jump to navigation

Die Marketingkampagne zur „Yashica digiFilm™ Camera Y35“ — mit schönen Belegen zu Baudrillards Simulacrum-Idee 12. Oktober 2017

Posted by Martin Frech in Ärgernisse, Technik.
Tags: , , , , ,
add a comment

Abstract.
A Kickstarter campaign raising funds for the digital camera “Yashica digiFilm™ Camera Y35” hat gotten surprisingly successful. The product in question is a toy camera whose interface imitates certain aspects of operating classical 35 mm film cameras. The core idea appeals to me, yet I am annoyed that the product is advertised as being closely linked to film photography. The following text takes a critical look at the technical details, as known thus far.

Seit einigen Wochen kursieren stimmungsvolle Videos, die eine neue Yashica-Kamera andeuten (es darf dort sogar genußvoll geraucht werden; siehe youtube.com/channel/UC6en9TEc7y9rSiawMVfgxSg/videos). Die vage gehaltenen Filmchen zeigen kein konkretes neues Produkt; vielmehr versuchten sie uns in die R*-Falle zu locken und nährten geschickt die Hoffnung auf eine neue Film-Kamera.


Kamera: Yashica T5 (Kyocera, ca. 1995); Film: Kodak Farbwelt 200
© Martin Frech, 2017

 

Nun ist es raus: #ätschibätsch — wieder alles nur Fake.

Kürzlich begann eine Kickstarter-Kampagne (kickstarter.com/projects/1940283777/) zur Finanzierung der digiFilm™ Camera Y35 unter dem Markennamen Yashica. Nun wurde klar: Der angeteaserte Bezug zur emulsionsbasierten („analogen“) Fotografie war nur Stimmungsmache.

Bei dem geplanten Produkt handelt es sich tatsächlich um eine einfache Digitalkamera, deren Interface allerdings bestimmte Aspekte der Bedienung von Kleinbild-Film-Kameras aufgreift.

So nach dem Motto: auf Film zu fotografieren ist umständlich und zeitigt mindere Qualität (vgl. bspw. auch die Lomographen). Bauen wir also eine Digitalkamera mit diesen Eigenschaften in ein Gehäuse, das einer der derzeit so beliebten historischen Film-Kompaktkameras nachempfunden ist, wird die Urban-Outfitters-Kundschaft begeistert sein.

Et voilà, die vorläufigen technischen Daten:

  • 1/3.2″-CMOS-Sensor (das ist z.B. die Größe des iPhone-5-Sensors); 14 Megapixel Auflösung; die Dateien (jpeg) werden auf einer SD-Karte gespeichert (wahrscheinlich mehr als 36 Dateien pro Karte).
  • Objektiv aus Glaslinsen; Brennweite KB-äquiv.: 35 mm; f/2.8 (fix); kein Filtergewinde; Mindestentfernung etwa 1 m; keine Angaben zur Fokusierung. Ich nehme an, es ist ein Fixfokus-Objektiv, da eine Brennweite von 4,6 mm bei f/2.8 auf einen 1/3.2″-Sensor eine Hyperfokal-Distanz von ca. 2 m hat.
  • Verschlußzeiten: 1/500 s; 1/250 s; 1/60 s; 1/30 s; 1 s (keine definitiven Angaben zum Stativgewinde)
  • Einfacher Durchsichtsucher — ob zusätzliche Informationen angezeigt werden, ist unklar.
  • Der Aufnahmemodus wird bestimmt durch das Einlegen eines „digiFilm™“-Einsatzes. Dieses Prinzip erinnert wage an Minoltas Creative Expansion Card System ab der Dynax 7000i (seit 1988; vgl. jwhubbers.nl/mug/mug.html).
    Die „digiFilm™“-Einsätze sind APS-Filmkassetten nachgebildet.
    Zur Markteinführung sind vier Modi vorgesehen: digiFilm™ — ISO1600 High Speed (ISO 1600/33°); digiFilm™ — Black & White (ISO 400/27°); digiFilm™ — ISO200 Ultra Fine (ISO 200/24°) und digiFilm™ — 120 Format (6×6) (ISO 200/24°, für Instagram); weitere seien in Vorbereitung, heißt es.
  • Keine Angaben dazu, ob es einen automatischen Weißabgleich geben wird, oder eine „Tageslicht-Anmutung“ durch eine definierte Farbtemperatur-Abstimmung (dann könnten später Kunstlicht-digiFilm™-Einsätze angeboten werden).
  • Nach dem Einlegen des „digiFilm™“-Einsatzes muss der Fake-Filmtransporthebel betätigt werden.
  • kein Display zur Bildkontrolle (vgl. Leica M-D); keine Möglichkeit, Dateien in der Kamera zu löschen
  • Seltsam, dass man keine Rückspulkurbel betätigen muss, um den „digiFilm™“-Einsatz zu wechseln. Auch wird die SD-Karte wohl nicht gelöscht, wenn man die Rückwand zur Unzeit öffnet.

