foto- und Medienkünstler, die emulsionsbasiert arbeiten, haben daher zunehmend Probleme mit der Materialbeschaffung.

Sie haben gegenüber den Kollegen in den anderen Sparten — beispielsweise den Malern oder Bildhauern — das Problem, dass sie am Tropf einer Industrie hängen. Und zwar einer Industrie, die mit der angewandten Fotografie und den Vorführkopien des Kinos groß geworden ist. Zu groß für heutige Verhältnisse.

Die angewandten Fotografen sind umgestiegen und im Kino werden Bilder aus Daten projiziert. Jetzt reicht die Material-Nachfrage der Fotokünstler offenbar nicht, um die industrielle Produktion zu finanzieren. Also verschwinden die Produkte vom Markt.

Wie anfangs dargelegt, haben die Künstler jedoch ernsthafte Gründe, an ihrem Material festzuhalten. Was tun, wenn man weiterhin emulsionsbasiert arbeiten will?

Die US-amerikanische Fotokünstlerin Judith Joy Ross hat mit der Schwarzweiß-Fotografie aufgehört, als ihre Vorräte an Auskopierpapier aufgebraucht waren. Dito Manfred Hamm mit der Farbfotografie, weil sein bevorzugtes Diamaterial nicht mehr erhältlich ist.

Eine andere Möglichkeit ist, sich von Industrieprodukten unabhängig zu machen; wie beispielsweise die Kollegen von der Nassplatten-Fraktion, die ihr Material selbst beschichten oder Lomig Perrotin, der in Frankreich primitive Rollfilme selbst herstellt.

Eine weitere Möglichkeit wären staatliche Subventionen zum Erhalt der Film- und Fotopapierproduktion. Das — und den Welterbe-Titel für den fotochemischen Film — fordert beispielsweise die Medienkünstlerin Tacita Dean.

Als ob das Materialproblem nicht schon schlimm genug wäre, habe ich zudem von Kollegen gehört, die sich für das Festhalten an ihrer Arbeitsweise rechtfertigen müssen. Im Sinne von: steig‘ doch endlich um — digital ist doch eh‘ viel besser.

Wäre es nicht sinnvoller, die Kollegen in ihrem Tun zu bestärken: „Don’t kill film, shoot it“ — und sich nebenbei dafür einzusetzen, dass diese Kulturtechnik erhalten bleibt?

 
 


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ab 24. März in der schaelpic photokunstbar: Markus Bollens Arbeit Blackbrook 1. Februar 2017

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, schaelpic photokunstbar.
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Die Serie Blackbrook erarbeitete Markus Bollen während eines Aufenthalts in einem Trappisten-Kloster in England. Es sind Beobachtungen der Oberfläche eines Sees in der Nähe des Klosters. Bei der Fotografie der Spiegelungen und der langsam von der Strömung sich fortbewegenden Teile auf der Oberfläche kam eine neue Qualität des Loslassens hinzu. Dieses Loslassen war auch technisch in Markus Bollens Arbeitsweise begründet. Während er die Mattscheibe seiner Kamera gegen die Filmkassette austauschte, bewegte sich der See durch die Strömung unaufhörlich weiter und das Bild war ein anderes als das noch Sekunden zuvor eingestellte.

Woher weiß ich, wie die Welt beschaffen ist? Durch Beobachten. — Lao Tses Weisheiten aus dem Tao Te Ching haben Markus Bollen, sein Leben und seine Arbeit bereits in frühen Jahren geprägt. Seine intensive Beschäftigung mit der Meditations­technik Zazen sowie ein zweijähriger Aufenthalt in China führten ihn zur bis heute andauernden spirituellen Auseinandersetzung mit dem Buddhismus.

Fast immer haben Bollens Landschaftsfotografien und Naturstudien eine nahezu kontemplative Wirkung; sie ermöglichen uns ein Erkennen der Ruhe und Ausgeglichenheit in der Natur — einer Ruhe, die Kraft ausstrahlt und die er den Betrachter spüren lassen will.

(bearbeiteter Text aus der Pressemitteilung)

1936-15 002
aus Markus Bollen: Blackbrook

Markus Bollen: Blackbrook
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20
Ausstellungsdauer:
27. März bis 12. Mai 2017
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung)
Vernissage:
Freitag, 24. März 2017, ab 18.30 Uhr

 
 


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Michael Marten ‚Sea Change‘ 18. September 2016

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Foto-Projekt, Fotoausstellung, Fotograf, schaelpic photokunstbar.
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Am 15. September 2016 haben wir in Köln die Ausstellung mit Arbeiten aus der Serie ‚Sea Change‘ von Michael Marten eröffnet (vgl. Michael Marten: ‚Sea Change‘ (schaelpic photokunstbar, Köln).

Zur Einführung habe ich eine kurze Ansprache gehalten, die ich hier dokumentiere.

Hinweise zu Michael Martens Serie ‚Sea Change‘
© 2016 Martin Frech, Notizen zur Fotographie (NzF) (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

In unserer laufenden Reihe präsentieren wir noch bis Ende des Jahres Fotoarbeiten unter dem Oberbegriff ‚Zeit und Fotografie‘.
Den Anfang machte vor einem Jahr Jürgen Hermann Krause, der seine Ost-Blicke aus der Noch-DDR von 1990 zeigte. Es folgten in diesem Jahr Knut Wolfgang Marons Bilder von seiner Mutter und ihrem Nachlass. Romano Riedo hat uns dann im Mai sein Langzeitprojekt über Bergbauern in der Schweiz vorgestellt. Die drei Autoren haben mit ihren Arbeiten jeweils unterschiedliche Zeit-Aspekte betont.

Nun zeigen wir Michael Martens ‚Sea Change‘. Das ist die vierte Ausstellung in dieser Reihe und insgesamt unsere 23. seit 2006.

