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Anmerkungen zu Mike Crawfords Projekt ‚Obsolete and Discontinued‘ 5. Februar 2017

Posted by Martin Frech in Foto-Ausstellung, Foto-Projekt, schaelpic photokunstbar.
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Im vergangenen Herbst haben wir in Köln die Ausstellung mit Arbeiten aus dem Projekt ‚Obsolete and Discontinued‘ von Mike Crawford eröffnet (vgl. Mike Crawford: ‚Obsolete and Discontinued‘ (schaelpic photokunstbar, Köln), 7. November 2016 bis 3. Februar 2017).

Zur Einführung habe ich einen kurzen Text geschrieben, den ich hier dokumentiere.

Anmerkungen zu Mike Crawfords Projekt ‚Obsolete and Discontinued‘
© 2016 Martin Frech, Notizen zur Fotographie (NzF) (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

Es gibt Fotografen, für die der Material-Aspekt integraler Bestandteil ihrer Arbeit ist. Die Auswahl und die angepasste Entwicklung der Filme, das Anfertigen der Kontakte und schließlich die Ausarbeitung der Abzüge sind für sie neben der Wahl des Motivs wichtige und bewusste Schritte zum endgültigen Bild. Für diese Fotografen ist der Abzug Teil des Kunstwerks. Denn das Ringen mit den Eigenschaften des Materials bleibt in jedem analog hergestellten Werk mehr oder weniger sichtbar und macht dessen Aura mit aus.

Dieser Ansatz ist mitnichten rückwärtsgewandt oder gar überholt. Als ob es eine Gesetzmäßigkeit gäbe, dass die jeweils digitale „Weiter“-Entwicklung das bessere und somit die natürliche Ablösung des vordigitalen wäre. Ist es aber nicht! Das Arbeiten mit analoger Signalaufzeichnung zeitigt eben andere Ergebnisse als der digitale Workflow — das ist der Punkt!

Mike Crawfords Projekt, dessen Ergebnisse wir hier in Teilen ausstellen, deutet die Bandbreite dessen an, was mit emulsionsbasiertem — lichtempfindlichem — Fotopapier möglich ist. Es ist eben nicht damit getan, ein bestimmtes Papier zu wählen. Mitentscheidend für das Ergebnis ist die Art der chemischen Bearbeitung.

Mike betreibt in London ein Fotofachlabor. Das Projekt ‚Obsolete and Discontinued‘ begann damit, dass ihm ein Kunde zahlreiche Schachteln mit altem und abgelaufenem Fotopapier brachte. Fotopapier verliert zwar nach einigen Jahren seine zugesagte Qualität und wird dann üblicherweise weggeworfen. Andererseits kann das Papier durch die Alterung aber auch interessante nichtvorhersehbare Ergebnisse liefern.

Mike verteilte das Material daher international an über 50 Fotografen mit der Bitte, damit zu experimentieren und etwas daraus zu machen.

Er bekam Abzüge zurück, die mit einer Vielzahl an Verfahren erarbeitet wurden: klassisch ausgearbeitete Prints und Lith-Prints, getont oder nicht, Abzüge von Nassplatten- und Papier-Negativen, Collagen, Fotogramme, Arbeiten mit manipulierten Emulsionen und diverse mit hybriden analog/digitalen Techniken angefertigte Bilder.

Ja, die neuen Medien eröffnen neue Möglichkeiten, die ich schätze und gerne nutze. Doch sie ersetzen eben nicht die anderen, ihre angeblich veralteten angeblichen Vorgänger. Dabei ist es kein entweder/oder — es ist ein sowohl-als-auch. Unsere Ausstellung verdeutlicht das sehr schön.

Die Medienwissenschaft hat das Phänomen beschrieben: ist ein Medium lange genug da, verschwindet es nicht einfach. Das mag sein, solange die technischen Voraussetzungen nicht allzu kompliziert sind. Die Drucktechniken oder das Pressen einer Schallplatte beispielsweise sind sowohl hinsichtlich der Produktionsmaschinen als auch der eingesetzten Rohstoffe vergleichsweise einfach — Produktionsstrukturen und die Materialversorgung können mehr oder weniger geschmeidig der Nachfrage abgepasst werden.

