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Mission: analog ≠ retro

Analoge Medien sind nicht retro, sondern analog

Wird gegenwärtig über klassische und digitale Medien geschrieben oder geredet, ist das R-Wort meist nicht weit: der zarte Boom (Instax, Plattenspieler, Super-8) wird gerne mit „Retro“ er- und damit als Lifestyle verklärt („Hippster-Verdacht“). Hört auf damit — ich kann das nicht mehr hören.

Retrodesigner | (c) Martin Frech, 2014 | Fuji Superia 800, Olympus XA
Retrodesigner | © Martin Frech, 2014
 

Als ob es eine Gesetzmäßigkeit gäbe, dass die jeweils digitale „Weiter“-Entwicklung das bessere und somit die natürliche Ablösung des vordigitalen wäre. Ist es aber nicht!

Analoges Arbeiten zeitigt andere Ergebnisse als die digitalen Prozesse — das ist der Punkt!
Ein in der Dunkelkammer angefertigter Farbabzug eines Farbnegativs hat beispielsweise eine andere mediale Qualität als der Medienbruch der Ausbelichtung einer Bilddatei.

Denn die historisch gar nicht mehr so neuen Medien sind tatsächlich neue Medien. Die Ingenieure und Techniker greifen ab einer bestimmten Entwicklungsphase zwar gerne auf eingeführte Metaphern zurück und orientieren die Oberflächen ihrer Geräte — beispielsweise im Kamerabereich, aber auch im Tonstudio — an den Vorbildern. Das ändert jedoch nichts daran, dass die solcherart vorgeblich „digitalisierten“ Medien tatsächlich etwas neues sind: neue Medien mit einer neuen medialen Qualität. Im Bereich der Fotografie ist offensichtlich, dass die herkömmliche Fotografie genetisch in der Alchemie gründet. Die mangels eines korrekten Begriffs so genannte „Digitale Fotografie“ (ein nicht zu unterschätzendes historisches Versagen) wurzelt hingegen in der Quantenphysik. Die Verschiedenheit ist evident.

Klar ist auch, dass das Marketing in der Fläche diese Unterschiede bewusst negiert — ist das Produkt doch vordergründig eine Weiterentwicklung und kann als „besser“ vermarktet werden. Dabei ist es doch nur „anders“. Der Foto-Markt hat dennoch wie gewünscht funktioniert — die vermeintlich veralteten Produkte wurden weniger nachgefragt, die Fertigungskapazitäten wurden entsprechend der privatwirtschaftlichen Logik abgebaut. Und irgendwann gab/gibt es angeblich keine Wahlmöglichkeit mehr.

Klar, die neuen Medien eröffnen neue Möglichkeiten, die ich schätze und gerne nutze. Doch sie ersetzen eben nicht die anderen, ihre angeblich veralteten angeblichen Vorgänger. Dabei ist es kein entweder/oder — es ist ein sowohl-als-auch. Die Medienwissenschaft hat das Phänomen beschrieben: ist ein Medium lange genug da, verschwindet es nicht einfach. Das mag sein, solange die technischen Voraussetzungen nicht allzu kompliziert sind. Die Drucktechniken oder das Pressen einer Schallplatte beispielsweise sind sowohl hinsichtlich der Produktionsmaschinen als auch der eingesetzten Rohstoffe vergleichsweise einfach — Produktionsstrukturen und die Materialversorgung können mehr oder weniger geschmeidig der Nachfrage abgepasst werden.

Im Foto- und Filmkontext haben wir jedoch folgendes Problem. Sowohl die Apparate- als auch die Verbrauchsmaterial-Technik waren in den 1990er-Jahren nach einer mehr als 150jährigen Entwicklung auf einem entsprechend hohen Niveau. Komplizierte industrielle Fertigungsprozesse waren bei international etwa zwei handvoll Firmen implementiert. Es gab keinen Markt für die Produktionsmaschinen, diese wurden als Sonderanlagen individuell gebaut. Die chemischen Rezepte und Prozesse waren ebenfalls Ergebnis jahrzehntelanger firmeninterner Entwicklungen und sind kein Gemeingut. Das gilt für den Schwarzweiß- und insbesondere für den Farbbereich.

Wird eine solche Struktur aufgegeben, ist sie unter veränderten Marktbedingungen skaliert kaum wiederzubeleben. Die verdienstvollen Bemühungen von Herrn Böddecker in Bad Saarow, das Impossible(!)-Projekt oder die nur zähen Fortschritte in Ferrania legen mir diesen Schluss jedenfalls nahe; das ist vergleichbar mit dem Abschalten eines Hochofens, der auch nicht einfach wieder angefeuert werden kann. (Und wer mir jetzt mit dem Nassplatten-Prozess kommt, hat die Dimension nicht verstanden.)

Martin Frech 9/2016
Notizen zur Fotografie: medienfrech.wordpress.com


 
Abstract
Martin Frech: Previsualization vs. Post Production — Farbe in der analogen und digitalen Fotografie

Wenn wir Fotografien farbig sehen, erliegen wir einer Sinnestäuschung: In der Geschichte der Farbfotografie gibt es mit Lippmanns Heliochromie nur ein einziges praktisch angewandtes Verfahren, das im Moment der Aufnahme ein Farbspektrum als solches aufnimmt. Dieses ist jedoch seit über 100 Jahren nicht mehr in Gebrauch. Alle anderen praktisch genutzten Farbfoto-Verfahren funktionieren trichromatisch: Ob Maxwells Farbdia-Verfahren (sein Schottenmuster war 1861 die erste öffentlich gezeigte Farbaufnahme), die Autochrome-Platte der Lumières, die verschiedenen Farbfilme oder Lands Polaroid — bei allen werden die roten, grünen und blauen Farbinformationen im Moment der Aufnahme separiert.
So auch bei der ‚digitalen‘ Fotografie. Diese ist jedoch insofern ein Rückschritt, da die Informationen für die drei Farbkanäle bei den üblichen farbenblinden Sensoren jeweils nur mit einem Teil der Auflösung registriert werden. Der größte Teil der Farbinformationen wird in einem der Belichtung nachgeschalteten Prozess algorithmisch berechnet.
Die Technikgeschichte der emulsionsbasierten Farbfotografie hat eine bemerkenswerte Anzahl nebeneinander bestehender unterschiedlicher Verfahren zur Aufnahme und Wiedergabe von farbigen Bildern hervorgebracht. Die Farbdarstellung ist dabei jeweils wesentlich durch die Eigenschaften der eingesetzten Materialien bestimmt. So wird die Auswahl der Materialien zwangsläufig Teil des kreativen Prozesses — schon vor der ersten Belichtung.
Wird digital gearbeitet, ist die Qualität der Farben dagegen eine eine permanente Option in der Nachproduktion.
Im Vortrag werden Verfahren der zeitgenössischen Farbfotografie vorgestellt. Gemeinsam gehen wir den Fragen nach, welche Relevanz dem Material-Aspekt in diesem Kontext zukommt und wie man mit der zunehmend problematischen Verfügbarkeit von fotografischem Material umgeht.

(Thema meines Workshops im Rahmen der internationalen Konferenz ‚Farbe im Kopf — Von der Wahrnehmung zur Kunst‘ [2016-09-23])



 
siehe auch:


 
zur Verfügbarkeit des Materials:

–> Shoot film, don’t kill it: http://www.savefilm.org/

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