Schon ein kurzer Blick auf Martens Bilder macht deutlich, warum diese Schau hervorragend zu unserem Konzept passt: Der Fotograf zeigt auf Bildpaaren jeweils das selbe Motiv zu zwei verschiedenen Zeitpunkten — Landschaftsaufnahmen der britischen Küste, einmal bei Wasser-Hochstand und einmal bei Niedrigwasser. Wir sehen, wie Ebbe und Flut — aber auch ein veränderter Sonnenstand — das Aussehen einer Szene dramatisch verändern.

Der Fotograf hat für jedes Bildpaar seine große Kamera zweimal identisch aufgebaut und die selbe Szene im Abstand von einigen Stunden beim niedrigsten und höchsten Wasserstand aufgenommen, idealerweise in der Zeit von Voll- oder Neumond, wenn der Tidenhub besonders groß war.

‚Sea Change‘ ist eine konzeptuelle Arbeit im klassischen Genre der Landschaftsfotografie — stringent und äußerst sorgfältig durchgearbeitet.

Michael Marten hat für sein Projekt Großbritannien umrundet und selbst den hohen Norden nicht ausgespart; sogar die Shetlandinseln hat er bereist.
Ab 2003 ist er dafür neun Jahre lang regelmäßig kreuz und quer über die Insel gereist und hat knapp 400 Bildpaare aufgenommen. In den ersten Jahren auf 4×5″-Farbnegativfilm, später mit einer digitalen Mittelformatkamera.

Für die Präsentation im Buch hat er vier Küstenabschnitte definiert und die Bilder systematisch ‚im Uhrzeigersinn‘ sequenziert: Südwest, Nordwest, Nordost und Südost und zeigt damit Bilder vom Atlantik, der Nordsee und des Ärmelkanals. Im Buch sind von jedem Abschnitt zwischen 11 und 15 Bildpaare abgebildet; das jeweils linke Bild ist das zuerst aufgenommene. In der Ausstellung zeigen wir eine Auswahl.

Wer auch nur ein paar Stunden an einem Meeresstrand verbracht hat, kennt natürlich die Gezeiten: das Wasser kommt und geht. Und irgendwie hat der Mond damit zu tun.

Der Musiker Marteria besingt das Phänomen im Lied „Welt der Wunder“ (auf ‚Zum Glück in die Zukunft II‘, 5/2014). In seiner Hook singt er:

‚Denn wir leben auf einem blauen Planet
der sich um einen Feuerball dreht.
Mit ’nem Mond der die Meere bewegt —
und Du glaubst nicht an Wunder?‘

Damit bringt der Rapper meine Verständnisschwierigkeiten kosmischer Einflüsse ganz gut auf den Punkt und deutet nebenbei die poetische Kraft an, die den Naturphänomenen innewohnt. Gleichzeitig kennen wir das zerstörerische Potential von Hochwasser, Sturmfluten und Riesenwellen.

Dieser Aspekt ist für mich beim Betrachten von Martens Bildpaaren untergründig präsent. Ich weiß, dass die gezeigten Überschwemmungen aus einem natürlichen Rhythmus resultieren — bekomme jedoch eine Ahnung davon, was ein steigender Meeresspiegel für Folgen haben wird.

Nach der gängigen Erklärung der klassischen Mechanik sind die Gezeiten eine Folge der Anziehungskräfte von Mond und Sonne.

Deren Gravitationskräfte wirken auf die Erde. Die Erdkruste ist davon kaum beeinflusst, das Wasser der Ozeane jedoch deutlich. Es wird vom Mond (und der Sonne) angezogen und bildet Flutberge, den sog. Tidenhub. Dazwischen herrscht Ebbe.

Dass daraus Gezeiten werden, liegt an der Erddrehung. Ohne sie würden Ebbe und Flut nicht über die Erdoberfläche wandern, sondern wären an einen Ort fixiert.
Aber die Erde dreht sich quasi unter den Wassermassen der Ozeane. Das Wasser ist zu träge und hat eine zu geringe Reibung, als dass es sich mitbewegen könnte. An den Stellen, wo Land aus dem Wasser ragt, staut sich das über die Erde strömende Wasser und der Tidenhub vervielfacht sich.

Die Situation ist natürlich komplizierter, da die Wasserwellen am Ufer reflektiert werden und zurücklaufen — dadurch entstehen Resonanzen die auch wieder Auswirkungen auf die Wasserhöhe haben. Dazu kommen noch der Einfluss von Winden, Jahreszeiten und weiteren geografischen Einflüssen sowie von Zentrifugalkräften — eine ziemlich komplizierte Materie.
Rund um die britische Küste variieren die Hochwasserstände örtlich zwischen einem und 15 Metern.

Kurz gefasst kann man Ebbe und Flut als geografische Reaktionen auf astronomische Ursachen sehen.

Eine spezielle Situation ergibt sich etwa zweimal im Monat, wenn Erde, Mond und Sonne in einer Linie stehen, also bei Voll- und bei Neumond. Dann addieren sich die Gravitationskräfte von Mond und Sonne und das Wasser der Ozeane steigt besonders hoch — Springfluten entstehen.
Das waren die von Michael Marten bevorzugten Fototermine.

Bei Halbmond wirkt die Sonne dagegen entschärfend und verringert die Kraft des Mondes — Ebbe und Flut sind schwächer ausgeprägt (Nipptiden).

Es gibt Fotografen, die die unberührte Natur suchen und mit viel Pathos die Erhabenheit der Schöpfung feiern oder romantisch-sehnsüchtig auf die Landschaft schauen.
Im Kontext der Seestücke wären dies beispielsweise Gustave Le Gray (1820–1884), Franz Schensky (1871–1957) oder der Zeitgenosse Elger Esser (*1967).

Andere interessieren sich für die vom Menschen gestaltete Landschaft, wie das die New-Topographics-Bewegung seit den 1960er-Jahren tut. Bekannte Vertreter dieses dokumentarischen Blicks sind Robert Adams (*1937), Lewis Baltz (1945–2014), Heinrich Riebesehl (1938–2010) und Joachim Brohm (*1955).