Im Foto- und Filmkontext haben wir jedoch folgendes Problem. Sowohl die Apparate- als auch die Verbrauchsmaterial-Technik waren in den 1990er-Jahren nach einer mehr als 150jährigen Entwicklung auf einem entsprechend hohen Niveau. Komplizierte industrielle Fertigungsprozesse waren bei international etwa zwei handvoll Firmen implementiert. Es gab keinen Markt für die Produktionsmaschinen, diese wurden als Sonderanlagen individuell gebaut. Die chemischen Rezepte und Prozesse waren ebenfalls Ergebnis jahrzehntelanger firmeninterner Entwicklungen und sind kein Gemeingut. Das gilt für den Schwarzweiß- und insbesondere für den Farbbereich.

Wird eine solche Struktur aufgegeben, ist sie unter radikal veränderten Marktbedingungen skaliert kaum wiederzubeleben. Die Aktivitäten von Mirko Böddecker in Bad Saarow (ADOX Fotowerke), Florian Kaps‘ Impossible Project [sic] oder die nur zähen Fortschritte in Ferrania (FILM Ferrania; Nicola Baldini, Marco Pagni; 2013) legen mir diesen Schluss jedenfalls nahe; das ist vergleichbar mit dem Abschalten eines Hochofens, der auch nicht einfach wieder angefeuert werden kann.

Foto- und Medienkünstler, die emulsionsbasiert arbeiten, haben daher zunehmend Probleme mit der Materialbeschaffung.

Sie haben gegenüber den Kollegen in den anderen Sparten — beispielsweise den Malern oder Bildhauern — das Problem, dass sie am Tropf einer Industrie hängen. Und zwar einer Industrie, die mit der angewandten Fotografie und den Vorführkopien des Kinos groß geworden ist. Zu groß für heutige Verhältnisse.

Die angewandten Fotografen sind umgestiegen und im Kino werden Bilder aus Daten projiziert. Jetzt reicht die Material-Nachfrage der Fotokünstler offenbar nicht, um die industrielle Produktion zu finanzieren. Also verschwinden die Produkte vom Markt.

Wie anfangs dargelegt, haben die Künstler jedoch ernsthafte Gründe, an ihrem Material festzuhalten. Was tun, wenn man weiterhin emulsionsbasiert arbeiten will?

Die US-amerikanische Fotokünstlerin Judith Joy Ross hat mit der Schwarzweiß-Fotografie aufgehört, als ihre Vorräte an Auskopierpapier aufgebraucht waren. Dito Manfred Hamm mit der Farbfotografie, weil sein bevorzugtes Diamaterial nicht mehr erhältlich ist.

Eine andere Möglichkeit ist, sich von Industrieprodukten unabhängig zu machen; wie beispielsweise die Kollegen von der Nassplatten-Fraktion, die ihr Material selbst beschichten oder Lomig Perrotin, der in Frankreich primitive Rollfilme selbst herstellt.

Eine weitere Möglichkeit wären staatliche Subventionen zum Erhalt der Film- und Fotopapierproduktion. Das — und den Welterbe-Titel für den fotochemischen Film — fordert beispielsweise die Medienkünstlerin Tacita Dean.

Als ob das Materialproblem nicht schon schlimm genug wäre, habe ich zudem von Kollegen gehört, die sich für das Festhalten an ihrer Arbeitsweise rechtfertigen müssen. Im Sinne von: steig‘ doch endlich um — digital ist doch eh‘ viel besser.

Wäre es nicht sinnvoller, die Kollegen in ihrem Tun zu bestärken: „Don’t kill film, shoot it“ — und sich nebenbei dafür einzusetzen, dass diese Kulturtechnik erhalten bleibt?