Diese Liste lässt also einige Fragen offen und es ist durchaus möglich, dass das fertige Produkt in einigen Punkten besser/anders sein wird (der Hersteller gibt sich in der Kickstarter-Kommentar-Sektion aufgeschlossen). Dennoch und trotz des m.E. zu hohen Preises war das Finanzierungsziel schnell erreicht.

Interessanterweise ist über das Verfahren der Belichtungsmessung und -steuerung nichts zu erfahren; vielleicht muss wie damals geschätzt bzw. ein separater Belichtungs­messer verwendet werden. Schon das könnte hart werden für die anvisierte Kundschaft; zumal nur Jpeg-Daten geschrieben werden, die speziell in den Lichtern bekanntlich kaum Korrekturen in der Nachbearbeitung ermöglichen. Die Kontroll­möglichkeit via Histogramm fehlt ja, schon weil die Kamera kein Display haben wird.

Und wenn das Objektiv tatsächlich nur über eine fixe Blende f/2.8 verfügt und nur die o.g. fünf Verschlußzeiten zur Verfügung stehen und die Sensor­empfindlichkeit minimal ISO 200/24° (farbig) bzw. ISO 400/27° (sw) beträgt — dann viel Spaß am hellichten Tag.

Fotografiert man beispielsweise mit dem digiFilm™ — Black & White-Modul müsste man eine sonnige Szene nach der sunny f/16 rule bei Blende 16 mit einer 1/400 s belichten. Bei der Y35 würde man also die 1/500 s einstellen und damit knapp 5 Blendenstufen überbelichten (oder einen entsprechenden Graufilter vors Objektiv halten; es soll ja kein Filtergewinde geben). Vielleicht ist das bei Kickstarter auch nur schlecht dokumentiert und es wird eine Elektronik geben, die regelnd eingreift.

Man sollte in diesem Zusammenhang wissen, dass die Y35 außer im Werbe-Blah-blah nichts mit der großartigen japanischen Kameratradition zu tun hat: Yashica ist schon lange nicht mehr die Marke der hochwertigen Kameras von einst. Die 1949 in Japan gegründete Yashica Company wurde 1983 von Kyocera übernommen und die Produktion daraufhin nach Hong Kong verlagert. 2005 wurde die komplette Kameraproduktion der Marken Kyocera, Yashica und Contax aufgegeben und 2008 verkaufte Kyocera die Yashica-Markenrechte an eine Firma in Hong Kong, die dieses Investment jetzt offenbar zu versilbern gedenkt. (vgl. en.wikipedia.org/wiki/Yashica)

Dennoch, mir gefällt das Konzept der Y35 — schade nur, dass es ein solches Billigprodukt sein muss; gewöhnliche Batterien statt speziellem Akku — das hat allerdings Style.
Ich denke schon, dass man mit der Y35 seinen Spaß haben kann (vgl. toy camera). Durch den Sucher der Y35 zu schauen ist sicher ein besseres Gefühl als The Stinky Baby Diaper Hold bzw. The radioactive cellphone offset hold (Kirk Tuck) mit Smartphones oder sucherlosen Kameras.

Wer jedoch an der Film-Erfahrung und -Ästhetik Interesse hat, ist m.E. mit einer Film-Kamera besser bedient.

–> Mission: analog ≠ retro
 


(Ich weiß, die Werbung nervt. Und ich kann nicht einmal entscheiden, was hier gezeigt wird.)

Advertisements