Michael Marten schafft es ganz unaufgeregt, beides zu verbinden; die romantische Sicht und den dokumentarischen Blick. Neben klassischen Seestücken sehen wir Aufnahmen, die ganz selbstverständlich Industrie- und Hafenanlagen ins Bild rücken; wenn es sich ergibt, sind seine Bilder auch bevölkert.

Er bringt es sogar fertig, beide Sichtweisen in einem Bildpaar zu vereinen. Dann ist beispielsweise die Szene bei Niedrigwasser quirlig bevölkert, und ein paar Stunden später sehen wir die gleiche Ansicht als eine komplett andere Landschaft, überflutet, menschenleer, dramatisch beleuchtet.

Michael Marten hat sich intensiv mit den Gezeiten beschäftigt und seine konzeptuelle Setzung deutlich an den Gezeitentafeln orientiert. Er kann dadurch jedoch nicht auf ein bestimmtes Licht warten, verzichtet also weitgehend auf ein elementares Gestaltungsmittel der Landschaftsfotografie.

Obwohl ihm Gezeitentabellen und nicht der optimale Sonnenstand den Zeitpunkt der Aufnahmen diktierten, gelangen ihm großartige Bilder der britischen Küstenlandschaft. Er wählte seine Ausschnitte so, dass die Bilder dennoch hervorragend funktionieren — die Wirkung des überflutenden Wassers und des überfluteten Landes ist stark genug — viel Wasser verändert alles.

Michael Marten: Sea Change
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Ausstellungsdauer:
16. September bis 18. Oktober 2016
Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr,
(zusätzlich Sonderöffnungszeiten während des Fotoszene-Festivals)

Das Buch zum Projekt:
Michael Marten: Sea Change: A Tidal Journey Around Britain, 126 Seiten, 107 Farbfotografien, mit einer Einführung von Robert Macfarlane. Heidelberg: Kehrer, 2012.
Das Buch ist vergriffen — Exemplare einer limitierten Sonderedition mit zwei beigefügten Prints sind noch erhältlich (125 Euro).

 
 


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Michael Marten: Sea Change | 16.09. bis 28.10.2016 in der schaelpic photokunstbar, Köln 30. August 2016

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Foto-Projekt, Fotoausstellung, gute Idee, schaelpic photokunstbar.
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Michael Marten zeigt in seiner Serie „Sea Change“, wie die Gezeiten das Aussehen der Küste Großbritanniens täglich verändern. Wir sehen Strände und Gezeitentümpel, Schlick und natürliche Häfen nur vorübergehend — bei Ebbe; wenn das Meer zurückkommt, ist alles wieder verschwunden. (zu sehen vom 16.09. bis 28.10.2016 in der schaelpic photokunstbar, Köln)

aus: Michael Marten: Sea Change

Marten begann 2003 mit diesem Fotoprojekt. Als er die Küste bei Berwickshire erkundete, fotografierte er einen kleinen Hafen. Er war fasziniert von einer Reihe zahnartiger Felsen, in der Gegend bekannt als „Ufer-Ziegen“, die bei Flut verschwanden. Bei der Durchsicht seiner Filme fiel ihm auf, dass er die selbe Ansicht bei Ebbe und Flut aufgenommen hatte. Ihn begeisterte, wie die ansteigende Flut radikal die Perspektive auf und das Gefühl für die Landschaft verändert.

Neun Jahre lang hat Marten an dieser Serie gearbeitet. Sie besteht aus Bildpaaren, von denen jedes zwei Zeitpunkte festhält, indem zwei durch die Gezeiten bedingte Zustände der Landschaft zu sehen sind. Marten hat die Dyptichen im zeitlichen Abstand von sechs oder 18 Stunden jeweils vom selben Standpunkt aus aufgenommen. Die überraschenden Bildpaare veranschaulichen den dynamischen Zustand dieser Landschaft.

aus: Michael Marten: Sea Change

Ein Aspekt der Faszination dieser Arbeit ist das Nebeneinander der jeweils gleichen Ansichten bei Ebbe und Flut. Dies ermöglicht es herauszufinden, was sich durch die Gezeiten ändert und was nicht.

Für „Sea Change“ hat Marten die knapp 18000 km lange britische Küste in die vier Bereiche Südwest, Nordwest, Nordost und Südost eingeteilt. Er hat ein umfangreiches Werk geschaffen, das die Vielfalt der britischen Küste dokumentiert: von Strandpflanzen über Felsformationen und unberührte Sandufer zu Industriegebieten. Sein fotografisches Doppel-Portrait der maritimen Landschaft verdeutlicht effektvoll die Gezeiten.

Biographie

Michael Marten hat beruflich und privat mit Fotografie zu tun seit er als Jugendlicher zu fotografieren begann. Seine erste Anstellung hatte er als Autor von Bildunterschriften für die Agentur „Camera Press syndication“. 1979 gründete er die „Science Photo Library“, eine Bildagentur für Wissenschaft und Medizin. Marten hat als Mitautor und Bildredakteur an verschiedenen Büchern gearbeitet, u.a. „An Index of Possibilities“ (1974), „Worlds Within Worlds“ (1978), „The New Astronomy“ (1983) und „The Particle Odyssey“ (2002).

„Sea Change“ wurde in folgenden Institutionen gezeigt: Blue Sky Gallery (Portland, USA); Grazia Neri Gallery (Mailand); Libreria del Mare (Palermo) sowie Ringe Bibliotek, Denmark, als Teil des Fototriennale.dk Photography Festival; Oxo Gallery in London.

2011 gewann Sea Change den „LensCulture International Photography Award“ für das beste Portfolio und war im selben Jahr unter den Top-50 bei Critical Mass. „Sea Change“ wurde im Ag-Magazin, Mare, Focus Italy und in The Guardian’s Weekend Magazine veröffentlicht.