 
 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

In knapp einem Jahr soll es wieder Ektachrome-Filme geben. 5. Januar 2017

Posted by Martin Frech in Film, gute Idee, Markt.
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Das Jahr fängt gut an: Kodak Alaris hat anlässlich der CES 2017 (Consumer Electronics Show) mitgeteilt, dass die Produktion der Ektachrome-Filme wieder angefahren werden wird: #EktachromeIsBack.

Wow!

Der Retro-Trend hält also an — oder gibt es tatsächlich die Analog Renaissance, von der Kodak seit der Ankündigung der neuen Super-8-Kamera redet?

Ab dem vierten Quartal 2017 soll das Diamaterial in Kleinbild- und Super-8-Konfektionierung wieder erhältlich sein.
Da bekommen die Helden aus Ferrania ja mächtig Konkurrenz — allerdings versprechen die zusätzlich Rollfilme.

Screenshot von der Kodak-Website:

2017-01-05_ektachrome-kommt-zurueck

 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Marktübersicht Baryt-Fotopapiere 10/2016 19. Oktober 2016

Posted by Martin Frech in Markt, Technik.
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Aktuell gibt es zwölf (zumindest dem Namen nach) verschiedene Baryt-Fotopapiere (kontrast­variabel, glänzend) auf dem deutschen Markt. Sieben davon werden — teils im Auftrag — von Harman in England produziert; der Rest kommt von Foma und Adox.
Die Preise sind in den letzten Jahren erfreulich stabil.

In einer Übersicht habe ich die Marktsituation abgebildet, mitsamt den Nettopreisen ausgewählter deutscher Lieferanten und den Preisänderungen gegenüber dem Vorjahr für die 24×30-Größe.

Martin Frech: Marktübersicht Baryt-Fotopapiere 10/2016

–> Download meiner Marktübersicht Barytpapiere 10/2016 (pdf-Datei).

–> Mission: analog ≠ retro

 
 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Marktübersicht Baryt-Fotopapiere 10/2014 30. Oktober 2014

Posted by Martin Frech in Markt, Technik.
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Aktuell gibt es zwölf (zumindest dem Namen nach) verschiedene Baryt-Fotopapiere (kontrast­variabel, glänzend) auf dem deutschen Markt. Sieben davon werden — teils im Auftrag — von Harman in England produziert; der Rest kommt von Foma und Adox.
Die Preise sind gegenüber 2013 unverändert.

Ilford hat das Multigrade IV FB zum Multigrade FB Classic upgegraded; versprochen werden schärfere Bilder, eine höhere Maximaldichte und — was mich besonders freut — eine um 50% verkürzte Auswässerungs­zeit. Der Werbezettel(1) listet weitere Verbesserungen auf, das Datenblatt(2) ist aktualisiert.
Wer hat schon Erfahrungen mit dem neuen Papier? Über Kommentare freue ich mich!

Das „Kentmere Fineprint VC Baryt“ ist jedoch nicht mehr auf dem Markt. Als Ersatz bietet sich Harmans neues „Multigrade FB Cooltone“(3) an, das mit 1,68 € leider 70 Cent teurer ist als das Kentmere-Papier vom letzten Jahr. Ob es um so viel besser ist als das von mir geschätzte Kentmere-Papier, wage ich zu bezweifeln; der Markt halt.

In einer Übersicht habe ich die Marktsituation abgebildet, mitsamt den Preisen ausgewählter deutscher Lieferanten und den Preisänderungen gegenüber dem Vorjahr für die 24×30-Größe.

–> Download meiner Marktübersicht Barytpapiere 10/2014 (pdf-Datei).

Haben Sie diesen Beitrag gerne gelesen? Mussten Sie schmunzeln oder haben Sie etwas Interessantes erfahren? –> So unterstützen Sie diesen blog.

(1) „ILFORD MULTIGRADE FB CLASSIC PAPIER“ online: www.ilfordphoto.com/Webfiles/201312313219290.pdf [2014-10-30]
(2) „TECHNICAL INFORMATION MULTIGRADE FB CLASSIC“ online: www.ilfordphoto.com/Webfiles/2013116121925810.pdf [2014-10-30]
(3) „TECHNICAL INFORMATION MULTIGRADE FB COOLTONE“ online: www.ilfordphoto.com/Webfiles/20131161220152705.pdf [2014-10-30]
 

Martin Frech: 29. Januar 2007, Berlin | 1. Februar 2007, Berlin (aus "Jedes Foto ist historisch", 2007/2014)

29. Januar 2007, Berlin | 1. Februar 2007, Berlin (Diptychon)
aus „Jedes Foto ist historisch“, 2007/2014
(c) Martin Frech
(Neopan-1600-Negative vergrößert auf 30×40-Adox Fine Print Variotone Premium)

 
 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Worin besteht die Relevanz emulsionsbasierten Fotografierens? 29. September 2014

Posted by Martin Frech in Gedanken, Markt, schaelpic photokunstbar, Technik.
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Foto- und Medienkünstler, die emulsionsbasiert arbeiten, haben zunehmend Probleme mit der Materialbeschaffung.

Sie haben gegenüber den Kollegen in den anderen Sparten — beispielsweise den Malern oder Bildhauern — das Problem, dass sie am Tropf einer Industrie hängen. Und zwar einer Industrie, die mit der angewandten Fotografie und den Vorführkopien des Kinos groß geworden ist. Zu groß für heutige Verhältnisse.

Die angewandten Fotografen sind umgestiegen und im Kino werden Bilder aus Daten projiziert. Jetzt reicht die Material-Nachfrage der Fotokünstler offenbar nicht, um die industrielle Produktion zu finanzieren. Also verschwinden die Produkte vom Markt.

Die Künstler haben jedoch ernsthafte Gründe, an ihrem Material festzuhalten.
Was tun, wenn man weiterhin emulsionsbasiert arbeiten will?

Judith Joy Ross hat mit der Schwarzweiß-Fotografie aufgehört, als ihre Vorräte an Auskopierpapier aufgebraucht waren. Manfred Hamm hört mit der Farbfotografie auf, weil sein bevorzugtes Diamaterial nicht mehr erhältlich ist.

Eine andere Möglichkeit ist, sich von Industrieprodukten unabhängig zu machen; wie beispielsweise die Kollegen von der Nassplatten-Fraktion, die ihr Material selbst beschichten oder Lomig Perrotin, der in Frankreich primitive Rollfilme selbst herstellt.

Eine weitere Möglichkeit wären staatliche Subventionen zum Erhalt der Film- und Fotopapierproduktion.

Das — und den Welterbe-Titel für den fotochemischen Film — fordert beispielsweise die Medienkünstlerin Tacita Dean. Denn wenn eine Filmfabrik erst abgewickelt ist, wären die Schwierigkeiten enorm, die Produktion wieder neu zu starten.

Als ob das Materialproblem nicht schon schlimm genug wäre, habe ich zudem von Kollegen gehört, die sich für das Festhalten an ihrer Arbeitsweise rechtfertigen müssen. Im Sinne von: steig‘ doch endlich um — digital ist doch eh‘ viel besser.

Wäre es nicht sinnvoller, die Kollegen in ihrem Tun zu bestärken: „Don’t kill film, shoot it“ — und sich nebenbei dafür einzusetzen, dass diese Kulturtechnik erhalten bleibt?

Worin besteht heute die Relevanz emulsionsbasierten Fotografierens?

(Aus meiner Einführung zur Podiumsdiskussion „Silber gegen Bytes“ im Museum für angewandte Kunst Köln am 19.09.2014.)

Silber und Bytes | Silber gegen Bytes: Podiumsdiskussion
Silber und Bytes | Silber gegen Bytes; Podiumsdiskussion: Rolf Sachsse (HBKsaar Saarbrücken), Reinhard Matz (Fotograf, Autor und Künstler aus Köln), Miriam Halwani (Museum Ludwig), Thomas Bachler (Künstler aus Dresden) (v.li.).
Foto: Markus Bollen

 
 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Der Markt für Schwarzweißfilme: Ein kommentierter Überblick mit abschließender Handlungsempfehlung 28. Juli 2013

Posted by Martin Frech in Ärgernisse, Film, Gedanken, Markt, Technik.
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© 2013 Martin Frech, randgebiete.de (Kontakt)
Nachdruck oder Nutzung im Internet (vollständig oder teilweise) bitte nur nach vorheriger Rücksprache

Vor fünf Jahren habe ich mich in einem kurzen Text mit dem Markt für Schwarz­weiß­filme beschäftigt.(1) Anlass für diesen hier noch immer regel­mäßig nach­gefragten Beitrag waren damals Krisen­meldungen über Fujis Filmsparte.