Sea Change: A Tidal Journey Around Britain by Michael Marten, 126 Seiten, 107 Farbfotografien, mit einer Einführung von Robert Macfarlane. Heidelberg: Kehrer, 2012 (vergriffen). Exemplare einer limitierten Sonderedition mit einem beigefügten Originalprint sind noch erhältlich.

(Übersetzung: Martin Frech, NzF)

Romano Riedo: Hinterland 14. Mai 2016

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Am 12. Mai 2016 haben wir in Köln die Ausstellung mit Arbeiten aus der Serie ‚Hinterland‘ von Romano Riedo eröffnet.

Zur Einführung habe ich eine kurze Ansprache vorbereitet, die ich hier dokumentiere.

Hinweise zu Romano Riedos Serie ‚Hinterland‘
© 2016 Martin Frech, randgebiete.de

Das übergreifende Thema unserer schaelpic-Ausstellungen 2015/2016 ist das Motiv der ‚Zeit‘ in der Fotografie. Wie in den vergangenen beiden Ausstellungen angedeutet, finden wir dazu sehr unterschiedliche Positionen.

Klar ist: prinzipiell zeigt jede Fotografie etwas Vergangenes, „bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit“, wie es Susan Sontag bereits 1977 so passend formulierte. In diesem Sinne hat uns im vergangenen Herbst Jürgen Hermann Krauses Ostblick-Ausstellung — wie durch eine Zeitmaschine — Einblicke in den DDR-Alltag der Wendezeit von 1990 verschafft.

Knut Wolfgang Maron dagegen hat den Zeit-Aspekt schon konzeptuell berücksichtigt. Zu Anfang des Jahres sahen wir seine berührenden Bilder vom Ende des Lebens seiner Mutter und ihrer Hinterlassenschaft.
Roland Barthes Vermutung von 1977, jedes Anschauen eines Fotos sei ein Kontakt mit dem Tod, bekam hier eine direkte Bestätigung.

Heute zeigen wir Ihnen Bilder aus einem Langzeit-Projekt von Romano Riedo. Damit haben wir eine Position, die unserem Thema weitere Aspekte abgewinnt.

Romano Riedo arbeitet als freier Fotograf und Fotojournalist in der Schweiz. Neben seinen Auftragsarbeiten nimmt er sich regelmäßig Zeit für freie Reportagen, die häufig auf längere Zeiträume angelegt sind.

Seine Welt sind die Berge — Romano Riedo beschäftigt sich seit langem intensiv mit den Bergbauern in der Schweiz. Seit mehr als 20 Jahren fotografiert er deren Alltag. Die Ergebnisse seiner fotografischen Feldforschungen haben sich in Büchern und Ausstellungen manifestiert mit Titeln wie ‚Alpland‘, ‚Alpzeit‘, ‚La Gruyère‘ und eben ‚Hinterland’.

Aus dem gewaltigen Bilderberg von Riedos Hinterland-Projekt mussten wir für diese Ausstellung eine kleine Auswahl treffen — eine repräsentative, wie wir hoffen.

Riedos ‚Hinterland‘ sind die Alpen. Neben Jura und Mittelland sind die Alpen eine der drei Schweizer Großregionen. Und obwohl die Alpen etwa 60% der Schweizer Landesfläche beanspruchen, sind sie nur dünn besiedelt. Der Großteil der rund 8,5 Mio. Schweizer lebt im Mittelland, das jedoch nur etwa ein Drittel der Landesfläche ausmacht, bei einer Breite von maximal 70 km.

Letzteres ist einer der Aspekte, die Riedo fasziniert: man hat aus allen größeren Städten der Schweiz nur kurze Wege in die Berge, kann dort jedoch in eine komplett andere Welt eintauchen; in seinem Fall ist das die Arbeits- und Lebenswelt der Bergbauern. Laut Riedo ist das auch in der Schweiz eine Minderheit, die kaum jemand wirklich kennt.

Er selbst kennt diese Welt, da er einmal für eine Saison dort gearbeitet hat und seither immer wieder dorthin gereist ist. Er hat sich durch die beharrliche Auseinandersetzung mit dem Thema einen privilegierten Zugang zu den Bergbauern erarbeitet, der ihm ein Fotografieren quasi als teilnehmendem Beobachter ermöglicht.

Doch was ist eigentlich ein Bergbauer?
Ein Bergbauer ist ein Bauer im Gebirge.
Das hört sich einfach an, bringt für den Bergbauern im Vergleich zu seinen Kollegen im Flachland jedoch so seine Schwierigkeiten mit sich: moderne landwirtschaftliche Geräte sind kaum einsetzbar, die klimatischen Bedingungen sind extrem und die Höfe, Weiden und Ackerflächen sind schwerer zugänglich. Attraktiv wurde das Bergbauerntum daher auch erst vor etwa 800 Jahren — wegen der damaligen Bevölkerungsentwicklung und dem Mangel an einfach zu bewirtschaftenden Flächen.

Heutzutage wirkt das Bergbauerntum wie aus der Zeit gefallen und ist zumindest in Europa wirtschaftlich schon lange nicht mehr konkurrenzfähig. Aus unterschiedlichen Gründen werden Bergbauern jedoch staatlich unterstützt. Stichworte sind Landschaftspflege, Tourismusförderung und naturnahe Lebensmittelproduktion (slow food).

Diese entschleunigte bergbäuerliche Lebensmittelherstellung interessiert Romano Riedo besonders. Ihn fasziniert es, die Älpler bei Ihrer Arbeit zu beobachten und er schätzt die Identifikation der Menschen mit ihrer Arbeit und den dabei entstandenen Produkten. Ich kann das seinen Bildern entnehmen.
Obwohl ich mir vorstellen kann, dass auch in dieser Bergbauern-Welt das eine oder andere Artefakt unserer modernen Welt auftaucht, ist auf Riedos Bildern davon kaum etwas zu sehen. Mal die Andeutung einer Melkmaschine, mal ein Funkgerät oder etwas versteckt ein Kassettenrekorder. Auch das Etikett an einer Kinderhose deutet einen zeitgenössischen Kontext an. Aber man muss schon arg nach Details suchen, die diese Bilder im Jetzt verorten.

In der Tradition der Reportage-Fotografie besteht Riedos Arbeit aus Landschafts-Aufnahmen, Portraits und der Dokumentation von Arbeitsabläufen; Schnappschüsse hat sich der Fotograf ausdrücklich erlaubt.

Technisch hat Romano Riedo im Einklang mit seinen Motiven zumindest während den Aufnahmen ganz klassisch gearbeitet. Alle Bilder sind mit einer handlichen Mittelformatkamera (einer Mamiya 6) auf Schwarzweißfilm fotografiert — ausschließlich mit dem vorhandenen Licht und nur aus der Hand.
Später hat Riedo die Negative jedoch gescannt und Tintenstrahl-Drucke erstellt; es handelt sich bei den hier gezeigten Bildern also nicht um traditionelle Schwarzweiß-Vergrößerungen.

Riedo hat in der ganzen Schweiz fotografiert — unter anderem in Appenzell, Graubünden, Tessin, Oberwallis, Berner Oberland und Greyerz.

Ich denke mir, dass der Globalisierungsdruck weiter zunehmen wird und derartige selbst gewählte Arbeits- und Lebensformen in den Bergen vollends verschwinden werden. Es ist wichtig, dass es Fotografen wie Romano Riedo gibt, die diese Parallelwelten mit solcher Ausdauer für uns dokumentieren. Ich wünsche ihm, dass er seinen Plan realisieren kann, diese Serie auf ganz Europa auszudehnen.

Romano Riedo: Ein Schwein in Freiheit vor einem Holzkreuz auf Alp Turtmann im Wallis.
Romano Riedo: Ein Schwein in Freiheit vor einem Holzkreuz auf Alp Turtmann im Wallis.

Romano Riedo: Arbeiten aus der Serie Hinterland
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Ausstellungsdauer:
13. Mai bis 11. August 2016
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr)

 
 


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Worin besteht die Relevanz emulsionsbasierten Fotografierens? 29. September 2014

Posted by Martin Frech in Gedanken, Markt, schaelpic photokunstbar, Technik.
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Foto- und Medienkünstler, die emulsionsbasiert arbeiten, haben zunehmend Probleme mit der Materialbeschaffung.

Sie haben gegenüber den Kollegen in den anderen Sparten — beispielsweise den Malern oder Bildhauern — das Problem, dass sie am Tropf einer Industrie hängen. Und zwar einer Industrie, die mit der angewandten Fotografie und den Vorführkopien des Kinos groß geworden ist. Zu groß für heutige Verhältnisse.

Die angewandten Fotografen sind umgestiegen und im Kino werden Bilder aus Daten projiziert. Jetzt reicht die Material-Nachfrage der Fotokünstler offenbar nicht, um die industrielle Produktion zu finanzieren. Also verschwinden die Produkte vom Markt.

Die Künstler haben jedoch ernsthafte Gründe, an ihrem Material festzuhalten.
Was tun, wenn man weiterhin emulsionsbasiert arbeiten will?

Judith Joy Ross hat mit der Schwarzweiß-Fotografie aufgehört, als ihre Vorräte an Auskopierpapier aufgebraucht waren. Manfred Hamm hört mit der Farbfotografie auf, weil sein bevorzugtes Diamaterial nicht mehr erhältlich ist.

Eine andere Möglichkeit ist, sich von Industrieprodukten unabhängig zu machen; wie beispielsweise die Kollegen von der Nassplatten-Fraktion, die ihr Material selbst beschichten oder Lomig Perrotin, der in Frankreich primitive Rollfilme selbst herstellt.

Eine weitere Möglichkeit wären staatliche Subventionen zum Erhalt der Film- und Fotopapierproduktion.

Das — und den Welterbe-Titel für den fotochemischen Film — fordert beispielsweise die Medienkünstlerin Tacita Dean. Denn wenn eine Filmfabrik erst abgewickelt ist, wären die Schwierigkeiten enorm, die Produktion wieder neu zu starten.

Als ob das Materialproblem nicht schon schlimm genug wäre, habe ich zudem von Kollegen gehört, die sich für das Festhalten an ihrer Arbeitsweise rechtfertigen müssen. Im Sinne von: steig‘ doch endlich um — digital ist doch eh‘ viel besser.

Wäre es nicht sinnvoller, die Kollegen in ihrem Tun zu bestärken: „Don’t kill film, shoot it“ — und sich nebenbei dafür einzusetzen, dass diese Kulturtechnik erhalten bleibt?

Worin besteht heute die Relevanz emulsionsbasierten Fotografierens?

(Aus meiner Einführung zur Podiumsdiskussion „Silber gegen Bytes“ im Museum für angewandte Kunst Köln am 19.09.2014.)

Silber und Bytes | Silber gegen Bytes: Podiumsdiskussion
Silber und Bytes | Silber gegen Bytes; Podiumsdiskussion: Rolf Sachsse (HBKsaar Saarbrücken), Reinhard Matz (Fotograf, Autor und Künstler aus Köln), Miriam Halwani (Museum Ludwig), Thomas Bachler (Künstler aus Dresden) (v.li.).
Foto: Markus Bollen

 
 


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Die Phase des Pictorialismus in der Geschichte der Fotografie 17. Mai 2014

Posted by Martin Frech in Geschichte, schaelpic photokunstbar.
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Am vergangenen Freitag haben wir mit einer Vernissage die Ausstellung mit Platindrucken von Claus Dieter Geissler (Labyrinthe — Die Irrwege der lebenden Toten) und Keiichi Ito (Gimen no shitade) eröffnet. Noch bis August 2014 sind die Fotografien in der schaelpic photokunstbar in Köln zu sehen (–> Info zur Ausstellung).