Ganz abgesehen von den Dramen um Diafilme hat sich zwischenzeitlich auf dem sw-Film-Markt wieder einiges getan: Ferrania, Forte, Polaroid und Foto­kemika (Efke) haben komplett aufgegeben, Fuji hat den Neopan 1600 (gab es nur als KB) und den Neopan 400 als Rollfilm zu Grabe getragen, Kodak den Plus-X und den T-Max P3200, der Konica VX400 Monochrome war irgend­wann weg und auch um Fomas Fomapan 100 R gab es entsprechende Gerüchte.

Fujis Neopan 400 (KB) war zwischenzeitlich nicht mehr zu bekommen, letztes Jahr war er plötzlich wieder da. Nun nimmt Fuji diesen Film anscheinend ganz vom Markt(2) (und mutmaßlich mit dem Provia 400X bei der Gelegenheit auch den letzen verbliebenen hochempfindlichen Diafilm überhaupt) — vielleicht auch nur in den USA. Als Ersatz für den Neopan 400 wird in dem von einem Freestyle-Mitarbeiter veröffentlichten Fuji-Bulletin allen ernstes der Acros 100 empfohlen; ein Film mit einer komplett anderen Charakteristik.

Agfa hat in Leverkusen letztmalig 2005 die legendären Filme APX 100 und APX 400 gegossen. Das ist jetzt knapp acht Jahre her. Seitdem wird dieses Material als KB-Film verkauft. APX 400 war recht schnell ausverkauft — dieser Tage wird bekannt, dass nun auch die letzten Meter original Agfa-APX-100-Material verkauft sind. Die gekühlten Vorräte haben somit fast acht Jahre lang gereicht.

Lupus wird ab August unter dem APX-Traditionsnamen ein anderes Material (nur als KB) vertreiben.(3) Welcher „preiswerte Qualitätsfilm“ (Boeddecker) das sein wird, weiß ich leider nicht. Fotoimpex hat daraufhin erstmal die Preise für den echten APX 100 angehoben.

Juli 2013: Die letzten echten APX 100 im Drogeriemarkt (Foto: (c) Martin Frech)
Juli 2013: Die letzten echten APX-100-Filme im Drogeriemarkt
Foto: © Martin Frech

Seit Jahren ist regelmäßig von Herrn Boeddeckers Projekt zu lesen und zu hören, unter manufakturbedingungen den APX 400 wiederzubeleben. Daran wurde tatsächlich gearbeitet, ich habe 2010 auf der Photokina sogar ent­sprechende Muster gesehen. Das Projekt ist jedoch wohl (erstmal) vom Tisch. In seinem online-Forum schreibt Mirko Boeddecker im oben ange­gebenen Thread, dass sich das Projekt unter derzeitigen Markt­bedingungen nicht lohnen würde; angeblich hat er sogar den alten APX 100 bis zur jüngsten Preiserhöhung mit Verlust verkauft.

Zur Photokina 2012 hat Fotoimpex den panchromatischen Silvermax 100 eingeführt (nur KB), samt Spezialentwickler. Beworben wird das Produkt mit einem extra hohen Silbergehalt in der Emulsion. Wer den Film tatsächlich produziert und auf welcher Grundlage, bleibt ein Geheimnis. Mutmaßungen, es handele sich um Agfa-Scala-Restbestände, wurden dementiert.