Zur Einführung in die Ausstellung habe ich über die Kunstfotografen und Pictorialisten gesprochen.

Martin Frech spricht ueber die Pictorialisten.

Mein Vortrag wurde via Facetime präsentiert. (Foto: Carsten Kurz)

Die Phase des Pictorialismus in der Geschichte der Fotografie
© 2014 Martin Frech, Notizen zur Fotographie (NzF) (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

Im Vortrag zu unserer letzten Vernissage im März habe ich die Technik-Geschichte der Fotografie zusammengefasst — vom Beginn im 18. Jahrhundert bis zur Erfindung der Kollodiumplatte 1851 (Martin Frech: Das nasse Kollodiumverfahren — eine fotohistorische Verortung).

Heute hören Sie die Fortsetzung, es wird allerdings weniger technisch.
Ich werde darüber reden, wie die künstlerisch interessierten Fotografen des späten 19. Jahrhunderts mit den Malern ihrer Zeit konkurrierten.

Das war eine etwa 50 Jahre andauernde Phase, in der die Fotografen sich bemühten, ihre Abzüge wie Malerei aussehen zu lassen — um so selbst als Künstler anerkannt zu werden.

Bis in die 1850er-Jahre hatte sich die Fotografie zwar rasch etabliert, wurde jedoch vor allem angewandt genutzt: zu dokumentarischen Zwecken und für Portraits.

Allerdings gab es von Anfang an Fotografen, die die künstlerische Qualität der Fotografie untersuchten. Herausragend war der studierte Maler Gustave Le Gray (1820–1884).

Das war jedoch eine Minderheiten-Position, denn die Frage, die die Kunstkritiker damals beschäftigte war die, ob ein Apparat denn überhaupt Kunst produzieren könne.

Für viele war die Antwort klar — die Fotografie sei zwar prima dafür geeignet, Menschen und Dinge exakt abzubilden. Die Kreativität und Kunstfertigkeit des Malers könne sie jedoch nicht ersetzen.

Als Gegenposition formte sich in England ab etwa 1850 die Bewegung der Kunstfotografen. Diese Fotografen wollten erreichen, dass ihre Werke als Kunst anerkannt werden — gleichberechtigt mit denen der bildenden Kunst.

Die Kunstfotografen wollten nicht ein vorhandenes Motiv abfotografieren, sondern gezielt ein Bild schaffen: Sie betonten ihre Autorenschaft.

Ihr Vorbild war die akademische Malerei jener Zeit, vor allem die der Präraffaeliten: Die Kunstfotografen orientierten sich an deren Motiven und Kompositionsregeln. Sie liesen sich gerne von literarischen und historischen Themen inspirieren. Es entstanden allegorische Bilder und inszenierte Fotografien, quasi Vorläufer der Theaterfotografie.

Diese Foto-Künstler arbeiteten gerne im Atelier und häufig mit Schauspielern. Die Szenen wurden zuvor skizziert und dann akribisch umgesetzt. Der Aufwand war hoch: Kostüme, Requisiten, gemalte Hintergründe.
Oft wurden mehrere Fotos mit unterschiedlichen Szenen aufgenommen, retuschiert und trickreich zum fertigen Abzug kombiniert.

Wichtige Vertreter der Kunstfotografie sind Henry Peach Robinson (1830–1901), Julia Margaret Cameron (1815–1879) und Oscar Gustav Rejlander (1813–1875).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zerfiel die Bewegung der Kunstfotografen — ihre Ideen bleiben jedoch virulent.

Mit dem Aufkommen der Trockenplatte ab den 1880er-Jahren änderten sich die Arbeitsmöglichkeiten der Fotografen radikal. Die Emulsionen wurden empfindlicher und mussten nicht mehr direkt nach der Aufnahme entwickelt werden: Die Fotografen wurden mobiler und konnten Handkameras nutzen.

Damit wandelte sich auch die Ästhetik: Zusammenkopierte Bilder und gekünstelte Atelierposen, wie sie die englischen Kunstfotografen bevorzugten, kamen schnell außer Mode.
Es hielt sich jedoch die Idee, dass ein künstlerischer Fotoabzug einem Gemälde oder wenigstens einer Zeichnung ähneln müsse.

So entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert der Pictorialismus. Den Kunstfotografen, die ja überwiegend Amateure waren, ging es neben ihrem ästhetischen Konzept auch darum, sich von den Berufsfotografen, vor allem aber von der aufkommenden Knipser-Fotografie abzugrenzen.

Um 1900 hatte diese Bewegung ihre größte Bedeutung, bis in die 1940er-Jahre wurden entsprechende Salons veranstaltet. Ihre Auffassungen wirken bis heute nach.

Auch die Pictorialisten orientierten sich an den Ismen der Maler, zunächst am Naturalismus (u.a. Gustave Courbet (1819–1877), Max Liebermann (1847–1835)), später auch am Impressionismus (u.a. Paul Cézanne (1839–1906), Edgar Degas (Hilaire Germain Edgar de Gas, 1834–1917), Édouard Manet (1832–1883), Claude Monet (1840–1926)) und am Symbolismus (u.a. Arnold Böcklin (1827–1901), Paul Gauguin (1848–1903), Edvard Munch (1863–1944), Auguste Rodin (1840–1917)).

Programmatisch setzten die Pictorialisten auf Idylle, ihre Motive waren Landschaften und Porträts. Auch die Akt-Fotografie war schon sehr beliebt. Die Spuren der Industrialisierung blendeten sie bewußt aus.
Es galt, nicht bloß Objekte abzubilden. Sie wollten Emotionen darstellen — Stimmungen aus Licht und Schatten kreieren.
Anders als die Kunstfotografen verließen die Pictorialisten jedoch gerne die Ateliers und arbeiteten viel im Freien.

Es galt das Prinzip der „Intentional Creation“: alles, was das Bild bestimmte, war wohl durchdacht. Das Thema, die Komposition, die Brennweite, die verwendeten Materialien — nichts sollte zufällig sein.

Um die Gleichwertigkeit ihrer Arbeiten mit denen der anerkannten Künstler ihrer Zeit zu betonen, verschleierten die Pictorialisten gerne den technischen Aspekt ihrer Abzüge.
Die fotografierten Negative betrachteten sie dabei häufig als Rohmaterial, das auch gerne übermalt und retuschiert wurde.

In Abgrenzung zu den industriell verfügbaren Verfahren wurden im späten 19. Jahrhundert fotografische Positivverfahren entwickelt, die den Abzügen häufig eine malerische Anmutung gaben und die Herstellung von Unikaten ermöglichten.

Das sind die heute eher despektierlich als „kunstfotografisch“ benannten Edeldruckverfahren, u.a. Gummidruck, Kohledruck, Bromöldruck, Carbrodruck und Fotogravüre.
Charakteristisch für diese Verfahren ist, dass das Bild aus Farbpigmenten gebildet wird. Damit sind farbige Drucke von Schwarzweissnegativen möglich, zudem sind die Bilder lichtecht und langzeitstabil.

Wenn Sie einen solchen Edeldruck noch nicht gesehen haben, gibt es dazu heute Abend die Gelegenheit. Denn hier im Atelier — hinten neben der Treppe — hängt ein Bromöldruck des Fotografen EO Albrecht (das ist natürlich nicht Teil der aktuellen Ausstellung).

Inzwischen werden auch der Eisenblaudruck (Cyanotypie) und der Platin-/Palladiumdruck zu den Edeldruckverfahren gezählt. Technisch sind das jedoch Auskopierverfahren wie auch der Salzpapier- oder der Albuminabzug.
Bei diesen Verfahren wird das Bild aus Metallen aufgebaut.

Der Platindruck wurde 1873 erfunden. Es gibt drei leicht unterschiedliche Vorgehensweisen, das Prinzip ist jedoch einfach; Claus Dieter Geissler wird es Ihnen später vorführen.

Die Pictorialisten bildeten die erste globale Fotografiebewegung; ihre Zentren waren London und New York.
Wichtige Vertreter dieser Schule sind Peter Henry Emerson (1856–1936), George Davison (1854/55–1930), Edward Steichen (Edouard Jean Steichen, 1879–1973), Carl Christian Heinrich Kühn (1866–1944), Gertrude Käsebier (Gertrude Stanton Kasebier, geb. Stanton, 1852–1934) und Alvin Langdon Coburn (1882–1966) — um nur einige der Namen zu nennen, die heute noch bekannt sind.
Stark befördert wurde die Bewegung von Alfred Stieglitz (1864–1946) und seiner legendären Zeitschrift “Camera Work”, die von 1903 an 14 Jahre lang erschien.

Die Pictorialisten waren in Europa und den USA rund 20 Jahre lang tonangebend. Doch die Welt drehte sich weiter und der Geschmack wandelte sich.

Im Zuge der Forderung „form follows function“ begannen auch Fotografen sich auf die Eigenheiten ihres Mediums zu konzentrieren und sich von der Malerei zu emanzipieren. Künstler beider Bereiche akzeptierten, dass die unterschiedlichen Medien ganz individuelle Eigenschaften besaßen und jeweils eigene Möglichkeiten der Darstellung boten.

Neben anderen Pictorialisten ging auch Alfred Stieglitz diesen Weg. Als Herausgeber seiner Zeitschrift hatte er noch geschrieben, dass jede veröffentlichte Abbildung (image) ein Bild (picture) sei, keine Fotografie. 1923 betonte er dann, seine Fotografien sähen aus wie Fotografien.

Die Zeit der Straight Photography und der neusachlichen Fotografie war angebrochen, Inszenierungen und Manipulationen der Fotografien wurden nun abgelehnt. Detailtreue und eine absolute Bildschärfe werden zentrale ästhetische Kriterien.

Die Edeldruckverfahren und vor allem der Platin-/Palladiumdruck haben jedoch alle Moden überstanden und gehören nach wie vor zum umfangreichen fotografischen Werkzeugkasten.

Und wie unsere Ausstellung zeigt, eignen sich die alten Verfahren prima für die zeitgenössische Kunstproduktion.
Denn angesichts der Marginalisierung der emulsionsbasierten Fotografie hat der handwerklich perfekt ausgearbeitete Fotoabzug inzwischen einen ganz besonderen Stellenwert.

Vielen Dank fürs Zuhören!

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    Literatur:

  • Alfred Stieglitz. With an Essay by Dorothy Norman. New York: Aperture, 1989. (= Aperture Master of Photography; 6)
  • Camera Work. A Pictorial Guide. Hg. v. Marianne Fulton Margolis. New York: Dover Publications, 1978.
  • Freund, Gisèle: Photographie und Gesellschaft. Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 1976. (= Passagen)
  • The George Eastman House Collection. Geschichte der Photographie. Von 1839 bis heute. Köln: Taschen, 2005.
  • Hammond, Anne: Naturalismus und Symbolismus Die piktorialistische Fotografie. In: Neue Geschichte der Fotografie. Hg. v. Michel Frizot. Köln: Könemann, 1998. S. 292–309.
  • Newhall, Beaumont: Geschichte der Photographie. Aus d. Amerikan. von Reinhard Kaiser. Brosch. Sonderausg. München: Schirmer-Mosel, 1989.
  • Weaver, Mike: Künstlerische Ambitionen. Die Versuchung der schönen Künste. In: Neue Geschichte der Fotografie. Hg. v. Michel Frizot. Köln: Könemann, 1998. S. 184–195.