Vor knapp einem Jahr hat Fotokemika aufgegeben. Die seitdem angebotenen orthopanchromatischen Efke-Filme (und somit auch die CHS-Filme von Foto­impex) sind nur Restbestände. Parallel zu seinem Silvermax will Foto­impex daher einen CHS100 II auf den Markt bringen, sogar „eine vollständige Formatabdeckung von 35mm über Rollfilme bis hin zu extra­großen Plan­filmen“(4) soll es geben. Woher der „neue“ Film kommt, ist aber auch schon wieder ein Geheimnis.

Dann gibt es Maco, die unter dem Rollei-Label alles mögliche vertreiben; vieles davon sind umkonfektionierte Luftbildfilme der Gevaert aus Belgien. (Gibt es eigentlich noch Luftbildfotografie auf Film?)
Weiterhin bereichern die Geschäftemacher der Lomographischen Gesellschaft den Markt mit ihren Eigenmarken — auch hier ist nicht wirklich klar, welches Material als Lady und Earl Grey verkauft wird.

Martin Frech: Im Flughafen Tempelhof, rot-cyan-Anaglyphen-Raumbild
Im Flughafen Tempelhof, Berlin (geschlossen seit 30.10.2008)
Raumbild (rot/cyan) | Fotos am 23.09.2007 auf APX 100: © Martin Frech

Es scheint also insgesamt noch ein so großer Markt für KB-Schwarzweiß­filme zu existieren, dass es sich lohnt, darum zu kämpfen; sogar als Zuschuss­geschäft in einer Mischkalkulation. Nur soviel ist sicher: wirklich neue Filme werden nicht mehr entwickelt.

Kürzlich hat Ferrania zwar bekanntgegeben, wieder in die Filmproduktion einsteigen zu wollen, erstmal jedoch nur mit den alten 21-DIN-Farb­emulsionen; möglicherweise allerdings in einer gewissen Formatvielfalt: „We think it is better to start revamping the very last produced emulsions. The first two that we will make are a color negative film derived from Ferrania Solaris FG-100 Plus (only for still photographs) and a professional color reversal film derived from Scotch Chrome 100. (…) We have the equipment to finish film in almost all photographic and motion picture formats: 110, 120, 126, 127, 135, 220, Super 8, Double 8, 16mm, 35mm and 70mm but at first we will put on line only the ones that are requested by the market.„.(5, Hervorhebung von mir)

Alles, was unter den diversen Handelsmarken (Adox, Bergger, Lomo, Orwo, Rollei, Spürsinn usw.) erscheint, stammt entweder aus Kühlhäusern oder ist umbenannte Ware von den verbliebenen Filmherstellern Fuji, Kodak, Harman, Foma, Gevaert und vielleicht Lucky. Möglich ist auch, dass sich jemand mit einem eigenen Rezept bei einer dieser Firmen seinen „eigenen“ Film machen lässt (in den dort technisch gegebenen Grenzen).

Nun ist umgelabeltes oder lohngefertigtes Filmmaterial ja nicht minder­wertig. Ein korrektes Datenblatt sollte es IMHO aber schon geben — doch schon das ist in diesem Segment leider nicht selbstverständlich.

Aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen sehe ich jedoch zwei grund­sätzliche Probleme:

Man weiss zum einen nicht, wie lange die Filme in welchem Format am Markt bleiben. Es gibt es einige Beispiele aus den letzten Jahren die die dies­bezüglichen Versprechen entlarven. Meine Erfahrungen mit dem Rollei R3 habe ich in (6) beschrieben, der Lomography B&W 100 (mutmaßlich ein Shanghai GP3) war auch nicht allzulange erhältlich und aktuell sind z.B. Lomos sw-Filme auch nicht mehr zuverlässig als Rollfilme zu bekommen.

Zum anderen ist unklar, ob unter dem jeweiligen Label längerfristig das selbe Material verkauft wird, oder ob man plötzlich mit einer anderen Emulsion dasteht (siehe beispielsweise das Theater um die Quellen der verschiedenen Chargen des Rollei RPX 400).