 
 


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ab Mai in der schaelpic: „Labyrinthe“ von Claus Dieter Geissler und „Gimen no shitade“ von Keiichi Ito 31. März 2014

Posted by Martin Frech in schaelpic photokunstbar.
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In unserer zweiten Ausstellung im Rahmen des Jahresprogramms Silber und Bytes — 175 Jahre Photographie stellen wir ab Mai zwei zeitgenössische Positionen zur Kunst des Platindrucks vor:

Der Künstler Claus Dieter Geissler hat sich mit den Todesmärschen der Opfer des Nationalsozialismus beschäftigt und einen starken, expressiven Zyklus von 25 Platindrucken auf Holz geschaffen, den er in einer wandfüllenden Installation präsentiert. Claus Dieter Geissler lebt und arbeitet auf den Straßen Europas. 1952 geboren fühlt er sich dort seit Anfang der 70er Jahre zuhause. Hier begegnet er den Themen und Geschichten, die ihm die Straßen erzählen. Er versteht sich als Street-Artist, nicht als Street-Photograph — mit den Mitteln der Photographie ist er als bildender Künstler stets auf der Suche nach neuen Wegen.

Die Suggestionskraft und Ästhetik seiner Arbeiten liegt im Indirekten. Sie machen nachdenklich. Nie geht es um das, was abgebildet ist, oft um das, was gerne vergessen wird. Er arbeitet zum einen mit den Materialien und Dingen, die er auf der Straße findet, zum anderen interessiert ihn, wer hier unterwegs ist. Reiseberichte entstehen, abstrakt und eindrücklich. Seine aktuellen Arbeiten bilden dieses Spektrum ab.

Für die Bearbeitung der Abzüge zieht er sich jedoch immer wieder ins eigene Labor nach Köln zurück. Claus Dieter Geissler erhielt Stipendien in Irland und Frankreich, Ausstellungen in Barcelona, Nimes, Liverpool, Moskau und Belgrad, in Holland und Litauen, darüber hinaus in New York und Tokyo. Er ist Mitbegründer und Mitwirkender verschiedener europaweit agierender Künstlernetzwerke und hatte von 2001 bis 2004 ein Atelier in Barcelona.

aus Labyrinthe; © Claus Dieter Geissler

Im Kontrast zu Geisslers Arbeiten stehen die leisen und zarten Platinprints von uralten Sakurabäumen des japanischen Photokünstlers Keiichi Ito.

Geboren 1950 in Tokio, ist Ito ein photographischer Autodidakt. Der studierte Elektroingenieur und passionierte Bergsteiger befasste sich nur am Rande mit Photographie, um das Aufwachsen seines Sohnes und unwiederbringliche Erfahrungen beim Bergsteigen mit der Kamera zu dokumentieren. Als 1980 sein Schwager unerwartet starb, berührte ihn dieses traurige Ereignis so sehr, dass er über sein bisheriges Leben nachdachte, seinen Beruf als Elektroingenieur aufgab und mit 55 Jahren ein neues Leben als professioneller Photograph begann.

Wie viele andere japanische Photokünstler ist Keiichi Ito fasziniert davon mit den Mitteln der Photographie die Zeit festzuhalten. Die meisten seiner fotografischen Projekte widmen sich diesem Thema. Keiichi Ito versucht dabei jedoch nicht mittels Langzeitbelichtungen möglichst viel Zeit aufzunehmen, vielmehr sucht und findet er Sujets, die die Zeitlosigkeit der japanischen Seele repräsentieren: Jahrhunderte alte Sakurabäume zum Beispiel oder die Hände von japanischen Handwerkern, die als „lebender Nationalschatz“ traditionelle Kunstfertigkeiten fortführen und bewahren.

Dabei arbeiten Ito wie Geissler vollständig analog. Ito fotografiert auf Film, entwickelt und belichtet seine Photographien alle selbst. Seine bevorzugte Technik ist die Platin-/Palladiumtechnik angewandt auf speziell beschichtetem japanischen Washi-Papier. Die ausgestellten Prints zeigen verschiedene Sakurabäume, die als „nationale Denkmäler“ gelten und meist mehrere hundert Jahre alt sind. Diese Bäume werden mit Stangen gestützt, um die schweren Äste zu entlasten. Diese Motive strahlen in ihrer Gesamtheit und aufgrund der von Keiichi Ito gewählten Platin-/Palladiumtechnik eine zeitlose, in sich ruhende Ästhetik aus, die den Betrachter einlädt, sich mit den zahllosen Details der Motive zu beschäftigen und selbst zur Ruhe zu kommen.

Keiichi Itos Serie über Jahrhunderte alte Sakurabäume umfasst zehn Platin-/ Palladiumprints, die wir in Zusammenarbeit mit der Micheko Galerie aus München erstmals in Deutschland präsentieren.

aus Gimen no shitade; © Keiichi Ito

175 Jahre nach Vorstellung der Daguerreotypie, des ersten praxistauglichen Verfahrens der Photographie, widmet sich die Kölner schaelpic photokunstbar im Medienviertel rund um die Schanzenstraße im Laufe dieses Jahres mit einem Schwerpunktprogramm dem Jubiläum der Photographie. Im Zentrum stehen dabei vier Ausstellungen mit fünf Photokünstlern aus Wien, Tokyo, Köln und Basel, die mit alten und modernen Verfahren der Photographie künstlerisch arbeiten. Begleitet werden die Ausstellungen von einem Rahmenprogramm aus Workshops, Künstlergesprächen, Workshops und Filmabenden. (Aktuelles Gesamtprogramm unter www.schaelpic.de.)

Claus Dieter Geissler: Labyrinthe und Keiichi Ito: Gimen no shitade
Ausstellungsort:
schaelpic photokunstbar
Schanzenstraße 27
51063 Köln
Tel. (02 21) 29 99 69 20
Ausstellungsdauer:
19. Mai 2013 bis 21. August 2014
(Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung)
Vernissage mit Live-Demonstration des Platin-Palladium-Verfahrens:
Freitag, 16. Mai 2014, ab 18.30 Uhr

 
 


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