Der Preis ist jedenfalls kein zuverlässiges Argument pro Handelsmarke, wie meine kleine Marktübersicht zeigt (Durchschnittspreise der Händler Foto­impex, Nordfoto und Macodirekt — ohne Berücksichtigung von Mengen­rabatten und Versandkosten — vom 26.07.2013):

Schwarzweiß-Kleinbildfilme (135-36)
21° DIN Brutto-
preis (€)
27° DIN (nominal) Brutto-
preis (€)
Adox Silvermax S/W 4,64    
Fomapan 100 Classic 3,33 Fomapan 400 Action 4,24
Ilford Delta 100 5,22 Ilford Delta 400 5,52
Ilford FP4 4,82 Ilford HP5 Plus 4,85
Kentmere 100 2,98 Kentmere 400 2,98
Kodak T-MAX 100 4,16 Kodak T-MAX 400 4,16
    Kodak Tri-X 400 4,22
Lomography Earl Grey B&W 100 6,63 Lomography Lady Grey B&W 400 6,63
Rollei RPX 100 3,23 Rollei RPX 400 3,23
Rollei Retro 80S 2,32 Rollei Retro 400S 3,23

Dass die Filme der Handelsmarken trotzdem ihre Abnehmer finden, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Kamerafilme für einen großen Teil der Käufer Lifestyle-Produkte sind und präzise Bildergebnisse nicht im Vordergrund stehen („lo-fi“).

Zudem wird häufig nicht mehr mit dem Ziel fotografiert, eine analoge Ver­größerung zu machen — vielen reicht das Digitalisat direkt vom Negativ. Dafür spricht auch, dass der Fotopapier-Markt noch über­sichtlicher ist als der für Negativfilme.(7)
Und wenn man gar nicht an einem in der herkömmlichen Bedeutung „guten“ Negativ interessiert ist, spielt die Erfahrung mit dem Material und die damit einhergehende Abhängigkeit von selbigem auch keine grosse Rolle.

Jedoch gibt es mit Kodak, Harman/Kentmere, Foma und Fuji noch Anbieter, die Filme nach eigenen Rezepten in kontinuierlicher Qualität selbst produ­zieren.

Zu den Herstellern Lucky (SHD 100, SHD 400), Shantou (Era PSS Pan 100) und Shanghai (GP3) aus China sowie Slavich und Tasma(8) aus Russland und eventuell weiteren habe ich leider keine näheren Informationen (Wolfgang Moersch bietet von Slavich das Bromportrait-Barytpapier an und Spürsinn verpackt angeblich russischen Film als Planfilme).

Ich kann es mitunter auch nicht lassen, Maco- oder Lomo-Filme auszu­probieren; beispielsweise weil Maco bis letztes Jahr noch 127er-Roll­filme geliefert hat (wahrscheinlich via Fotokemika/Efke) und weil von Lomo mit dem Orca wieder ein 110er-Kassettenfilm kam (möglicherweise via Filmotec/Orwo).

Für den Alltagsgebrauch kaufe ich jedoch ausschließlich Ware der Hersteller Kodak, Harman und gelegentlich Foma — aus folgenden Gründen:

  1. Diese Anbieter stellen qualitätsgesichert nicht nur 100-ASA-Material her, sondern auch lieferbares 400-ASA-Material.
  2. Deren Emulsionen sind meist sowohl in der Kleinbild- als auch der Rollfilm-Konfektionierung erhältlich, häufig auch als Planfilme.
  3. Eine mittelfristige Verfügbarkeit des Materials ist vergleichsweise sicher (früher wurden Filme sogar weiterentwickelt: siehe z.B. die bis 1931 zurückreichende Ahnenreihe des Ilford HP5+ oder die fast 60-jährige Geschichte des Kodak Tri-X).
  4. Ich bin unabhängig von einzelnen Händlern.

Ich weiss natürlich nicht, ob bei Kodak/Harman/Foma das jeweils komplette Programm kontinuierlich produziert wird, oder ob bei bestimmten Filmen nur Lagerbestände vermarktet werden (und wenn die weg sind, das Produkt ausgelistet wird, siehe aktuell Kentmere und das Kalttonpapier(9)).

Auch weiss ich, dass Kodak insgesamt ein Wackelkandidat ist. Es ist nicht aus­geschlossen, dass dort auch bei der Filmsparte ganz plötzlich der Stecker gezogen wird — wie bei der Filmfabrik Wolfen (1994), Agfa (2005), Forte (2007), Polaroid (2008), Ferrania (2009) und Fotokemika (2012). Das erscheint mir bei Harman unwahrscheinlicher, da die Firma die Umstrukturierung schon hinter sich hat und das Schwarzweiß-Geschäft noch deren einziger Geschäfts­zweck ist.

Ich habe schon so manchen Film kommen und gehen sehen, von einigen habe ich die Verpackungen aufbewahrt. (Foto: (c) Martin Frech)
Ich habe schon so manchen Film kommen und gehen sehen, von einigen habe ich die Verpackungen aufbewahrt.
Foto: © Martin Frech

Foma-Filme mag ich gerne, vor allem den Fomapan 400, ebenso Harmans Ilford HP5+. (Würde ich scannen, fiele meine Wahl auf Kodaks Tri-X.) Bei wenig Licht gefällt mir Kodaks T-Max 400, den ich regelmäßig mit einem EI von 33° DIN belichte. Diese drei Filme sind meine Favoriten, schon weil ich sie jeweils als KB-, Roll- und 4×5″-Planfilme bekomme.

Für welchen Film man sich letztlich entscheidet, ist Geschmackssache — die Qualität einer Fotografie misst sich jedenfalls nicht primär an der verwendeten Emulsion und wirklich schlechtes Material ist nicht mehr am Markt. Jedenfalls außerhalb von ebay — dort wurde kürzlich sogar noch der Foto 64 der ver­blichenen Svema angeboten; ein schon zu DDR-Zeiten berüchtigter Film.

Wichtig ist, dass man sich die Zeit nimmt, sein Material unter den ver­schiedenen persönlichen Arbeitsbedingungen kennenzulernen. Hat man einen Favoriten gefunden, sollte man sich möglichst viel davon kaufen und ein­frieren. Filme werden nie mehr so günstig sein wie heute und gefrorene Schwarz­weißfilme halten sehr lange. Um die Chemie muss man sich ebenfalls keine großen Sorgen machen: Im Gegensatz zu den Farbentwicklern kann man sich die Schwarzweißentwickler einfach aus wenigen Grundchemikalien selbst mixen — die Rezepte sind vielfach dokumentiert.

.. — ..
(1) Martin Frech: Gedanken zum Markt für Schwarzweissfilm. online: https://medienfrech.wordpress.com/2008/03/23/gedanken-zum-markt-fur-schwarzweissfilm/ [2013-07-23]
(2) https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10152451140034298&set=a.388202754297.167158.349078044297&type=1http:// [2013-07-23]
(3) http://forum.fotoimpex.de/index.php?showtopic=3045 [2013-07-23]
(4) http://forum.fotoimpex.de/index.php?showtopic=2971 [2013-07-23]
(5) Nicola Baldini: An unexpected great feedback. online: http://www.filmferrania.it/blog/2013/7/27/a-great-feedback [2012-07-27]
(6) Martin Frech: Film: Rollei R3. online: https://medienfrech.wordpress.com/2009/07/26/film-rollei-r3/ [2013-07-23]
(7) Martin Frech: Marktübersicht Baryt-Fotopapiere 10/2012. online: https://medienfrech.wordpress.com/2012/10/28/marktubersicht-baryt-fotopapiere-102012/ [2013-07-23]
(8) http://www.slavich.com/; http://www.tasma.ru/en/ [2013-07-24] (–> Bildbeispiele auf Tasma-Film bei flickr)
(9) Martin Frech: KENTMERE Fineprint VC FB eingestellt: Letztes verbliebenes Kalttonpapier ist bald Geschichte. online: https://medienfrech.wordpress.com/2013/07/19/kentmere-fineprint-vc-fb-eingestellt-letztes-verbliebenes-kalttonpapier-ist-bald-geschichte/ [2013-07-24]

–> Mission: analog ≠ retro
 
 
 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)